Vergessene Größen (3): Hans Baumann

Hans Baumann: Dieser Name selbst ist in etwa so originell wie ein Mischbrot beim Bäcker. Deshalb dachte ich mit nichts dabei, als mir das von ihm herausgegebene Buch „Russische Gedichte“ in die Hände fiel und mich mit einem Gedicht über den 1. August 1914 fesselte. Aber Hans Baumann ist wohl das, was man eine zwiespältige Persönlichkeit nennt. Manchen würden ihn auch als Wendehals bezeichnen. Für mich ist er eine vergessene Größe.

"Russische Gedichte" übersetzt von Hans Baumann

„Russische Gedichte“ übersetzt von Hans Baumann

Hans Baumann wurde im April 1914 in Amberg als Sohn eines Berufssoldaten geboren. Damit war sein Weg in den katholischen Jugendbund Bund Neudeutschland und später in der Hitler-Jugend vorprogrammiert. Sein kompositorisches Talent wurde dann auch früh entdeckt und bereits mit 18 schuf er eines seiner berühmtesten Lieder: „Es zittern die morschen Knochen“.

Dieses Lied wurde später zum Lied der Deutschen Arbeitsfront. Und ist nur eines von vielen, das nicht nur die Hitler Jugend und der Bund deutscher Mädel mit Inbrunst sangen. Hans Baumann galt als Liedermacher für jede Gelegenheit im durchorganisierten Alltag: Morgenlieder, Abendlieder, Marschlieder, Weihnachtslieder, Ostlandlieder, Vaterlandslieder, Soldatenlieder usw. Das nenne ich mal eine Karriere als Nazi-Dichter.

Zumindest eine, bei der man nach dem Zweiten Weltkrieg noch irgendwie einen Fuß in einer vielversprechende Tür bekommen sollte. Aber weit gefehlt. Denn auch die „Russischen Gedichte“, die ich da in meinem Buchantiquariat entdeckt hatte, sind ja von Baumann üversetzt und vom Bertelsmann-Verlag verlegt worden. Im Jahr 1958, wohlgemerkt.

Und wirklich hat Hans Baumann auch nach dem Krieg sein literarisches Werk fortsetzen dürfen. Hat erfolgreich eben solche russischen Gedichte übersetzt, zahlreiche Bücher für Kinder und Jugendliche geschrieben und neue Lieder für Kinder, Jugendliche und die Bundeswehr. Seine Bücher wurden in zum Teil hohen Auflagen herausgegeben und in mehrere Sprachen übersetzt.

1988 starb Hans Baumann in Murnau. Bis heute ist er ein umstrittener Autor, was dem Erfolg seiner Kinder- und Jugendbücher nichts anhaben kann. Der dtv-Verlag bietet zum Beispiel „Ich zog mit Hannibal“ unter anderem als eBook an, was nicht zuletzt die Beliebtheit des Werkes beweist. Dieses Buch wird häufig als kritische Selbstreflexion zu seinem Wirken im Dritten Reich angesehen.

Der Wandel des Autors von einem, der die typischen Nazi-Ideologien in Lieder packte, zu einem, der offenbar pädagogisch wertvolle Inhalte für die Nachkriegszeit schuf und Lyrik vom ehemaligen Erzfeind übersetzte: Eine Karriere, die man ihm erstmal nachmachen muss. Hans Baumanns wirkliche Gesinnung wird ein streitbares Geheimnis bleiben.

Kategorie Randnotizen
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

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