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Buch: „Was ich euch nicht erzählte“ von Celeste Ng

Selbstmord inmitten der Perfektion

Manche Bücher nehmen dich mit ihrer Geschichte gefangen, andere mit ihrer Sprache. Dieses Buch tut beides. Celeste Ng seziert das Gefüge einer Familie, der ein Schicksalsschlag den Boden unter den Füßen wegreißt. Und das mit sprachlicher Finesse.

"Was ich euch nicht erzählte" bei ©dtv
„Was ich euch nicht erzählte“ bei ©dtv

Zum Inhalt:
Marilyn hatte große Pläne. Sie wollte Ärztin werden, als dieser Beruf Männern vorbehalten war und wurde dafür belächelt. James ist das Kind chinesischer Einwanderer und fällt als „Schlitzauge“ in Amerika überall auf.

Als die beiden ein Paar werden, verbünden sich also Außenseiter. Doch nach zwei Kindern und der damit verbundenen Karrierepause sieht Marilyn ihre letzte Möglichkeit nur noch weit ab von der Familie – und verschwindet von heute auf morgen.

Als sie merkt, dass sie schwanger ist, muss sie zurück. Und setzt projiziert alle verlorenen Träume in die große Tochter Lydia. Sie soll an ihrer Stelle Ärztin werden. Sie soll nie als Mutter und Hausfrau enden.

Und Vater James zieht am gleichen Strang. Die große Tochter soll zudem überall dazugehören. Nicht wie er kaum Freunde haben und Einzelgänger werden. So wie Sohn Nathan, der vom Weltall träumt und auf der Erde keine Verbündeten findet.

Lydia fügt sich. Sie hat Gott geschworen, alles zu tun, was von ihr verlangt wird, wenn nur ihre Mutter wiederkommt. Seit sie wieder da ist, tut Lydia alles, um ihre Mutter zufrieden zu stellen. Und zerbricht daran.

Doch das sieht nur das ungewollte Kind, die kleine Schwester Hannah.

Meine Meinung:
Es ist lange her, dass mich ein Buch so begeisterte. Schon nach wenigen Seiten war ich von der Sprache beeindruckt, die mich auf sanften Wellen in die Geschichte trug, mich mit den Protagonisten verknüpfte und ein festes Band schuf.

Das mag allzu poetisch klingen, aber anders lässt es sich kaum beschreiben. Celeste Ng hat einen Sprachstil, der angenehm hochwertig ist und trotzdem der Geschichte nicht die Show stiehlt.

Dabei hat die Geschichte eine Menge zu bieten. Vor allem Abgründe. Wie weit gehen Eltern, wenn der Nachwuchs die eigenen Träume leben soll? Wie viel Luft lassen wir unseren Kindern, so zu werden wie sie sind?

Und was passiert, wenn die Kinder sich dabei selbst verlieren?

In „Was ich euch nicht erzählte“ kommt vieles auf den Tisch, was man über seine engsten Familienmitglieder oft nicht einmal zu denken wagt. Und über sich selbst schon gar nicht. Schließlich dürfen die Liebsten nicht so dermaßen falsch und rücksichtslos sein. Und nicht so blind.

Die Tragik liegt eben darin, dass sie es menschlicher Weise aber doch sind. Und dieser Blick der Autorin auf das Familiengefüge dieser fünf hier, tut mir als Leser schon fast körperlich weh. Man will jeden einzelnen schütteln, ohrfeigen und ganz fest in den Arm nehmen.

Mein Fazit:
Eine Familie unter dem Mikroskop, sichtbar in allen Facetten. Mit all den Fehlern, Träumen und Enttäuschungen, die sich die einzelnen Menschen nicht eingestehen können oder wollen. Daraus könnte man ein großes Drama stricken. Oder es wie Celeste Ng in sprachliche Finesse packen und dem Leser als Geschenk darbringen. Danke dafür!

Infos zum Buch:
Titel: Was ich euch nicht erzählte
Autorin: Celeste Ng
Übersetzt von Brigitte Jakobeit
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-28075-4

Dieses Buch wurde uns vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Bewertung

Geschichte
Umsetzung
Sprache

Absolute Lese- empfehlung

Ein schonungsloser Blick auf eine Familie mit vielen unausgesprochenen Problemen, zu hoch gesteckten Wünschen und begrabenen Hoffnungen. Erzählt in einer feinsinnigen, fesselnden Sprache voller Raffinesse. Das sollte man sich unbedingt gönnen.

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