Shakespeare: Gold, Silber oder Blei (2)

„Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient.“ Für Menschen mit gesundem Selbstbewusstsein ist das ein angemessenes Angebot. Bodenständige Menschen werden es wohl für den einzig gerechten Verdienst halten. Pessimisten erwarten bei so einem Spruch natürlich sehr wenig. Doch gibt es da ja auch noch Menschen, denen die mehr wollen als der Bodenständige und der Pessimist zusammen. Und das sind trotzdem nicht die schlechtesten.

Rudolpho Duba / pixelio.de

Rudolpho Duba / pixelio.de

Wir erinnern uns: In Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ hat ein liebender Papa einen Weg gefunden, seiner Tochter selbst aus dem Grab heraus den richtigen Ehemann zuzuführen. Dazu dienen drei Truhen: Eine aus Gold, die nächste aus Silber und die dritte aus Blei. Nur der Verehrer, der die richtige Truhe wählt, darf seine Tochter heiraten.

Alle drei sind mit einem Spruch versehen. Der Spruch der goldenen Truhe verführte den Prinzen von Marokko, der lernen musste: „Alles ist nicht Gold, was gleißt,“. Doch auch der Prinz von Arragon hat kein Glück. Dabei erscheint seine Entscheidung auf den ersten Blick vernünftig, bodenständig und fast schon bescheiden. Lässt er sich doch vom Spruch „Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient.“ leiten.

Wie ehrbar, dass er nicht nach Höherem greift, als ihm zusteht. Er will nach dem entlohnt werden, was er verdient und scheint sich selbst dabei im Mittelfeld des Möglichen zu sehen. Das Blei-Kästchen ist ihm zu plump, das goldene zu protzig. Er geht auf Nummer sicher damit, wagt nichts, bleibt gemäßigt in seinen Erwartungen – und fällt damit gehörig auf die Nase:

„Siebenmal im Feur geklärt
Ward dies Silber: so bewährt
Ist ein Sinn, den nichts betört.
Mancher achtet Schatten wert,
Dem ist Schattenheil beschert;
Mancher Narr in Silber fährt,
So auch dieser, der Euch lehrt:
Nehmet, wen Ihr wollt, zum Weib
Immer trägt mich Euer Leib.
Geht und sucht Euch Zeitvertreib!“

(William Shakespeare, „Der Kaufmann von Venedig“, Zweiter Aufzug, Neunte Szene)

So lobenswert seine Absichten und Beweggründe auch sind: Wenn es um die lebenslange Verbindung mit einem Menschen geht, hält der verstorbene Schwiegervater in Spe wohl nichts von Vernunftsentscheidungen. Jemand, der das solide verarbeitete Silber dem prunkvollen Gold und dem plumpen Blei vorzieht, wird immer und in jeder Angelegenheit pragmatisch entscheiden.

Soll das nun schlecht sein? Ist das nicht genau das, was Väter ihren Töchtern wünschen? Einen Ehemann, der ihnen Sicherheit bietet, weil er nicht über seine Verhältnisse lebt, nichts wagt, was die Familie ruinieren könnte und auf solide Grundlagen baut?

Jaein. Denn was soll das für ein Leben sein, in dem man sich an einen Menschen bindet, ohne das absolut unlogische, absolut unvernünftige und selten bescheidene Gefühl der Liebe füreinander. Langweilig, frustrierend und auf eine gewisse Weise schon halbtot. Wahrscheinlich hat der Herr Papa selbst den Wert einer tiefen Liebe erkannt und im besten Falle selbst erlebt. Zumindest aber wünscht er sie seiner Tochter für deren Ehe.

Kategorie Bücher, Klassiker
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

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