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Buch: „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ von Selja Ahava

Manchmal ist die Welt genauso verrückt, wie die Menschen,die wir dafür halten. „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ erzählt die Geschichte einer Frau, deren lebhafte Fantasie eines Tages in Verwirrtheit umschlägt. Deren Schicksal sie dazu antreibt, einfach zu gehen, bis ihr die Füße weh tun und dann immer noch weiter. Und natürlich von einem Wal, der durch London schwimmt. Oder glauben Sie das etwa nicht?

"Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm"
„Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ bei ©mare

Zum Inhalt:
Anna lebte einst in Finnland. Dort verbrachte sie die Sommer auf einer kleinen Schäreninsel mit ihrer großen Liebe Antti. Sie hatten keine Kinder, aber sie hatten sich und damit genau den Menschen, der ihre Art, die Welt zu sehen wirklich verstand. Doch eines Tages ist Antti nicht mehr da und wird auch nie wieder kommen. Anna fällt in ein Loch und findet nur einen Weg, überhaupt weitermachen zu können: gehen.

Zunächst einmal geht sie nach London, lernt dort Thomas kennen und lebt ein geregeltes Leben. Wären da nicht kleinere Aussetzer, könnte man Anna für eine normale Frau Anfang Vierzig halten. Doch eines Tages verschwindet Anna. Sie hat den Schlüssel in der Wohnung vergessen, steht auf der Straße und weiß plötzlich, dass sie nicht zurückkehren wird. Stattdessen geht sie durch London: stunden-, tage-, wochenlang.

Sie lebt freiwillig als Obdachlose – und in ihrer eigenen Welt. Denn plötzlich hat sie sechs Kinder und die sind immer bei ihr.Bis sie irgendwann doch wieder in einer Wohnung in Finnland lebt. Allein und alt geworden setzen Erinnerungsvermögen und Kurzzeitgedächtnis immer wieder aus, bis sie schließlich im Pflegeheim landet. Hier erinnert sie sich sprunghaft und häppchenweise an die großen und kleinen Dinge in ihrem Leben.

Meine Meinung:
Dieses Buch fordert vom Leser Offenheit für einen eher wirren Stil, eine Lebensgeschichte zu erzählen. Es ist, als würde man einer alten Frau gegenüber sitzen, von der man am liebsten alles wüsste, sich aber nicht traut, direkt zu fragen. So ist man darauf angewiesen, aus den Anekdoten und bruchstückhaften Erinnerungen das Puzzle zusammenzusetzen, das im Ganzen ein ereignisreiches und emotional dramatisches Leben ergibt.

„Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ vermittelt so aber nicht nur das Einzelschicksal von Anna. Es öffnet den Blickwinkel derer, die vergesslich bis hin zu Alzheimer geworden sind. Es zeigt einen Grund, warum jemand kein Zuhause mehr hat und stattdessen in zerlumpten Kleidern durch die Straßen wandelt. Es bietet eine Möglichkeit, die zu verstehen, die nicht in das gesellschaftlich korrekte Bild normaler Leute passen.

Selja Ahava schafft es trotz verwirrender Erzählweise und Zeitsprüngen selbst innerhalb eines Satzes so viel Spannung aufzubauen und Neugier zu wecken, dass ich am Ball blieb. Ich wollte wissen, ob es ihn gab, den Tag, an dem ein Wal durch London schwamm. Und auseinanderklamüsert bekommen, was wahr und was Annas Einbildung ist. Und ich wollte von Seite zu Seite dringender wissen, was Anna da passiert war, dass es sie so aus „unserer“ normalen Bahn warf.

Mein Fazit:
„Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ ist keine leichte Lektüre. Wer eine Lebensgeschichte auf dem Silbertablett serviert haben möchte, möge die Finger von diesem Buch lassen. Wer dagegen wissen und verstehen will, wie sich der ein oder andere Mensch an sein gelebtes Leben erinnert, dem kann ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Danach versteht man nicht nur Alzheimerpatienten besser, sondern jede vergessliche Omi und jede noch so seltsame (obdachlose) Gestalt auf der Straße. Weil es nicht jedermanns Sache ist, sich eine Lebensgeschichte so zusammenzupuzzeln, gibt es einen Stern Abzug.

Infos zum Buch:
Titel: Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm
Autor: Selja Ahava
Übersetzung: Stefan Moster
Verlag: mare
ISBN: 978-3-86648-182-4

Dieses Buch habe ich mir in der Stadtbibliothek Schkeuditz ausgeliehen.

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