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„Das Kopftuch ist ein Kleidungsstück.“ – Ein Interview mit Emel Zeynelabidin

Emel Zeynelabidin trug 30 Jahre lang Kopftuch und legte es dann ab. Dass sie damit aber nicht ihren Glauben abgelegt hat und stattdessen für einen modernen Islam eintritt, kann man in ihrem Buch „Erwachsen wird man nur im Diesseits“ nachlesen. Jetzt hatte ich die Möglichkeit, mit Emel Zeynelabidin über ihre Buch, ihre Vorstellungen vom Islam und über die Bedeutung des Kopftuchs zu sprechen. 

Emel Zeynelabidin, Autorin
Emel Zeynelabidin, Autorin

Frau Emel Zeynelabidin, bitte stellen Sie sich meinen Lesern kurz vor!
Ich bin die in Istanbul geborene und in Deutschland aufgewachsene älteste Tochter meiner türkischen Mutter und meines turkmenischen Vaters. Ich bin aus einer großen Liebe entstanden und habe selber 6 Kinder.

Ihr Buch heißt „Erwachsen wird man nur im Diesseits. Verraten Sie uns, wie Sie auf diesen Titel gekommen sind?
In meiner religiösen Sozialisation spielten die Begriffe „Diesseits“ und „Jenseits“ eine lebensentscheidende Rolle. Die verschiedenen Vorstellungen vom diesseitigen und jenseitigen Leben sind ein sehr wichtiger Aspekt, um den Unterschied zwischen Muslimen und dem Rest der Welt zu verstehen. Diese Begriffe haben ihren Ursprung im heiligen Buch der Muslime, dem Koran.

Zugang zum Koran ist jedoch nur mittels Interpretationen und selektiver Auslegungen möglich, was ihn zum Gesetzbuch für seine Anhänger gemacht hat. Dieses Verständnis von festgelegten „göttlichen“ Gesetzen schränkt jedoch die Bewegungsfreiheit zum Wachsen erheblich ein. Das ist, was mir nicht gefällt. Ich kann mir keinen Gott vorstellen, der seine Geschöpfe am Lernen und Erwachsenwerden hindern wollte.

Manchmal finde ich es erschreckend, wenn mir klar wird, dass ein Muslim deshalb gar nicht mehr denken, argumentieren und handeln kann, ohne den Koran heranzuziehen und Gottes Gesetze befolgen zu müssen! Dabei sind der Koran als heilige Schrift und seine Interpretationen zwei unterschiedliche Dinge.

Mit meinem Titel will ich den Schwerpunkt auf die Wichtigkeit von Lernprozessen im diesseitigen Leben legen. Denn erst ein entwickelter Mensch kann Verantwortung für sich und seine Mitmenschen tragen.

In Ihrem Buch wird deutlich, wofür Sie sich mit Herzblut und Erfolg einsetzen. Bitte fassen Sie es noch einmal kurz für all jene zusammen, die Ihr Buch noch nicht gelesen haben.
Zu den religiösen Quellen, die für Interpretationen herangezogen werden, gehören nicht nur die Koranverse, sondern auch die Offenbarungsgründe, die sogenannten „Asbab un Nuzul“. Diese speziellen Quellen waren mir nie wirklich bewusst gewesen. Es war für mich eine umso größere Überraschung, als ich die Offenbarungsgründe der beiden immer wieder zur Rechtfertigung für die Verhüllung der gläubigen Frauen herangezogenen Koranverse kennenlernte. Denn aus ihnen wurde mir klar, dass diese Angelegenheit nur eine praktische Maßnahme sein musste, die mit den damaligen Lebensverhältnissen zwischen Männern und Frauen zu tun hatte.

Und mein Leben in den letzten acht Jahren ohne diese Verhüllung hat mich in dieser Annahme bestätigt: es ist völlig harmlos, ohne Kopftuch zu leben.

Medien im In- und Ausland haben mich mit meiner Auseinandersetzung sehr ernst genommen und unterstützt. Ich wäre nicht an die Öffentlichkeit gegangen, wenn ich als Frau ein Einzelfall gewesen wäre.

„Erwachsen wird man nur im Diesseits“ enthält Essays, die in den vergangenen Jahren meiner intensiven Auseinandersetzung mit meinem erlernten Glauben entstanden. Der Leser kann einen Einblick erhalten, wie es sich tatsächlich für eine Frau anfühlt, wenn sie beginnt, sich zu erweitern und dabei „Irrtümer“ im Namen Gottes aufdeckt. Wenn ich heute auf meinen erweiterten Erfahrungsschatz ohne diese Verhüllung blicke, dann wird mir immer mehr bewusst, dass ich mich aus Unwissenheit um mein Leben als Frau betrügen ließ. Muslimische Männer sind gefordert, endlich Klartext zu reden.

