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Buch: „Willkommen im Meer“ von Kai-Eric Fitzner

Das Buch „Willkommen im Meer“ zu kaufen ist eine gute Tat. Sein Autor Kai-Eric Fitzner kämpft derzeit nach einem Schlaganfall ums Überleben und das bringt seine Familie in finanzielle Schwierigkeiten. Doch auch ohne diesen Hintergrund, lohnt es sich, das Buch zu kaufen und vor allem auch zu lesen. Denn „Willkommen im Meer“ ist witzig, ernst, philosophisch, weltverbessernd, realitätsnah und gleichzeitig realitätsfern. In jedem Fall aber lesenswert.

Cover Artwork ©2015 Raja Caetano
Cover Artwork ©2015 Raja Caetano

Zum Inhalt:
Tim ist Lehrer an einem Gymnasium in Oldenburg. An einer richtigen Kaderschmiede nach altem Verständnis. Also mit einem Kollegium, dass gern erzkonservatives Gedankengut in ihre Schüler presst, damit diese in die Fußstapfen ihrer erzkonservativen Eltern treten. Gedanklich ebenso wie beruflich. Blöd nur, dass Tim den Laden ordentlich aufmischt. Denn er verleitet seine Schüler zum kritischen Hinterfragen des Lernstoffs und benotet nach Qualität der Argumentation und nicht nach richtig oder falsch im Sinne gutbürgerlicher Ansichten.

Damit verärgert er nicht nur seine Kollegen, sondern auch die meist (einfluss)reichen Eltern seiner Schützlinge. Als Tim auch privat mit seinen Schülern in Kontakt kommt und sich daraus echte Freundschaften ergeben, ist der Ofen ganz aus. Tim und seiner Familie wird das Leben schwer gemacht: ein Berufsverbot droht und den Stadtwerken verrutscht bei der Abschlagszahlung mal eben das Komma um zwei Stellen nach rechts. Doch Tim hat mit Mutter, die seine Schwiegermutter ist, einen überaus bissigen Verbündeten. Mutter ist nämlich nicht nur stinkreich, sondern hat auch über all ihre Finger drin.

Das bringt Tim ganz persönlich in eine schräge Gefühlslage. Zum einen wird ihm nicht erzählt was Mutter so plant. Zum anderen ist er froh über die Unterstützung. Wenn nur seine Frau Antje nicht so geheimnisvoll ihre eigenen Pläne durchziehen würde, bei denen wohl außer ihm wirklich alle eingeweiht sind. Alle, das sind auch Magnus und Rebecca, zwei seiner Schüler, die ein Paar sind. Und bald Eltern werden. Und Hannes, der zu Beginn die finanziell geprägten Plattitüden seines Vaters vorbetete aber nach und nach zu einer eigenen, ganz anderen Meinung findet. Und Herrmann, der Wirt von der „Ule“ weiß mehr vom Leben, als man dem schroffen Kerl zutrauen mag.

Meine Meinung:
„Willkommen am Meer“ beginnt mit ganz normalem Schulalltag an einem traditionell deutschen Gymnasium. Zum Teil fand ich Figuren wieder, die sehr gut in meine alte Schule gepasst hätten. Doch der ganz normale Schulbetrieb wird von den weiteren Geschehnissen schnell in den Hintergrund gedrängt. Es geht bald schon sehr viel mehr um Machtspielchen. Zum einen will man Tim loswerden und versucht das mit Mitteln, die nur einsetzen kann, wer in Politik und Wirtschaft das Sagen oder zumindest großen Einfluss hat. Zum anderen geht es um private Machtspiele. Wenn man bedenkt, dass ein junger Kerl zu Hause nicht mehr erwünscht ist, weil er noch vor Schulabschluss ein Kind zeugt. Böse betrachtet kann man auch Mutters Ränkespiel als Machtspiel bezeichnen, auch wenn sie ihren Einfluss zugunsten ihres Schwiegersohns nutzt.

Neben diesen Aspekten gibt es aber auch noch sehr viel sehr Menschliches in dieser Geschichte. Um die Gefühle eines jungen Paares, dass selbst noch nicht richtig angekommen ist und schon bald Verantwortung für ein neues Leben übernimmt. Um Angst vor Sanktionen, wenn man sich nicht an gesellschaftliche Normen hält. Nach dem Motto: Ein Lehrer hat mit seinen Schülern keinen privaten und erst recht keinen freundschaftlichen Umgang zu pflegen. Und wie weit geht die Vorbildfunktion, wenn es um Alkohol und Drogen geht.

Ja, das Kiffen ist in diesem Buch wahrlich ein Thema. Manche Stellen sind so philosophisch wie man es nur unter Drogen oder nach viel Alkohol gegen Ende einer Party verträgt. Diese Gedankengewitter machen das Buch teilweise ein wenig langatmig. Wenn man aber bereit ist, sich mit der Bedeutung von IQ-Tests und Gutmenschenverschwörungen auseinander zu setzen, wird alles gut. Denn in den Ausführungen von Kai-Eric Fitzner steckt eine Menge Wahrheit drin. Die freilich oftmals unbequem ist.

Als Krönung des Ganzen entsteht eine neue kleine Welt für die kleine Gemeinschaft um Tim und seine Familie. Diese Welt hat viel mit Nachhaltigkeit und nur wenig mit den gesellschaftlichen und finanziellen Zwängen unserer Welt zu tun. Schade, dass sie nur erfunden ist und mit dem Geld der stinkreichen Mutter finanziert wurde. Aber so ein Aussteiger-Nest, wo es nicht mehr darum geht, in irgendetwas der Beste zu sein – ja, das hätte schon was.

Mein Fazit:
Gute Tat hin oder her: Manchmal braucht es einen kleinen Stups in die richtige Richtung, um unerwartet ein gutes Buch zu finden.
„Willkommen im Meer“ wäre mir ohne die Notlage der Familie des Autors wohl nie in die Hände gefallen. Das ist traurig, denn Fitzner neigt zwar zum Weit-Ausholen, schreibt aber wirklich gut. Auch die Geschichte gibt in ihrer Vielschichtigkeit so einiges her. Man sollte sich nur nicht an den anfänglich recht realistischen Verhältnissen an der Schule klammern, denn was dann kommt hat mit der Wirklichkeit eines Ottonormalverbrauchers wenig zu tun.

Infos zum Buch:
Kai-Eric Fitzner wollte sich gerade selbstständig machen, als er kurz vor seinem 45. Geburtstag ein Schlaganfall erlitt. Sein Ausfall als Ernährer stellen seine Frau und die Kinder vor erhebliche finanzielle Probleme. Statt nun schlicht um Spenden zu bitten, startete seine Frau nun einen Aufruf übers Internet: Kauft Kai-Eric Fitzners Buch „Willkommen im Meer“, damit wir von den Erlösen leben können. Der Vorteil: Es ist wirklich lesenswert. Und die Rückmeldungen aus dem Netz zeigen, dass das Internet mehr als eine Blase ist, in der schlau geredet wird. Social Media kann wirklich sozial und gewinnbringend für alle sein.

Titel: Willkommen im Meer
Autor: Kai-Eric Fitzner
ISBN: 978-1505428773

Dieses Buch habe ich mir selbst gekauft.

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