Die Neger und die politisch korrekte Zensur

Die Neger und die politisch korrekte Zensur

Heute ist es nicht politisch korrekt, einen Neger Neger und einen Eskimo eben Eskimo zu nennen. Schließlich soll niemand beleidigt werden, nur weil er einer bestimmten Bevölkerungsgruppe angehört oder eine bestimmte Hautfarbe hat. Diese gesellschaftlichen Auflagen sind teilweise gewöhnungsbedürftig, aber meist auch sinnvoll. Aber muss man deswegen gleich in Klassikern der Literatur herumpfuschen?

Negerkuss
birgitH / pixelio.de

Die politisch korrekte Bezeichnung für Indianer zum Beispiel ist „indigene Völker“ oder im Einzelnen „Ureinwohner Amerikas“. Eskimos nennt man bitte Inuit, den einzelnen Menschen Inuk. Wie man Zigeuner richtig nennt, ist noch nicht ganz geklärt. Zumindest hat man wohl noch keine politisch korrekte Bezeichnung gefunden, die mit ein oder zwei Wörtern auskommt. Und wer ist sich schon sicher, wie man Neger heute nennen darf.

Afroamerikaner, Schwarzafrikaner, Farbige oder einfach Schwarze? Mit Letzterem ist man wohl auf der sicheren Seite. Zumindest in Deutschland, wo es die „Initiative  Schwarze Menschen in Deutschland e.V.“ gibt. Gut zu wissen, oder? Wie sollte man denn sonst darüber reden, dass wir eine Frau als Bundeskanzlerin haben und ein Schwarzer die USA regiert. Und, dass beides vor ein paar Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wäre.

Undenkbar war sicher auch, dass man sich irgendwann mal Kinderbücher vornehmen würde, um sie auf politisch korrekte Bezeichnungen zu überprüfen. Und den ein oder anderen Fauxpas auch noch zu ändern.

So geschehen bei „Pippi Langstrumpf“ (entstand 1944) von Astrid Lindgren und „Die kleine Hexe“ (entstand 1957) von Otfried Preußler. In beiden Klassikern der Kinderliteratur kamen „Neger“ vor. Pippi selbst war die Tochter eines Negerkönigs und trifft im Kongo auf schwarze Kinder, die sich ihr zu Füßen werfen. Und dann behauptet die Göre noch, dass  die Menschen dort nie die Wahrheit sagen. Bei der kleinen Hexe sind es weiße Kinder, die sich als Neger und Zigeuner verkleiden.

Zumindest in den Originalfassungen. Inzwischen ist Pippi eine „Südseeprinzessin“ und die kleine Hexe begegnet „Messerwerfern“ statt den kleinen „Negerlein“. Aber es trifft nicht nur Kindergeschichten, sondern auch die richtigen Klassiker.  Mark Twains „Tom Sawyer“ und „Huckleberry Finn“ müssen selbst in den USA nun ohne das Wort „Nigger“ auskommen. Es wurde durch „Sklave“ ersetzt. Ist das nun politisch korrekt(er)?

Und nein, ich mag nicht über die politisch korrekte Bezeichnung der Zigeunersauce reden, sondern bleibe bei Kunst und Kultur. Aktuell steht eine aufsehenerregende Aufführung bei den Wiener Festwochen an:  Jean Genets Theaterstück „Les Nègres“ (zu Deutsch „Die Neger“) von 1959. Dabei geht es um einen Ritualmord, den Schwarze an einer weißen Frau ausführen.

Gespielt werden soll das Stück auch noch per Blackfacing. Dabei lässt man weiße Schauspieler die schwarzen Rollenspielen, statt sie einfach mit Schwarzen zu besetzen. Das war vor hundert Jahren üblich, wenn man sich noch eine Ecke mehr über Schwarze lustig machen wollte. Rassistischer geht es also kaum.

Kein Wunder, dass man im Vorfeld darüber nachdachte, wenigstens den Titel abzuändern. „Die Weißen“ oder „The Blacks“ waren im Gespräch. Hätte es das besser gemacht? Wäre das politisch korrekt genug? Wo doch die Diskriminierung damit kaum abgeschwächt würde. Warum dann nicht eher noch unterstreichen und das interessierte Volk an einem wunden Punkt treffen? Hat nicht gerade die Kunst auch die Aufgabe, zu provozieren?

Ich denke, man sollte die Finger von alten Geschichten und ihrem Wortlaut lassen. Ob nun Theaterstücke, die die Hautfarbe als Stigma der Diskriminierung verdeutlichen wollen, oder Kinderbücher, die Begriffe enthalten, die heute nicht mehr politisch korrekt sind. Wenn wir alles richtig gemacht haben, wird hinterher darüber diskutiert, was sich seit der Entstehung der Geschichten geändert hat.

Das geht mit Erwachsenen genauso wie mit Kindern. Beiden muss man stellenweise noch beibringen, dass die Hautfarbe oder Herkunft nichts über den Wert eines Menschen aussagt. Das geht aber auch, wenn man nichts daran ändert, dass der gute Nikolas die Buben ins Tintenfass tunkt, weil sie das Mohrenkind verspottet haben. Sonst müsste man Kindern auch verbieten „Cowboys und Indianer“ zu spielen. Oder es zumindest umbenennen in „Kuhtreiber und Ureinwohner Amerikas“.

5 Kommentare

  1. „Ich denke, man sollte die Finger von alten Geschichten und ihrem Wortlaut lassen.“

    Damit ist Alles gesagt und die Meinung hatte ich auch in meinem Blog vor einiger Zeit vertreten. Alles Andere wäre eine dem Mainstream geschuldete Kastration und führt irgendwann zur Verstümmelung des Ursprungs.

    • Das hast du schön gesagt, Jörg.
      Vor allem bei der Verstümmelung des Ursprungs bin ich ganz und gar deiner Meinung.

  2. Hallo!

    Ein kleiner Gegenbesuch von meiner Seite und ich habe schon vieles gefunden, das mir Spaß gemacht hat oder bei dem ich genickt habe. Ich habe mir erlaubt dein Posting bei mir zu verlinken, das passt schön als Ergänzung! 🙂

    Ich wünsche dir schöne Pfingsten und sende beste Grüße

    Nicole

  3. Ich glaube kaum, dass die Menschen bei Mark Twains „Tom Sawyer“ formuliert korrekt formuliert haben, wir suchen einen entlaufenen Farbigen dessen Ursprung in Afrika liegt … sondern einfach „Nigger“. Es gehört einfach zum Zeitkolorit … man kann Korrektheit auch bis zum Unsinn übertreiben.

Kommentieren Sie den Artikel