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Buch: „Cafe Heimat“ von Louise Jacobs

Wie spannend und unterhaltsam muss die Familiengeschichte einer Kaffee-Dynastie sein? Noch dazu, wenn bei einem solch erfolgreichen Unternehmen auch von Verfolgung und Emigration die Rede ist und sich die Zweige des Stammbaums über den halben Erdball erstrecken. Ich weiß es nicht, leider. Denn dieses Buch ist unlesbar.

Es soll die Erforschung der eigenen Familiengeschichte sein, die Louise Jacobs da zu Papier gebracht hat. Und eine Zeitreise durch das 20. Jahrhundert. Laut Umschlag schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung über dieses Buch „Ein Werk im Stile der Buddenbrooks“. Ein gefundenes Fressen also für einen neugierigen Leser biografischer Romane.

Ich gebe zu, ich habe keine Ahnung, in welchem Stil die Buddenbrooks niedergeschrieben wurden. Ich hoffe aber, die FAZ irrt sich in diesem Fall. Mein Leiden als Leser begann jedenfalls bereits im Prolog.

Louise Jacobs schreibt als 22jährige zunächst darüber, warum sie ihre Familiengeschichte erforscht hat und dieses Buch überhaupt schreiben musste. Und es ist nicht ganz einfach ihren Zeit- und Personensprüngen zu folgen. Auch der Wechsel zwischen Dialogen, der bildhaften Beschreibung von Gefühlen, den Aufzählungen von Reisezielen für den allgemeinen Überblick und wieder zurück zu Dialogen ist schwer nachvollziehbar. Bereits nach zwei Seiten hoffte ich, dass der Hauptteil des Buches besser sein würde.

Leider ist er es nicht. Die Erzählung beginnt 2004 in einem Café, wo sie eine Sekretärin von Walther Jacobs treffen will, um eben über genau diesen Menschen zu sprechen. Den Sprung nach Borgfeld von 1907, der Geburtsstätte des Mannes, mischt die Autorin mit ihren eigenen Eindrücken von diesem Ort. Was zur Folge hat, dass man erstens nicht weiß, in welcher Zeit man sich als Leser gerade befindet, und zweitens mitten in der verklärten Welt eines schwärmenden Mädchens steht. Ich persönlich glaube jedenfalls nicht, dass das Leben auf dem Dorf zu Beginn des 20. Jahrhunderts so wild-romantisch war, wie Louise Jacobs dies hier darstellt.

Dann geht der Wechsel zwischen Personen, Orten, Zeiten und Schreibstilen wieder los. Eben war man noch auf dem Bauernhof bei dem kleinen Walther, plötzlich ist man im Jahr 1884 bei einem Jan, der irgendwann nach Bremen geht, um zwei Seiten später wieder aufs Dorf zu springen. Wobei ich meist eine Weile gebraucht habe, um herauszufinden, wie alt dieser Walther in der Zwischenzeit geworden ist.

Ein Beispiel: Kapitel 4 des ersten Teils beginnt mit einer allgemeinen Beschreibung der Zustände in Deutschland 1916. Ohne Übergang oder Kenntlichmachen als solches im Text, zitiert die Autorin aus einem Brief von Jan an seinen Bruder Jacob auf dem Land. Bei dem steht bald die Heuernte an und ja, im Herbst muss man für den Winter vorsorgen und überhaupt folgt das Leben auf dem Land dem Rhythmus der Jahreszeiten. Und dann steht da plötzlich: „Es wurde Sommer und die Heuernte kam“, also wieder ein Sprung zurück, oder wie?

Scheint so. Und diese Heuernte wird nun genauestens beschrieben, inklusive Dialogen mit allen möglichen Leuten, die man vorher nicht erwähnte und irgendwie danach auch nicht wieder: „Nach und nach kamen auch andere Jungen angerannt. Georg Klatte von der Borgfelder Landstraße ging mit Daniel zur Schule. Johann Behrens von der Butendicker Landstraße war ein eher schwächlicher Junge, aber überall mit dabei. Die anderen Kinder kannten Walther und Daniel aus der Schule oder vom Spielen.“ (Seite 26) Ah ja, und weiter? Nichts weiter.

Und dann Sätze über fünf Zeilen, zum Beispiel darüber, dass die Heuernte für die Jungen eine Strapaze war und sie sicher die Forke recht bald „ermattet“ aus der Hand gelegt hätten, wenn da nicht die „gute Luft“, die Kameraden und die wachsamen Väter gewesen wären.

Alles in allem las sich das Buch so, als hätte Louise ihre Notizen und Mitschnitte von den Erzählungen anderer irgendwie zusammengewürfelt. Für die Familienmitglieder sicher ein Schatz, der wertvolle Erinnerungen bewahrt und wieder lebendig werden lässt. Für mich als neugierigen Leser einfach zu durcheinander. Ich kam über die ersten 50 Seiten nicht hinaus und das frustriert mich.

Denn ich bin immer noch neugierig. Um nicht zu sagen, jetzt mehr denn je. Man bekommt ja nicht alle Tage einen Blick hinter die Kulissen eines solch erfolgreichen Familienunternehmens geschenkt. Noch dazu aus so persönlicher Sicht und mit Herzblut erzählt. Denn das kann man trotz der unmöglichen Gesamtform dieses Werkes spüren: Louise Jacobs war mit ihrer ganzen Seele dabei, als sie dieses Buch schrieb. Schade, schade.

Titel: Café Heimat
Autor: Louise Jacobs
Verlag: Ullstein Verlag
ISBN: 978-3548369693

Dieses Buch habe ich mir selbst gekauft.

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