Was halten Sie generell vom Kopftuch?
Das Kopftuch ist ein einfaches Kleidungsstück. Mehr nicht. Das religiös begründete Kopftuch ist jedoch Teil einer Ganzkörperverhüllung mit Programm geworden. Obwohl es auch zu Zeiten seiner Einführung vor 1400 Jahren nur ein Kleidungsstück war, um als gläubige Frau von den Sklavinnen unterschieden zu werden und um Männer nicht mehr mit weiblichen Reizen zu verführen, ist es heute zu einem Symbolträger und Gradmesser für Identität, Moral und Glaubensstärke geworden. Kann diese Zweckentfremdung im Sinne des „göttlichen Willens“ sein?

Was haben Sie in den 30 Jahren als Kopftuchträgerin über Frauen gedacht, die das Kopftuch abgelegt haben?
Mein Leben mit meiner Verhüllung als „sichtbare“ Muslimin war bis zur Kopftuchdebatte vor 10 Jahren ziemlich ruhig und unauffällig. Meine Zielstrebigkeit in Studium und Vereinsarbeit war keineswegs vom Tragen meiner kennzeichnenden Kleidung abhängig. Mich so zu kleiden wie ich es tat, war für mich eine absolute Selbstverständlichkeit, die ich niemals hinterfragt hätte. Denn ich kannte auch nichts anderes!

Und es gab ja auch keinen Anlass, etwas infrage zu stellen. Ich hatte mit diesen Einschränkungen in meiner Bewegungsfreiheit auch ein geschütztes Leben. Mein Mann und ich, wir hatten die gleiche religiöse Grundlage für unser Leben. Das schafft Sicherheit und Vertrauen. Ob andere Frauen ein Kopftuch trugen oder nicht, interessierte mich nicht wirklich. Als eine unserer Kindergärtnerinnen – sie war arabischstämmig – ihr Kopftuch abgelegt hatte und ohne dieses zum Personalgespräch erschien, war ich doch irritiert. Man gewöhnt sich an diese Frauen mit ihren Kopftüchern und plötzlich stehen sie vor einem in einer völlig anderen Erscheinung.

Wie hat sich ihr Freundeskreis nach dem bzw. durch das Ablegen des Kopftuches geändert?
Auch ich habe viele meiner Bekannten und Freunde irritiert. Leider brachen die meisten den Kontakt ab, statt mit mir das Gespräch zu suchen. Wahrscheinlich wurde diese Irritation noch dadurch verstärkt, dass ich begann, Vorträge zu halten und Essays zu veröffentlichen. Man hätte sich wahrscheinlich gewünscht, dass ich meine Enthüllung nur im Privaten erlebe. Mir sind heute nur wenige „verhüllte“ Freundinnen erhalten geblieben.

In „Erwachsen wird man nur im Diesseits“ lernt man vor allem die engagierte Emel Zeynelabidin kennen, die Sie der Öffentlichkeit zeigen. Wird es ein weiteres Buch geben, in dem Sie Ihren persönlichen Weg und die Reaktion Ihres Umfelds beschreiben; also eine Art kleine Biographie?

©Verlag 3.0
©Verlag 3.0

Ich bin schon immer sehr engagiert gewesen. Eine meiner Berliner Freundinnen, die selbst auch verhüllt ist, nannte mich öfters „Hans Dampf in allen Gassen“. Daran wird sich sicherlich auch in Zukunft nichts Wesentliches ändern. Ich brauche eine gewisse Dynamik für meine Neugierde aufs Leben und suche mir dementsprechend auch meine neuen Wohnorte aus. Die Idee einer Autobiographie ist schon länger da, aber der Zeitpunkt scheint noch nicht gekommen zu sein. Für solch ein Werk bin ich ja mit 53 Jahren auch noch ziemlich jung. Vielleicht werden aber noch andere kleinere Werke entstehen, die thematisch dahin führen können.

Kennen Sie Frauen, die die Wahl haben und sich trotzdem für das Kopftuch entschieden haben? Wie stehen Sie zu dieser Entscheidung?
Ich kenne einige Frauen persönlich, die das getan haben. Ich weiß, dass es solche Frauen gibt, die die Wahl haben und sich dann tatsächlich für diese religiös begründete Verhüllung entscheiden. Leider gibt es aber auch sehr viele junge Frauen, die keine Wahl haben. Über diesen feinen Unterschied von Wahlfreiheit wird geschwiegen. Niemand in der Gemeinde will die Verantwortung für diese ungeheuerliche Zweckentfremdung der Verhüllung übernehmen. Ich finde, es ist eine sehr heikle Angelegenheit, wenn Frauen mit einem strafenden Gott gedroht wird und sie mit Versprechungen im Jenseits unter Druck gesetzt werden.

