Was ist „einfach Krimi“? – Ein Interview mit Autorin Anne Kuhlmeyer

Was ist „einfach Krimi“? – Ein Interview mit Autorin Anne Kuhlmeyer

In Anne Kuhlmeyers neuem Roman „Drift“ gibt es eine Jahrhundertflut, eine tote Familie und fünf Menschen, die sich fragen müssen, wie viel Schuld sie im einzelnen trifft. Im Interview mit Tina spricht sie über ihre Motive, über künstlerische Freiheit und warum Krimi nicht „einfach Krimi“ sein sollte. Und über HERLAND.

Autorin Anne Kuhlmeyer im Interview (Foto: Sarah Koska)
Autorin Anne Kuhlmeyer im Interview (Foto: Sarah Koska)

Anne Kuhlmeyer, Sie haben auf der Leipziger Buchmesse 2017 gleich mehrere Lesungen gehalten und Gespräche zu interessanten Themen geführt. Was war ihr schönstes Erlebnis dabei?
Anne Kuhlmeyer: Mir haben die Veranstaltungen auf unterschiedliche Weise gefallen. Ganz besonders freute mich die Resonanz, die der Auftritt von HERLAND im Central Kabarett am Markt verursachte. Wir lasen zu fünft ( Zoë Beck, Doris Gercke, Monika Geier, Christine Lehmann und ich) vor einem lässigen, aufmerksamen und neugierigen Publikum. HERLAND ist eine Vereinigung von Schriftstellerinnen, die politische Kriminalromane schreiben und sich auch sonst einmischen. Hier der Link zum Blog.

Frauen bekommen wie überall in der Gesellschaft auch in der Buchbranche weniger Anerkennung, kriegen weniger Geld, seltener Preise. Die Wirklichkeiten, in denen Frauen leben, finden in der Literatur zu wenig Niederschlag. Deswegen hat es mich so sehr gefreut, dass der Kabarettkeller bis auf den letzten Platz besetzt war. Die Menschen waren unsertwegen gekommen, hatten nach HERLAND gefragt, nachdem wir bereits 2016 aufgetreten waren. Außerdem macht mir die Vielstimmigkeit Spaß, die Gemeinschaft, mit ihr aus der Unsichtbarkeit herauszutreten.

Kriminalliteratur ist so vielfältig wie LiteraturLiteratur…“

Rechte Szene, Flüchtlinge und „Das Boot ist voll“-Sager – warum nicht einfach Krimis, sondern immer auch aktuelle politische Themen?
Anne Kuhlmeyer: Jetzt muss ich ein bisschen lachen. Was ist „einfach Krimi“? Mord, Ermittlung, Aufklärung, Knast? Im Ernst: Kriminalliteratur ist so vielfältig wie LiteraturLiteratur und geradezu prädestiniert, um gesellschaftliche Realität abzubilden. Vielleicht ist der kleinste gemeinsame Nenner der Kriminalliteratur, dass Gewalt in ihr eine zentrale Rolle spielt.

Und Gewalt ist ein Mittel menschlicher Kommunikation, kein wünschenswertes sicherlich. Aber über sie zu schreiben oder zu lesen, führt einen an Existenziellem entlang … oder darüber hinaus. Deswegen schreibe ich innerhalb von Kriminalliteratur, was mich bewegt, politisch und gesellschaftlich.

Daneben ist jeder Roman natürlich politisch, selbst wenn er behauptet, das nicht zu sein. Seine Figuren stehen ja irgendwie in der Welt. Aber wie sie das tun, dafür sind wir als Schriftstellerinnen verantwortlich. Hat nicht auch die banalste Schmonzette eine politische Aussage, wenn SIE das ewige Opfer und ER heroische Retter ist?

Auch das Wegsehen, Weglaufen, Wegschweigen taucht in Ihren Büchern immer wieder auf. Was ist Ihnen noch wichtig?
Anne Kuhlmeyer: Die Frage, was ein „gutes Leben“ ist, zum Beispiel, wer eines hat und warum. Machtverhältnisse, Freundschaft, Ungleichheit, Motive, Wandel und Entwicklung, Liebe und Tod selbstverständlich.

„… die Flut, die braune Brühe übers Land spült, ..“

Ihr neuer Roman „Drift“ handelt von einer Jahrhundertflut. Wie viel haben Sie von den Flutkatastrophen der letzten Jahre selbst mitbekommen?
Anne Kuhlmeyer: Ich saß im Trockenen und sah die Bilder … Das Westmünsterland ist ein in jeder Hinsicht friedlicher Ort, meteorologisch, ökonomisch und politisch. Ein bisschen konservativ vielleicht, aber das ist nicht per se etwas Schlechtes. In DRIFT wählte ich die Flut, die braune Brühe übers Land spült, als Bedrohung, weil mich die rassistische, frauenfeindliche und nationalistische Haltung vieler Menschen besorgt. Meine Angst steckt in dem Bild, wohin das alles führt.

