Buch: „Nationalstraße“ von Jaroslav Rudiš

Buch: „Nationalstraße“ von Jaroslav Rudiš

Was denken die Männer, die sich Abend für Abend in den Kneipen Prags versammeln? Über sich, über ihr Land und darüber, was das Leben zu bieten hat, seit das kommunistische Regime gestürzt wurde. Jaroslav Rudiš liefert die Antwort und lässt dabei einen zu Wort kommen, der mal ein Held war. Aber was ist er jetzt?

"Nationalstraße" von Jaroslav Rudi bei ©Luchterhand
„Nationalstraße“ von Jaroslav Rudi bei ©Luchterhand

Zum Inhalt:
„Ich bin kein Nazi, ich bin Römer.“, sagt Vandam. Dabei sitzt er in einer Kneipe der Prager Nordstadt und fühlt sich wie ein Krieger. Ein Krieger, der weiß, wie es im Leben läuft und es anderen gern beibringt. Mit seinen Fäusten, denn man muss stark sein, wenn man in dieser Gegend wohnt. Und man macht nicht viele Worte, wenn man nichts wichtiges zu sagen hat.

Vandam hat aber etwas wichtiges zu sagen. Seinem Sohn muss er beibringen, worauf es im Leben ankommt. Auf Konzentration, Kondition und einen harten rechten Haken. Das klingt nicht romantisch, aber Romantik hilft einem nicht einmal, wenn man endlich die Wirtin von der Severka ins Bett kriegen will. Denn auch die weiß, wie hart das Leben ist.

Was ihm keiner glaubt, ist die Sache mit dem Wolf. Den hat er auf der Kreuzung gesehen und genau gewusst, wie er sich verhalten muss. Denn er kennt sich nicht nur in der Plattenbausiedlung und mit dem Leben aus, sondern auch mit dem Wald dahinter. Und mit den Kriegern, die ihre Spuren da drin hinterlassen haben.

Dabei ist er sowieso ein wahrer Held. Damals, 1989, war er es, der als junger Polizist den ersten Schlag geführt hat und so die Samtene Revolution über die Tschechloslowakei gebracht hat. Naja, er hat sie im wahrsten Sinne des Wortes losgetreten. Einer ist immer der erste. Einer muss es tun.

Das wusste sein Vater, der sich irgendwann vom Balkon stürzte und seine Mutter hat es sicher geahnt. Deshalb ist sie in den Wald gegangen. Und nicht wiedergekommen. Nur sein feiner Bruder weiß das nicht. Und seinem Sohn muss er es dringend beibringen.

Meine Meinung:
„Nationalstraße“ ist kein gewöhnliches Buch. Wann liest man schon mal Sätze wie „Adolf Hitler hat mir das Leben gerettet“. Und auch „ich bin kein Nazi.“ ist ein Satz, den man heute immer öfter im Internet liest und auf der Straße hört. Aber dann doch nicht in einem Buch erwartet.

Dabei ist dieses Buch das Protokoll eines Kneipengespräches. Bei gutem tschechischem „Whiskey“, dem Myslivec erzählt Vandam vom Leben in der Prager Nordstadt. Im Plattenbau also, wo es für die Menschen nur tristen Alltag gibt und es härter zugeht als unten im Touristen-Prag.

Hier oben sitzen die vermeintlichen Wächter von Anstand, Moral und tschechischer Kultur. Die man mit ihren Meinungen und Weltanschauungen genauso gut in irgendeiner Kneipe in Deutschland finden könnte. Keine Nazis, aber wer anders aussieht, anders lebt und anders liebt soll doch bitte fern bleiben. Sonst zeigt man ihm, wie es im Leben läuft. Am besten mit den Fäusten.

Mein Fazit:
Mit dem Buch „Nationalstraße“ setzt man sich mit einem menschlichen Wrack an einen Kneipentresen und lässt es reden. Dabei merkt man, wie kaputt dieser Mensch ist und erfährt, was ihn kaputt gemacht hat. Und welche Vorstellung er von sich, seiner Familie und seiner Zukunft hat. Diese Ansichten überträgt er auf die Gesellschaft. Was dabei heraus kommt ist gruselig. Und beklemmend glaubwürdig. Manche würden sagen, typisch deutsch.

Infos zum Buch:
Titel: Nationalstraße
Autor: Jaroslav Rudiš
Aus dem Tschechischen von Eva Profousová
Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87442-5

Was denken die Männer, die sich Abend für Abend in den Kneipen Prags versammeln? Über sich, über ihr Land und darüber, was das Leben zu bieten hat, seit das kommunistische Regime gestürzt wurde. Jaroslav Rudiš liefert die Antwort und lässt dabei einen zu Wort kommen, der mal ein Held war. Aber was ist er jetzt? Zum Inhalt: "Ich bin kein Nazi, ich bin Römer.", sagt Vandam. Dabei sitzt er in einer Kneipe der Prager Nordstadt und fühlt sich wie ein Krieger. Ein Krieger, der weiß, wie es im Leben läuft und es anderen gern beibringt. Mit seinen Fäusten, denn man muss…

Bewertung

Geschichte
Umsetzung
Sprache

Ungewöhnlich.

"Nationalstraße" ist Geschmackssache. Wer die klassische Art des Geschichtenerzählens mag, wird enttäuscht und verwirrt sein. Wer bereit wäre, einen Abend zu opfern, um in einer heruntergekommenen Kneipe zu sitzen und einem Säufer zuzuhören - bitte schön. Dafür erfährt er, was hinter den üblichen Stammtischparolen steckt, die in Prag und Berlin sicher ziemlich gleich klingen.

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