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Buch: „Wie ihr wollt“ von Inger-Maria Mahlke

Historische Schmöker zeichnen sich meist durch ausführliche und lebendige Beschreibungen des Lebens in der jeweiligen Epoche aus. Das Elend wird dann noch elender, der Prunk noch prunkvoller und Freud und Leid intensiver. Seitdem sich jedoch Wanderhuren, Pilger, Vertreter historischer Zünfte und auch Geistliche dauernd auf eine Reise machen, Geheimnisse lüften und mannigfaltige Schicksalsschläge erleben – tja, seitdem hatte ich keine Lust mehr auf historische Romane. Und dann kam „Wie ihr wollt“ von Inger-Maria Mahlke.

"Wie ihr wollt" beim ©Berlin Verlag
„Wie ihr wollt“ beim ©Berlin Verlag

Zum Inhalt:
England 1571. Elisabeth I. regiert mit recht harter Hand und wehrt sich erfolgreich gegen allerlei Heiratspläne. Das sichert Englands Unabhängigkeit, verwehrt dem Land aber auch einen rechtmäßigen Thronfolger. Doch Elisabeth I. hat sich selbst gegen nicht wenige Anwärter durchsetzen müssen, bevor sie die Krone erhielt. Und immer noch gibt es die ein oder andere Person, die Herrscher über England werden könnte.

Mary Grey bezeichnet all diese potenziellen Thronanwärter als „Wahrscheinlichkeiten“. Sie selbst ist über mehrere Ecken auch so eine Wahrscheinlichkeit und hat deshalb keinen leichten Stand bei der „nicht ganz so lieben Cousine“, wie sie Elisabeth I. nennt. Das könnte auch daran liegen, dass Marys älteste Schwester Jane Grey schon ein paar Tage auf dem Thron saß. Aber Mary Grey wäre mit Krone eher eine Lachnummer und sehr wahrscheinlich Marionette ehrgeiziger Männer in hohen Posten.

Denn Mary Grey ist kleinwüchsig, mit Buckel und für ihre 26 Jahre nicht ganz so schlau wie die anderen. Sie benimmt sich häufig wie ein Teenager, blickt bei den Intrigen bei Hofe nie so richtig durch und braucht für einfachste Tätigkeiten oft jemanden mit längeren Armen, als se selbst welche hat. Deshalb steht ihr Ellen zur Seite – das einzige Dienstmädchen, dass man ihr im fortdauernden Hausarrest zugesteht.

Doch Mary Grey will nicht mehr in einem Haus, dass sie nicht verlassen darf und auf Kosten eines Anderen leben. Sie will ihren eigenen Hausstand, ihre Freiheit und ihren Platz bei Hofe. Solange sie den nicht bekommt, schreibt sie eben. Nämlich ihre Sicht auf die Dinge, seit der „gewichtige Onkel“ gestorben ist. Und welche Rolle die Mitglieder ihrer Familie dabei gespielt hat.

Meine Meinung:
Auch wenn das elisabethanische England ein prunkvolles war, bleiben ausschweifende Beschreibungen des Hofzeremoniels und der Garderobe des Hofstaates nur Randerscheinungen in „Wie ihr wollt“. Inger-Maria Mahlke legt die Priorität auf die Einschränkungen, die Mary Grey erlebt. Und es dauerte eine Weile, bis ich das merkte.

Für den Anfang fiel mir nur auf, dass dieses Buch für einen historischen Roman recht modern und nüchtern geschrieben ist. Man könnte Mary Grey auch in unsere Zeit hineinsetzen. Auch heute noch würde sie genauso übersehen, angestarrt, gemieden und nicht ernst genommen werden, wie zu elisabethanischen Zeiten. Und hätte genauso wenig Verbündete. Mit ein bisschen Glück aber eben auch eine Ellen, die sich wirklich um sie kümmert und bemüht. Und die am Ende den Frust und die Launen von Mary aus erster Hand abkriegen würde.

Mary Grey wird gefangen gehalten, weil sie eine Wahrscheinlichkeit ist. Von Geburt her hätte sie unter Umständen ein Recht auf die Krone Englands. Deshalb darf sie sich nicht frei bewegen, bekommt nicht einmal die Gelegenheit, etwas selbst zu entscheiden, muss selbst um Papier und Kerzen betteln. Aber sie ist ein normaler Mensch und wünscht sich ein normales, selbstbestimmtes Leben. Und kämpft auch darum. Manchmal trickreich, manchmal mit naiven Mitteln.

Die Parallelen in „Wie ihr wollt“ zum Heute sind deutlich. Und irgendwann im Laufe des Buches hatte ich den Eindruck, dass sich seit 1571 nicht wirklich etwas geändert hat. Menschen mit Handicap kämpfen auch heute noch um ein normales, selbstbestimmtes Leben, um das Dabeiseindürfen. Integration und Inklusion nennt sich das heute und wird ausgiebig als Prestigemittel genutzt. Auch Elisabeth I. musste sich gut überlegen, wie sie mit Mary Grey als Teil der königlichen Familie umgeht. Dabei würde diese damals wie heute nicht einmal einen Thron fordern.

Mein Fazit:
„Wie ihr wollt“ ist kein historischer Roman im klassischen Stil. Mary Grey schildert die Wirren und Intrigen um die englische Königskrone auf eine erfrischend trockene Art. Sie mag vielleicht nicht alles verstehen, was vor sich geht, hat aber einen Blick für das Wesentliche und kommentiert entsprechend bissig. Das ist unterhaltsam. Gleichzeitig vermittelt Inger-Maria-Mahlke die Einschränkungen einer kleinwüchsigen Frau, die man aus gesellschaftlichen Gründen nicht vernachlässigen darf, um die sich aber auch niemand kümmern will. Damit legt die Autorin den Finger in eine Wunde, die bis heute schmerzhaft offen liegt. Volle Sternzahl für „Wie ihr wollt“, den historischen Roman mit Biss.

Infos zum Buch:
Titel: Wie ihr wollt
Autor: Inger-Maria Mahlke
Verlag: Berlin Verlag
ISBN: 978-3-8270-1213-5

Dieses Buch wurde uns vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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