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„Stadt der Diebe“ von David Benioff

Bücher über den zweiten Weltkrieg gibt es viele. Sie alle erzählen von erschütternden Ereignissen, von Gräueltaten, von Unmenschlichkeit, von schlimmen Schicksalsschlägen. Dieses Buch hier tut das auch, aber auf eine sehr unaufgeregte Art und mit viel Gefühl zwischen den Zeilen und den Protagonisten. Ein echter Lesetipp, auch wenn man Kriegsgeschichten eigentlich nicht mag.

Stadt der Diebe©Heyne Verlag
Stadt der Diebe©Heyne Verlag

Januar 1942. Die Deutschen belagern Leningrad und kommen dabei seit Wochen keinen Schritt weiter. Sie bringen es nicht fertig, die Stadt einzunehmen, aber sie machen den Bewohnern das Leben schwer. Statt sich unterkriegen zu lassen, entwickeln die Menschen in Leningrad Kampfgeist und Überlebensstrategien.

Sie essen Lebkuchen aus Buchleim, backen Brot aus allem, was sich zu Teig verarbeiten lässt und einige essen sogar andere Menschen. Geheizt wird mit allem, was da ist und irgendwie verbrannt werden kann. Es entstehen Wohngemeinschaften, die an spätere Hippiekommunen erinnern. Und wenn nachts die Bomben fallen, hocken die jungen Leute auf den Dächern der Häuser und halten Wache.

Zwischen all dem Chaos begegnen sich ein schüchterner Jude und ein frecher Lebemann. Oder besser: Sie werden wegen Lappalien, die nur in Kriegszeiten ernst zu nehmen sind, eingesperrt und landen dabei zufällig in einer Zelle. Und ausgerechnet diese beiden sollen für einen Funktionär des Sicherheitsdienstes zwölf Eier auftreiben, damit dessen Tochter eine anständige Hochzeitstorte bekommt.

Diese aberwitzige Mission führt Lew und Kolja bis weit hinaus vor die Tore der belagerten Stadt und näher an die verhassten Deutschen heran, als sie sich das je vorstellen könnten. Dabei begegnen sie Hunden als lebende Bomben, hübschen russischen Mädchen, die nur noch leben, weil sie für deutsche Offiziere die Beine breit machen und Partisanen, die dem Feind seine besten und widerwärtigsten Männer vor der Nase wegschießen.

Auch wenn es in dieser Geschichte viele Episoden gibt, die dramatisch, unglaublich brutal und traurig sind, bleibt Benioff cool. Er erzählt so unaufgeregt, so beiläufig von der Todesmaschinerie, von Lebensumständen, von Ängsten, Trauer und Verzweiflung, dass man dadurch umso fassungsloser darüber wird, was da geschieht.

Aber genau das macht dieses Buch aus. Es vermittelt den scharfen Kontrast zwischen den Lebensumständen von damals und heute. Jedes einzelne Kapitel wäre für sich eine ganze Sondersendung wert, würde man die Episode in die heutige Zeit verlagern. Seine ruhige, fast unbeteiligte Erzählweise macht deutlich, wie „normal“ all die großen und kleinen, heute unvorstellbaren Lebensumstände waren.

Aber es sind nicht nur die schrecklichen Dinge, die dadurch mehr zur Geltung kommen. Auch die Freundschaften, die kleinen Gesten zwischen Menschen, die sich nicht kennen und auch die Liebe treten aus der Geschichte so lebhaft und echt hervor, dass man sie intensiver zu spüren glaubt, als in jedem anderen Buch.

Stadt der Diebe ist ein Buch, dass den Luxus eines Lebens in Frieden deutlich macht. Ohne erhobenen Zeigefinger. Dafür mit feinem Fingerspitzengefühl dafür, wieviele Worte wirklich nötig sind, um noch die kleinste Begebenheit im Leser nachhallen zu lassen. Daher von mir eine ganz klare Leseempfehlung, nein eher schon ein Lesebefehl!

Titel: Stadt der Diebe
Autor: David Benioff
Übersetzung: Ursula-Maria Mössner
Verlag: Wilhelm Heyne Verlag, Verlagsgruppe Random House GmbH
ISBN: 978-3-453-40715-2

Dieses Buch habe ich mir selbst gekauft.

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