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„Kein Mensch muss Shakespeare lesen.“ – Ein Interview mit Frank Günther

Kein Mensch muss Shakespeare lesen? Diese Worte erwartet man nicht von jemandem, der 34 Shakespeare-Werke übersetzt und selbst ein Buch über Englands großen Dramatiker geschrieben hat. Sein Buch „Unser Shakespeare“ habe ich hier im Blog schon rezensiert, nun durfte ich dem Autor Frank Günther ein paar Fragen stellen. In diesem Interview geht es um die Arbeit als Übersetzer, unser Verhältnis zu Shakespeare heute und darum, wie Theateraufführungen heute aussehen sollten.

Herr Günther, Sie zitieren in Ihrem Buch „Unser Shakespeare“ Jakob Burckhardt mit „Wer heute über Shakespeare spricht wird wohltun, wenn er auf den Anspruch, etwas Neues zu sagen, gründlich verzichtet!“ Warum also dieses Buch?
Warum Jakob Burckhardts Rede, in der er dieser seiner tiefen Erkenntnis zum Trotz so ausführlich über Shakespeare gesprochen hat? Na also: Aus genau demselben Grund!

Frank Günther
Frank Günther ©dtv/privat

Sie haben bisher 34 der insgesamt 37 dramatischen Stücke von Shakespeare übersetzt. Welche Texte bilden die Grundlage für Ihre Übersetzungen?
Das sind immer mehrere englische wissenschaftliche Ausgaben, wie der Oxford Shakespeare, der Arden Shakespeare, der der Cambridge Shakespeare, etc. mit ihren textwissenschaftlichen Erklärungen und Anhängen.

„Der wahre Übersetzer muss der Dichter des Dichters sein.“ Was macht Ihrer Meinung nach eine gute Übersetzung aus?
Daß das, was im Original nicht gesagt wird, aber unausgesprochen zwischen den Zeilen schwebt, auch in der Übersetzung spürbar wird.

Welches Stück hat Ihnen bei der Übersetzung bisher am meisten abverlangt und warum?
Das kann man nicht pauschal sagen. »Die lustigen Weiber von Windsor« sind eine schlichte Farce, aber linguistisch eine kaum lösbare Aufgabe; »König Lear« ist ein philosophisch kaum erreichbarer Text, aber sprachlich nicht allzu komplex. In jedem Stück stolpert man sowohl über kaum lösbare Probleme als zugleich auch leicht von der Hand gehende Passagen.

Warum sollten wir heute Shakespeare lesen? Gibt es nicht genug neuere Literatur, die uns mindestens genau so viel geben kann?
Kein Mensch muss Shakespeare lesen. Es besteht kein Shakespeare-Zwang. Es besteht sowieso kein Literatur-Zwang. Auch im Fernsehen gibt’s manchmal Interessantes. Aber für denjenigen, der noch die Geduld zum Lesen aufbringt, kann es bereichernd sein – und bereichern wollen wir uns doch alle, oder? Insbesondere Shakespeare, der eine Grundlage unseres neuzeitlichen Selbstverständnisses ist, ist da ein von jedem Neugierigen zu hebender Schatz. Viele spätere oder auch heutige Literatur weiß von seinen Themen zu berichten – allerdings in wesentlich kleinerer Münze.

Ich habe in der Schulzeit so lange und ausgiebig „Romeo und Julia“ auseinander nehmen müssen, dass ich das Stück bis heute nicht mag. Gibt es Abhilfe für Erwachsene wie mich, die durch die Pflichtlektüre in der Schulzeit „traumatisiert“ sind?
Wie mal jemand sagte: »Don’t read Romeo and Juliet. Dump into the waste-paper basket. Just go out and have your own love-affairs instead.« Ein vernünftiger Rat. Ansonsten könnte ich Ihnen empfehlen, mal das Verhältnis von Petrarkismus, Liebeskitsch, Liebeswahnsinn, Pornographie, klischeehaftem Sprachgefloskel, tatsächlichen Gefühlen, sozial andressierten Gefühlen und dem Durchbruch zu indivuellem sprachlichen Selbstausdruck als eine Entwicklungsgeschichte des Individuums von Unmündigkeit zur scheiternden Mündigkeit in diesem Stück zu bedenken…

