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Klassiker: „Professor Unrat“ von Heinrich Mann

Pro Jahr kommen hunderte neue Bücher auf den Markt. Trotzdem lohnt es sich, auch mal ein richtig altes in die Hand zu nehmen. Ich mache das gern um Bildungslücken zu schließen, mal einen anderen Stil vor der Nase zu haben und ja, auch die Geschichten selbst interessieren mich. So wie bei „Professor Unrat“ von Heinrich Mann.

Professor Unrat ©Aufbau Verlag Berlin und Weimar 1975
Professor Unrat ©Aufbau Verlag Berlin und Weimar 1975

Eigentlich heißt der Professor ja Raat, aber er ist bei Kollegen wie Schülern so unbeliebt, dass  sie ihn umgetauft haben. Wo er geht und steht schallt es ihm entgegen: „Ich wittere Unrat!“. Natürlich meinen sie ihn damit, aber nur selten bekommt er einen zu fassen.. Nur selten kann er etwas beweisen.

Dabei versteht er sich als Hüter von Moral und Ordnung und will alle vernichten, die den Pfad der Tugend verlassen haben. Die muss er unbedingt „drankriegen“. Vor allem diesen Lohmann, in dessen Heft er neben viel zu schlauen Worten auch Gedichte auf eine Künstlerin findet, die mehr als zweideutig sind. Unrat muss herausfinden, wer dieses Weibsbild ist.

Es ist der Star der Stadt: Rosa Fröhlich. Eine Sängerin, nach der sich die Männer umdrehen und die genau damit ihren Lebensunterhalt bestreitet. Es dauert nicht lang und Unrat findet sich in ihrer Künstlergarderobe wieder. Natürlich nur, um seine Schüler davon abzuhalten, an seiner Stelle dort zu sitzen.

Doch das Fräulein Fröhlich weiß den alten Knauser um den Finger zu wickeln. Der sieht es bald als seine Pflicht an, die Rosa zu seiner Frau zu machen. Und die macht aus dem gemeinsamen Zuhause bald ein Haus des Glücksspiels und des schlüpfrigen Vergnügens. Ja, ganz recht, der Moralapostel Unrat wird zum Hausherrn einer verruchten Adresse.

Und fühlt sich gut dabei. Denn hier nun endlich kriegt er all seine ehemaligen Schüler endlich dran. Was er in 25 Jahren Schuldienst nicht schaffte, das schafft er hier Nacht für Nacht: Er treibt sie mit Affären und Spielschulden in den Ruin. Dass das auch für Ihn nicht lange gut gehen kann, ist keine Überraschung.

Heinrich Mann hat sich da schön etwas einfallen lassen. Der Professor Unrat liest sich trotz einiger fremd gewordener Begriffe schön flüssig weg und macht auch Spaß. Der kauzige Kerl mit seinem leichten Mädchen und sein Wandel von Musterbürger zum Schandfleck der Gesellschaft sind natürlich als Gesellschaftskritik am ach so sittlichen Bürgertum seiner Zeit gemeint.

Mit dieser Zeit ist die Jahrhundertwende um 1900 gemeint. Einerseits das kaiserliche Schulwesen und seine Erziehungsprinzipien, andererseits die Doppelmoral, als der Schulmeister von der Bahn des Gutbürgerlichen abkommt und verpönt ist – und dennoch füllt sich Nach für Nacht sein Haus mit der besten Gesellschaft.

Mein Fazit:
„Professor Unrat“ ist ein lesenswerter Klassiker. Zumindest wenn man gern in menschliche Abgründe schaut. Nichts anderes sieht man, wenn man dem spießigen Schulmeister beim Abstieg in seine eigene Hölle zuschaut. Der Untergang jedes anderen ist ihm ein persönlicher Triumph. Dafür wirft er sämtliche Prinzipien über den Haufen. Dafür und für die Sängerin Rosa Fröhlich.

Dieses Buch habe ich mir privat ausgeliehen. Es handelt sich um eine Auflage von 1975 aus dem Aufbau-Verlag Berlin und Weimar. 

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ommentare

  1. Liebe Tina,
    vielen Dank! Hört sich interessant an.
    Hier schlummert auch noch der ein oder andere Klassiker. Meist fische ich sie aus den Bücherkisten, die bei uns manchmal in der Straße zum verschenken stehen. Wenn man nur mehr Zeit hätte, aber das kennst Du sicherlich auch. 🙂

    1. Hallo Mandy,
      die Bücherschränke bei den Großeltern der Kids mahnen quasi bei jedem Besuch, mich doch endlich mal meinen „Bildungslücken“ zu widmen. Alle 1-2 Monate einen Klassiker, das habe ich mir nun vorgenommen. Mal sehen, was daraus wird. LG Tina

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