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Buch: „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer

Ihre Begegnung ist zufällig, banal und geschieht in dieser Form tagtäglich hunderte Male überall auf dieser Welt. Und doch ist sie von Anfang an grenzüberschreitend – was nur in einer Welt alltäglich ist: der virtuellen. Wer jetzt Liebesgeschichten wie „Email für dich“ im Kopf hat, liegt allerdings weit daneben. Denn dieses Buch ist keine Komödie, keine Schnulze, kein Frauenbuch – es ist eine Hommage an die Macht des geschriebenen Wortes. Denn die Geschichte lebt von der Qualität und Intensität der Kommunikation zweier erwachsener Menschen.

luise / pixelio.de
©luise / pixelio.de

Es beginnt wie schon gesagt banal. Emma will ein Zeitschriften-Abo abbestellen und landet durch einen verirrten Buchstaben in der Email-Adresse bei einer Privatperson – bei Leo. Der klärt sie nach der dritten fehlgeleiteten Nachricht über den Irrtum auf. Aus der quirligen Entschuldigung Emmas und der unverbindlichen Reaktion Leos entsteht ein Nachrichtenfluss der von Seite zu Seite an Intensität gewinnt und nicht nur die miteinander kommunizierenden süchtig macht, sondern auch den Leser.

Obwohl Emma und Leo sich mit dem förmlichen „Sie“ ansprechen und tunlichst darauf bedacht sind, ihre reale Welt weitestgehend für sich zu behalten, könnte der Austausch zwischen ihnen nicht intimer sein. Es ist die Ehrlichkeit, dieses Unverstellte mit der sie sich begegnen. Sie geben sich Wortspielen hin, treffen wunde Punkte, ohne darauf gezielt zu haben und ernten ungefilterte Emotionen. Ja genau, Emotionen.

Eingepackt in intelligente Wortwechsel werden Vorurteile angeprangert, Schwächen ins Scheinwerferlicht gestellt und mit Leidenschaft gestritten. Gefolgt und durchsetzt von Geständnissen und Erklärungen, wo in einer unverbindlichen Welt wie der des Internets gar keine nötig wären. Wenn, ja wenn da nicht die Emotionen wären, die sich eingeschlichen und festgesetzt haben, um schließlich ein ebenso offen kommuniziertes „Wir“ zu ergeben.

Wie eine richtige Beziehung erlebt auch diese ihr Auf und Ab, kehren die Liebenden sich den Rücken zu, zweifeln an sich und am Wir, können nicht miteinander und vermissen sich doch schrecklich, wenn die nächste Email zu lange ausbleibt. Der Leser erlebt dies aus einer voyeuristischen Perspektive mit, denn auch er erfährt nie mehr, als in den Emails steht. Es gibt keine Hintergrundinformationen, keine Zwischenpassagen außerhalb dieser schriftlichen Unterhaltung. Es bleibt einem nichts übrig, als darauf zu warten, dass Emma ihrem Leo etwas mehr von sich preisgibt und umgekehrt.

Der Schritt zum richtigen Sehen-Riechen-Anfassen-Erlebnis ist während der gesamten Geschichte Thema. Dabei mangelt es nicht an Hemmungen, Ideen und Anläufen, wie und wo dieses stattfinden soll. Und obwohl die Begegnung von Emma und Leo größtenteils „blind“ bleibt, sind die Auswirkungen auf ihr reales Umfeld für beide überraschend und verheerend.

Wer sich an wortgewandten Dialogen ebenso erfreuen wie in zwischenmenschliche Beziehungen hineindenken kann, für den ist dieses Buch ein Muss. Völlig frei von schmalzigen Liebesschwüren binden sich hier zwei Menschen aneinander, die sich von Anfang an auf Augenhöhe begegnen, sich nichts schenken und umso mehr von sich geben. Es bedarf eiserner Disziplin oder schizophrener Veranlagung zwei Charaktere so nah beieinander und doch so klar abgegrenzt agieren zu lassen. Deshalb von mir das Prädikat: absolut lesenswert!

Titel: Gut gegen Nordwind
Autor: Daniel Glattauer
Verlag: Wilhelm Goldmann Verlag, Verlagsgruppe Random House GmbH
ISBN: 978-3-442-46589-6

Dieses Buch habe ich mir selbst gekauft.

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