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Buch: „Verstörungstheorien“ von Marlies Hübner

Autisten sieht man ihre Behinderung meist nicht an. Weil sie sich anpassen und das Verhalten der Neurotypischen imitieren. Was man als solch ein „Normalo“ nicht weiß, ist die Anstrengung, die hinter diesem antrainierten Verhalten steckt. Das und mehr habe ich mit diesem Buch gelernt.

"Verstörungstheorien" von Marlie Hübner beim Verlag ©Schwarzkopf & Schwarzkopf
„Verstörungstheorien“ von Marlie Hübner beim Verlag ©Schwarzkopf & Schwarzkopf

Zum Inhalt:
Elisabeth gilt schon als Kind sonderbar. Sie ist gern für sich, anderen gegenüber schüchtern und hat komische Interessen. Auch während ihrer Ausbildung findet sie keinen Anschluss und gerät sogar in Schwierigkeiten, weil sie offenbar verquere sexuelle Neigungen hat.

Seitdem wechselt sie von Job zu Job. Und von Mann zu Mann, wobei die nur Sexpartner sind, die sie kaum länger als eine Nacht erträgt. Bis Henri in ihr Leben tritt und etwas völlig Unbegreifliches von ihr will: Liebe.

Eine echte Beziehung mit Zukunftsplanung. Für Elisabeth unbegreiflich, da das Konzept einer Beziehung für sie komplettes Neuland ist. Schließlich ist schon ganz normaler Small Talk ein kompliziertes Minenfeld für sie.

Als die Beziehung mit Henri in die Brüche geht, will sie nicht mehr. Zuerst nicht mehr leben, dann nicht mehr SO leben und schließlich doch Antworten. Antworten darauf, warum zwischenmenschliche Kontakte jeder Art für die so anstrengend sind. Warum sie Listen, sortiertes Besteck und absolut gleichförmige Tagesabläufe braucht.

Schließlich bekommt sie die Diagnose: Autismus. Doch damit ist ihre Welt noch lange nicht wieder in Ordnung. Denn wer bekommt schon gern bescheinigt, dass er anders ist und nichts daran ändern kann. Erst nach und nach ordnet Elisabeth sich selbst in ihrem Leben ein.

Meine Meinung:
Es war die Neugier auf andere Lebenswege, die mich zu Marlies Hübners „Verstörungstheorien“ brachten. Das Buch fiel mir gleich am ersten Tag der Leipziger Buchmesse 2016 in die Hände und es war klar, dass ich dieses Buch lesen musste.

Dabei fiel mir der Einstieg ins Buch dann gar nicht so leicht. Man wird als Leser in die Schwesternschule hineingeworfen, in der Protagonistin Elisabeth ihre Ausbildung macht. So schnell wie man mitbekommt, wo Elisabeths Probleme im Alltag liegen, so schnell wird man in die nächste Situation geworfen.

Die ist dann im Hier und Heute und dann geht es wieder sieben Jahre zurück. Ein Konzept, dass auf den ersten Blick verwirrt. Immerhin gibt es zu Beginn jedes Kapitels aber eindeutige Angaben zur jeweiligen Zeit und zum Alter von Elisabeth. Das macht es leichter.

Wenn man sich dann einmal auf die Zeitsprünge eingelassen hat, liest sich das Buch sehr gut. Es sind gerade die konkret beschriebenen Situationen und die stets nach Logik suchenden Gedankengänge, die das Ausmaß von Elisabeths Einschränkungen deutlich machen.

Und die Respekt einflößen. Schließlich sind es ganz alltägliche Dinge, die für Elisabeth über alle Maßen anstrengend sind. Vom netten Plausch mit der Kassiererin bis hin zum Besuch bis hin zur Baustelle vorm Hauseingang.

Denn alles wird vom Autisten bis ins kleinste Detail analysiert. Jedenfalls versucht er das, denn was nicht logischen Gesetzen folgt ist schwer zu ergründen. Und wieviel von dem was wir tun und fühlen oder denken und wieviel von dem, was uns umgibt ist unlogisch, emotional und in diesem Sinne eben mysteriös und anstrengen für einen Autisten.

Mein Fazit:
„Verstörungstheorien“ ist ein wichtiges Buch. Zumindest, wenn man sich als sogenannter „Neurotypischer“ die Mühe machen will, eine Behinderung zu verstehen, die selten offensichtlich ist. Wie kompliziert das Leben als Autist ist und was man im Umgang mit einem falsch machen kann, wird sehr deutlich.

Mehr aus dem Leben als Autistin gibt es auf dem Blog robot in a box von Marlie Hübner.

Infos zum Buch:
Titel: Verstörungstheorien – Die Memoiren einer Autistin, gefunden in der Badewanne
Autorin: Marlies Hübner
Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf
ISBN: 978-3-86265-537-3

Dieses Buch wurde uns vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Bewertung

Geschichte
Umsetzung
Sprache

Autismus ungeschönt

Für Autismus gibt es eine Menge Klischees. Wie unzutreffend die meisten sind, kann man in diesem Buch nachlesen. Denn jeder Autismus ist anders. Bleibt zu hoffen, dass Marlies Hübner mit ihrem Buch kein neues Klischee geschaffen hat, sondern deutlich machen kann, dass jeder Autist ganz und gar individuell ist.

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