Das Thema ist ja nicht nur in Deutschland aktuell: Kennen Sie Frauen in anderen Ländern mit der gleichen „Mission“? Welche anderen eventuell landestypischen Probleme haben diese Frauen bei ihrer Arbeit für mehr Verständnis und Offenheit?
Seit Beginn dieser „Kopftuchdebatte“ sind Frauen mit Kopftüchern noch viel sichtbarer geworden. Ich sehe große Schwierigkeiten für die betreffenden Frauen, Verständnis zu bekommen. Sie lösen ungewollt vorurteilsbehaftete Assoziationsketten bei ihrem nicht-muslimischen Gegenüber aus, noch bevor man wirklich ins Gespräch kommt. Welche effektiven Möglichkeiten sollen dann diesen Frauen für eine „Mission“ im sozialen Sinne noch bleiben?

Ich glaube, dass eine Menge dieser betroffenen Frauen eher eine eigene Geschichte der Diskriminierung nur aufgrund von diesen Äußerlichkeiten erzählen könnte. Dabei ist Glaube etwas, das jeder ausschließlich in seinem sozialen Verhalten zeigen sollte. Ein Glaube aus Überzeugung bedarf meiner Meinung nach keiner kennzeichnenden Kleidungsstücke!

Welchen Rat möchten Sie Frauen geben, die darüber nachdenken, das Kopftuch abzulegen?
Sie sollen dabei niemanden kopieren, also niemanden nachmachen! Nachmachen führt vielfach zu Selbstentfremdungen. Und sie sollten sich darüber im Klaren sein, warum sie überhaupt ein Kopftuch tragen. Das schafft Klarheit im Kopf. Denn die Angst, etwas falsch zu machen, beginnt im Kopf. Das Kopftuch abzulegen ist eine Entscheidung, die erheblich schwerwiegende Folgen hat, sowohl in der persönlichen Entwicklung als auch für das soziale Netz, in dem sie lebt. Darauf muss jede Frau vorbereitet sein und vor allem bereit sein.

Es wäre also eine weitreichende Entscheidung, bei der sie sich nichts vormachen sollte und auch nichts verleugnen sollte. Ich bezweifle allerdings, dass viele Frauen überhaupt in der Lage sind, solche tiefgreifenden Entscheidungen alleine zu treffen, denn es fehlt vielen von ihnen an Erfahrungswerten aus der „unverhüllten“ Welt, die sie als Entscheidungsparameter heranziehen könnten.

Und übrigens: Frauen, die sich ein Kopftuch aufsetzen wollen, kann ich nur Eines raten: Tut das euren Haaren nicht an!

Welchen Rat möchten Sie Nicht-Muslimen für den Umgang mit verschleierten Frauen geben?
Sie sollen sich nicht abwenden und von ihren eventuellen Gefühlen der Ablehnung und Überlegenheit leiten lassen. In diesen verschleierten Frauen stecken interessante Menschen, die man ruhig mal mit klugen Fragen konfrontieren kann! Ich würde mir sehr wünschen, dass sich ganz viele Nicht-Muslime von ihrer Neugierde leiten ließen, um noch mehr zu erfahren. Dann könnte es zu sehr interessanten Begegnungen kommen, vorausgesetzt natürlich, dass der muslimische Mensch auch so offen ist.

Türkische Männer haben den Ruf, sehr offensiv und direkt zu flirten. Ist dieses Verhalten anerzogen, auf die Sklavinnen vor 1400 Jahren zurückzuführen oder ein „Echo“ auf die Verhüllung der eigenen Frauen? Stimmt es überhaupt?
Diese Frage tanzt ein wenig aus der Reihe! Es gibt nicht „die türkischen Männer“! Es gibt grundsätzlich noch eine Menge Machos und Charmeure von überall. Und ich finde das nicht schlecht, denn eine Frau kann dadurch zwar auch auf die Nase fallen, aber wenn sie will auch viel dazulernen, um sich selber zu schützen, ohne auf ein Kopftuch zurückgreifen zu müssen.

„Gläubige Frauen“ und „Sklavinnen“, die vor 1400 Jahren, das heißt zur Zeit des Propheten Muhammed durch die Erwähnung im Koran ja schon fester Bestandteil in den Köpfen muslimischer Männer geworden sind, prägen natürlich noch heute ihr Frauenbild. Und da es aber in unserer modernen Zeit nicht so einfach ist mit dieser Vorstellung, weil alles viel differenzierter betrachtet werden muss, entstehen dann Konflikte der Wahrnehmung, die sich in kommunikativen Störungen äußern können. Ich würde mir sehr wünschen, dass viele muslimische Männer endlich Farbe bekennen könnten, indem sie zugeben, dass sie diese Verhüllung nicht mehr wie ihre Geschlechtsgenossen vor 1400 Jahren benötigen.

Informationen zum Buch:

Titel: Erwachsen wird man nur im Diesseits
Autor: Emel Zeynelabidin
Verlag: Verlag 3.0 Zsolt Majsai
ISBN: 978-3-943138-51-1
Format: ca. 155 Seiten, broschiert
Erscheinungsjahr: 2013
Vorwort von Klaus Wowereit

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