"Drift" von Anne Kuhlmeyer bei ©ariadne
„Drift“ von Anne Kuhlmeyer bei ©ariadne

Sie bringen eine Rechtsmedizinerin, eine Wolgadeutsche, einen vergesslichen Casanova, einen Jungen aus reichem Hause, einen Bauern und ein Schaf zusammen. Stand diese Auswahl von Anfang an fest?
Anne Kuhlmeyer: In etwa, ja. Die alte, die generative und die junge Generation, Archetypen, wenn man so will. Natürlich habe ich jedem Charakter eine Biographie gegeben, sonst kenne ich die Leute ja gar nicht.

Wieso genau diese Personen in dieser Zusammenstellung?
Anne Kuhlmeyer: Die alten Intellektuellen denken, erinnern (oder vergessen), bewahren schreibend. Die Tatkräftigen gestalten und richten sich ein. Der Junge, der ein Mädchen sein will, übernimmt Verantwortung für die Zukunft. Und das Schaf ist halt ein Schaf. Ein Hund wäre mir zu menschlich vorgekommen. Sie alle prägen die Welt, in der wir leben.

„Keine Heimat, keine Freunde, keine Schokoriegel.“

In der Geschichte stirbt eine Familie auf einem Floß. Gab es eine Version, in der sie überlebte?
Anne Kuhlmeyer: Nein. Das Werratal ist zwar nicht das Mittelmeer, aber es war Teil einer hermetischen, einer tödlichen Grenze. Die Menschen auf dem Floß sind so fremd wie die Flüchtlinge da, ebenso mittellos und ohnmächtig. Sie hatten nichts. Keine Heimat, keine Freunde, keine Schokoriegel. Sie konnten nicht weiter.

Was haben magische Reisen in einer Flut-Geschichte zu suchen?
Anne Kuhlmeyer: Zum einen darf man in der Literatur ja alles dürfen, nicht?! Außerdem ist es die Kultur, die uns in unserem Menschsein überleben lässt. (Das habe ich zugegebenermaßen erst spät verstanden, ich war früher als Anästhesistin eher fundamentalistisch auf Atmung orientiert.) Mit Geschichten können wir überall hin. Wir können hinaus in die Welt und günstigstenfalls ein Stück von ihr begreifen. Das machen diese fünf Eingesperrten.

Was ist eigentlich aus dem Fläschchen mit der Tinktur fürs ewige Leben geworden?
Anne Kuhlmeyer: Ehrlich gesagt, wüsste ich das auch gern.

Zu gute Letzt: Wie geht es bei Ihnen weiter? Worauf dürfen sich Ihre Fans freuen?
Anne Kuhlmeyer: Es wird ein Roman, der die Frage stellt: Wie verrückt ist verrückt, wenn sich die gesellschaftlichen Bedingungen ändern? Und wer bestimmt, was verrückt ist und was „normal“?

Kurz: Eine psychiatrische Klinik im Westmünsterland wird bombardiert. Die fette Babette, eine schwer essgestörte Köchin, und der paranoide ehemalige NVA-Militär Carl machen sich auf den Weg durchs kriegszerstörte Europa nach Afrika, ins gelobte Land. Wir werden sehen, wie nützlich ihnen ihr Sosein ist unter diesen fatalen Umständen.

Vielen Dank, Anne Kuhlmeyer, für diese spannenden Antworten!

Infos zur Person:
Anne Kuhlmeyer, geboren am 17.08.1961, studierte Medizin in Leipzig, begann ihre Facharztausbildung am Universitätsklinikum und übersiedelte 1990 ins Münsterland. Nach einigen Stationen als Anästhesistin, Rettungsmedizinerin, Schmerztherapeutin und Mutter von zwei Söhnen lebt sie heute mit ihrer Familie in Coesfeld und ist als Psychotherapeutin in Reken tätig.

Bisher veröffentlichte sie Kriminalromane, daneben Kurzgeschichten in diversen Anthologien und arbeitet redaktionell bei dem online-Feuilleton CULTurMAG und der kriminalliterarisch-feministischen Plattform HERLAND mit. In ihrer schriftstellerischen Tätigkeit nimmt sie politische und soziale Themen in ihren (weiblichen) Blick.

Kommentieren Sie den Artikel