„Es ist immer wieder verblüffend zu entdecken, dass man die Liebe zu Shakespeare auch mit den widerwärtigsten Menschen der Welt teilt.“ So heißt es auf Seite 55 in Ihrem Buch. Mit wem mögen Sie Shakespeare nicht teilen?
Oh, das würde ein sehr, sehr lange Aufzählung, die jeden Rahmen sprengen würde – denn wer könnte all jene Unmenschen aufzählen, die im Großen wie im Kleinen den Gang der menschlichen Dinge unmenschlich beeinflußt haben?

Mit wem teilen Sie Ihren Shakespeare gern?
Mit allen anderen.

Zu Shakespeares Zeiten liefen Theateraufführungen ganz anders als heute. Wäre eine so überaus lebendige Interaktion zwischen Publikum und dem Geschehen auf der Bühne nach Ihrem Geschmack?
Kommt ganz drauf an, was man darunter versteht. Jede Theateraufführung ist ein give and take zwischen Darstellern und Zuschauern.Wenn das fehlt, ist die Vorstellung schlecht und tot. Das Bewerfen schlechter Schauspieler mit Orangen, Bierflaschen und Nüssen, wie es zu Shakespeares Zeiten üblich war, könnte ich mir zwar durchaus als sehr lebendiges und heilsames Korrektiv vorstellen, würde es aber nicht unbedingt selbst praktizieren wollen. Wenn unter »lebendige Interaktion« andererseits etwas verstanden wird wie etwa im Kasperletheater («Kasperle paß auf, da kommt das Krokodil!«) fände ich sowas dem Gegenstand nicht so ganz angemessen.

Zum Schluss die Frage nach dem ultimativen Geheimtipp: Wohin sollte man gehen, um einen echten Eindruck von Shakespeare und seiner Zeit zu bekommen?
Wozu wollen Sie denn diesen »echten Eindruck von Shakespeare und seiner Zeit« bekommen? Dazu müssten Sie sich selber ja erstmal in einen »echten« Zuschauer der Shakespeare-Zeit verwandeln – denn wie sonst wollen Sie die Weltsicht, das Weltgefühl, die Nöte, Ängste und Hoffnungen eines elisabethanischen Zuschauers aus dem Jahr 1600 nachvollziehen können, der ständig von Pest, Seuchen, Krankheiten, Hungersnöten, Galgen und nackter physischer Gewalt bedroht war und oftmals das dreißigste Lebensjahr nicht erreichte? Und selbst wenn Sie das tatsächlich könnten – was würde es besagen? Die fruchtbarere Frage ist doch eher, was Sie von Ihrer eigenen Zeit im Spiegel von Shakespeares Werken neu beleuchtet wiederentdecken können – und das bedeutet, daß Ihnen die etwas mühselige Arbeit der »Übersetzung« von Shakespeares Geschichten und ihrem existentiellen Anliegen in Ihre eigene Lebenswirklichkeit abverlangt wird…

Vielen Dank für dieses interessante Interview, Herr Günther!

Infos zu Frank Günther (laut Verlag dtv):
Frank Günther, Jahrgang 1947, studierte Anglistik, Germanistik und Theatergeschichte und arbeitete selbst als Regisseur am Theater. Seit über vierzig Jahren übersetzt er Shakespeares Werke. Inzwischen liegen 34 der insgesamt 37 dramatischen Stücke vor. Gelingt die Vollendung, dann wird er der Erste sein, der als Einzelner das Gesamtwerk ins Deutsche übersetzt hat. Für seine herausragenden Übertragungen wurde er u.a. mit dem Christoph-Martin-Wieland-Preis, dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis und dem Johann-Heinrich-Voß-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet.

Infos zum Buch:
Titel: Unser Shakespeare
Autor: Frank Günther
Verlag: dtv premium
ISBN: 978-3-423-26001-5

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