Über Orks, Bildungslücken und das Klischee vom Gevatter Tod – Ein Interview...

Über Orks, Bildungslücken und das Klischee vom Gevatter Tod – Ein Interview mit Markus Walther

In „Buchland“ gibt Markus Walther allen Büchern ein Zuhause: Den Klassikern, den aktuellen Bestsellern, den Vergessenen und sogar denen, die noch gar nicht geschrieben sind. Im Interview geht es um all das und noch viel mehr, was Leseratten zum Fressen gern haben. Auch um den Sinn und Unsinn des Schreibens.

@Markus Walther
@Markus Walther

Herr Walther, wären Sie lieber Auktoral oder Buchbinder im Buchland oder der eine Autor, der es mit seiner Geschichte rettet?
Markus Walther: Puh! Die Frage ist schwer zu beantworten, weil ich nicht „spoilern“ möchte. Der Roman Buchland hat ja einen spielerischen Umgang mit Realität und Fiktion. Die Grenzen sollen möglichst verwischen. Das gilt für die Figuren der Geschichte ebenso wie für die Leser und den Autoren. Ich habe mich tatsächlich in das Buch hineingeschrieben, was in der Fortsetzung „Beatrice“ etwas deutlicher wird.

Somit bin ich längst -im wahrsten Sinne des Wortes- der, der ich sein möchte. Ist doch schön, sowas von sich behaupten zu können …

In „Buchland“ finden viele Ihrer Lieblingsautoren Erwähnung. Haben es auch Schriftsteller hinein geschafft, die nicht so Ihr Fall sind?
Markus Walther: Streng genommen sind ja alle Bücher im Buchland. Also die, die ich mag – und eben auch die anderen. Um die Frage aber auf die im Roman namentlich erwähnten Autoren zu beziehen: Ja.

Jetzt soll ich bestimmt ein Beispiel nennen. Nun gut. „Atlantis“ von Hans Dominik. Ich muss zugeben, dass ich es nicht annähernd bis zur letzten Seite geschafft habe. Die „utopisch-technische“ Geschichte ist mir zu trocken erdacht und der nationalistische Unterton – der wohl dem damaligen Zeitgeist zuzuschreiben ist – liegt so gar nicht auf meiner Wellenlänge. Trotzdem habe ich höchste Achtung vor dem Schriftsteller, denn mit seinen Erzählungen war er seiner Zeit weit voraus.

"Buchland" von Markus Walther bei ©acabus
„Buchland“ von Markus Walther bei ©acabus

Sie nehmen Bezug auf viele große Werke aus der Literatur, was einem als Leser schnell die eigene „Bildungslücke“ unter die Nase reibt. Wie sieht Ihre Bildungslücke aus?
Markus Walther: Sehr groß! Im Großen und Ganzen halte ich mich sogar für ziemlich ungebildet. Gott sei Dank muss ich nicht schlauer sein, als meine belesenen Protagonisten. Sagen wir es mal so: Literatur habe ich nicht studiert. Ich greife auf ein umfangreiches Halbwissen zurück, dass es mir ermöglicht, neugierig zu bleiben und dann an den richtigen Stellen dazu Recherche zu betreiben.

Es heißt dort auch, dass jede Geschichte es wert ist, erzählt zu werden. Gleichzeitig darf Literatur nicht beliebig werden. Was denn nun?
Markus Walther: Im Roman versucht sich Herr Plana, der ja die Behauptung aufstellt, an einer Antwort. Ich bemühe mich hier mal um eine andere Antwort: Dazu reiße ich jetzt mal den Anfang zu einen Plot eines Jugendromans an: ein Mädchen im Alter des Zielpublikums; vielleicht etwas älter; maximal zwei Jahre. Es ist (natürlich) ein Waisenkind. Unter Gleichaltrigen ist es aus irgendeinem Grunde Außenseiter. Trotzdem hat es eine besondere Fähigkeit. Sie verliebt sich in einen ganz, ganz tollen Jungen, der aber ein dunkles Geheimnis hat …

Kommt bekannt vor? Diese Geschichte ist bereits irgendwann mal erzählt worden. Ganz bestimmt. Und damals war sie es auch wert, erzählt zu werden. Danach wurde die Geschichte allerdings wieder erzählt. In Nuancen anders. Und noch einmal.

Das Setting kann ausgetauscht werden, auch Teile der Rahmenhandlung. Die besondere Fähigkeit kann auch der Junge haben. Dann muss halt das Mädchen ein Geheimnis mit sich herumtragen. Aber der Kern bleibt gleich. Die Geschichte wurde „beliebig“.

