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Buch: „Wir Strebermigranten“ von Emilia Smechowski

Strebermigranten sind so wie sie manch Einheimischer dieser Tage es sich wünscht: unsichtbar. Also meinetwegen anwesend und Teil der Masse, aber doch bitte so, dass man sie nicht wahrnimmt und gar nicht erst in die Verlegenheit kommt, sich mit irgendeiner Andersartigkeit auseinanderzusetzen. Emilia Smechowski war so eine Strebermigrantin und erzählt, wie es sich damit lebt.

"Wir Strebermigranten" bei ©Hanser Berlin
„Wir Strebermigranten“ bei ©Hanser Berlin

Zum Inhalt:
Emilia ist vier Jahre alt, als sie in den 1980ern nach Deutschland kommt. Ihre Eltern, beide Ärzte, ertragen weder das sozialistische System noch die graue Chancenlosigkeit ihrer Heimat und wagen den Ausbruch – und den Einzug in ein neues Leben. Getarnt als Urlaubsreise geht es bei Nacht raus aus dem grauen Polen und hinein ins bunte Westberlin.

Noch im Flüchtlingsheim ist das Ziel klar: So deutsch werden, wie es irgendwie geht. Also wird die deutsche Sprache gebüffelt und jede noch so winzige deutsche Eigenheit studiert und kopiert – bis hin zum Namen. So wird als der polnischen Emilka das möglichst deutsche Mädchen Emilia. Und dieses Mädchen soll, nein muss nicht nur deutscher als die deutschen Mädchen sein, sondern auch noch besser – in allem, was sie tut.

Während die Eltern ihren gesellschaftlichen Stand mit einem eigenen Haus manifestieren, geht die Familie kaputt. Emilia nimmt immer mehr Abstand von den Eltern, die sich irgendwann trennen. Doch selbst als sie gegen den Willen der Eltern Gesang studiert, macht sich deren Erziehung bemerkbar, denn Emilia arbeitet hart, um die Beste zu sein.

Es dauert, bis sie sich dieser Prägung stellt – und ihren polnischen Wurzeln wieder näherkommt. Denn genau damit findet sie eine Teil von sich selbst wieder. Und einen Weg, in Deutschland polnisch zu sein.

Meine Meinung:
Man bemerkt sie wirklich nicht, diese Strebermigranten. Höchstens, wenn der Name schwerer über die deutschen Lippen geht oder beim Gegenüber eben doch noch ein Akzent das Polnische verrät. Ansonsten sind sie deutsch und voll integriert. Oder doch nicht? Es kommt eben darauf an, ob man hinsehen will und ob der Gegenüber etwas durchblicken lässt.

Emilia Smechowski hieß einmal anders und ihre erste Sprache ist nicht Deutsch. Sie hat vom Westberlin der 80er Jahre im Flüchtlingsheim bis zur freien Autorin und Journalistin einen weiten Weg zurückgelegt, der beinahe ein Stück Identität gekostet hat. Wer will schon seine Heimat verleugnen und ein Leben lang so tun, als wäre er woanders verwurzelt.

Nun sind Migranten aktuell in Deutschland und Europa ein großes Thema. Also versucht auch die Autorin einen Bogen zu spannen von der Flucht der eigenen Familie aus Polen zu den Flüchtlingen, die dieser Tage nach Deutschland kommen. Sie sieht die Unterschiede recht klar: Andere Zeit, andere Umstände, anderer Empfang.

Nur an einer Stelle schafft sie hier die Differenzierung zur eigenen Geschichte nicht: Ihrer Meinung nach will sich jeder integrieren, der in ein anderes Land zieht, um dort zu leben. Allein schon, wenn und weil die Reise dorthin mit Schlauchboot übers Mittelmeer so gefährlich ist. Hier sind wir nicht einer Meinung.

Mein Fazit:
„Wir Strebermigranten“ zeigt eindrucksvoll was manch Deutscher von einem Flüchtling erwartet: Werde Deutsch.Das dürfte andersfarbigen Menschen von Vornherein schwer fallen. Und uns Deutschen anderswo auch. Der Lebensweg der Autorin ist allerdings auch so lesenswert, da er in erster Linie von der Selbstfindung in einem fremden Land erzählt. Eine Selbstfindung, die jeder Mensch durchmacht – nur eben nicht jeder so heftig.

Infos zum Buch:
Titel: Wir Strebermigranten
Autorin: Emilia Smechowski
Verlag: Hanser Literaturverlage
ISBN: 978-3-446-25683-5

Dieses Buch habe ich in der Stadtbibliothek Schkeuditz ausgeliehen

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