Anders als Herr Plana (der als Figur des Romans ja entsprechend seines Charakters auch seine Meinungen haben muss), maße ich mir jedoch kein Urteil an, was veröffentlichungswürdig ist, oder nicht. Das sollen Leute machen, die davon Ahnung haben: Verleger, Lektoren, Rezensenten, Blogger …

Sie nehmen romantische Vampire aufs Korn und werfen Elben und Orks in den Wortbrei der entbehrlichen Bücher. Keine Angst vor der großen Fangemeinde?
Markus Walther: Ich habe weder etwas gegen romantische Vampire, noch gegen Orks. Zumindest solange sie nicht vor meiner Haustüre stehen und um Einlass bitten. Vor Fangemeinden habe ich keine Angst. Die dürfen sogar vor meiner Haustüre stehen und mit mir über entbehrliche Bücher sprechen, weil sie in ihren Lieblingsgenres bestimmt selbst genug Buchtitel gekauft und gelesen haben, die sie im nachhinein für entbehrlich halten.

Die ganze Figur des Gevatters ist ein Klischee….

Der Tod rät Beatrice, jeden Tag mit Ihrem sterbenden Mann so zu genießen, als wäre es der letzte. Das klingt ziemlich nach Klischee, oder nicht?
Markus Walther: Die ganze Figur des Gevatters ist ein Klischee. Man darf nicht vergessen, dass seine Personifizierung aus dem Buchland heraus kommt. Natürlich muss sich die Figur im Rahmen der Möglichkeiten verhalten, die die literarischen Erzählungen vorgeben.

Der Gute mag also Sensen, kann durch Wände gehen und ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein hervorragender Schachspieler. Liebesromane sind ihm suspekt – vermutlich hat er deshalb noch nicht die Frau für’s Leben gefunden.

Warum haben Sie den Alkohol als Werkzeug des Todes gewählt?
Markus Walther: Ich kenne Menschen, die den Alkohol als entsprechendes Werkzeug gewählt haben.

Am Ende weint Beatrice um Herrn Plana. Fühlt es sich so an, wenn man ein Buch fertig geschrieben hat? 
Markus Walther: Tja. Wie fühlt es sich an, ein Buch fertig geschrieben zu haben? Ich kann da nur für mich sprechen. Das Ende von Buchland war befriedigend, erleichternd und auch erlösend. Der Kopf war leer, die Ideen raus und die Angst etwas nicht zum Ende zu bringen besiegt.

Dass sich die Handlungsbögen am Ende trafen, sich lösten und stimmig wirkten, kam mir wie ein kleines, persönliches Wunder vor. Also kein Grund zum Weinen.

Ein Teenager liest Buchland anders als ein bibliophiler Rentner.

Wofür steht Herr Plana wirklich?
Markus Walther: Hm. Das ist schwer in Worte zu fassen, weil die gesamte Geschichte auf unterschiedliche Weise wahrgenommen werden kann. Sie hat mehrere Erzählebenen, die der Leser entsprechend seines Erfahrungsschatzes wahrnimmt. Ein Teenager liest Buchland anders als ein bibliophiler Rentner. Das ist durchaus beabsichtigt. Für beide Leser funktioniert die Geschichte (hoffentlich). Wer oder was Herr Plana ist, liegt also im Auge des Betrachters.

Ich habe die Fortsetzung noch nicht gelesen. Was sollte ich von „Beatrice – Rückkehr ins Buchland“ besser nicht erwarten?

"Beatrice -Rückkehr ins Buchland beim ©Acabus Verlag
„Beatrice -Rückkehr ins Buchland beim ©Acabus Verlag

Markus Walther: Buchland sollte kein Fortsetzungsroman werden. Die Handlung des ersten Buches ist in sich abgeschlossen und brauchte keine Fortsetzung. Nachdem ich das Manuskript fertiggestellt hatte, begann ich mit der Arbeit an der Kriminalkomödie „Der Letzte beißt die Hunde“. Aber irgendwie gärten Ideen in meinem Hinterstübchen.

Deshalb bekam Beatrice bereits in dem Krimi einen kleinen Gastauftritt. Schnell war jedoch klar, dass es dabei nicht bleiben konnte, denn die Buchlandgeschichte erzählte sich einfach weiter. Die ersten Notizen für Buchland 2 machte ich, bevor „Der Letzte beißt die Hunde“ fertig geschrieben war.

Nicht erwarten, darf man einen Abklatsch vom ersten Teil. Der Handlungsbogen kann beinahe für sich alleine stehen. Das Buchland ist weniger Protagonist, mehr Schauplatz. Und die eigenwillige Art des Herrn Plana fehlt. Dadurch ändert sich scheinbar auch die Erzählperspektive – aber diesbezüglich habe ich noch einige Überraschungen parat.

Wie sieht ihr nächster Baustein für das Buchland aus? Schreiben Sie an einem neuen Roman?
Markus Walther: Im Augenblick schreibe ich den dritten und letzten Roman um Beatrice und ihre Lieben. Um dem Klischee gerecht zu werden, hat sich die Geschichte quasi selbst zur Trilogie erklärt. Eine Wahl habe ich gar nicht. Ich darf es nur niederschreiben. Das ist wohl so eine Art Buchland-Magie.

Vielen Dank für dieses spannende Interview, Herr Walther. Sowohl „Beatrice – Rückkehr ins Buchland“ als auch der Abschluss der Triologie wandern damit auf meine persönliche Must-Read-Liste.

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