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Buch: „Teilweise abwesend: Erzählungen“ von Ingvar Ambjörnsen

Die Menschen in Ingvar Ambjörnsens Erzählungen sind alle irgendwie da und dann auch wieder nicht. Eben nur teilweise da. Und damit auch teilweise abwesend. Entweder, weil sie an einer Felswand hängen und bald sterben. Oder weil sie nach einem Wohnungseinbruch nicht in ihr altes Leben zurückfinden. Oder weil sie sich mitten in den Bergen vor den Zug werfen und damit Menschenleben durcheinander bringen, mit denen sie eigentlich nichts zu tun haben.

"Teilweise abwesend: Erzählungen" bei ©Pendragon
„Teilweise abwesend: Erzählungen“ bei ©Pendragon

Zum Inhalt:
Mit diesem Selbstmord durch einen Zug beginnt das Buch „Teilweise abwesend“. Der Protagonist der Geschichte hatte mit der Toten nichts zu tun, steckt aber plötzlich doch mittendrin im Schlamassel.In der zweiten Geschichte geht es um ein schwules Paar: Der eine Partner ist Schlafwandler und doch nicht der, um den man sich eigentlich Sorgen machen muss. Denn eine simple aber peinliche Begegnung wirft den anderen komplett aus der Bahn.

Ein Witwer hat sich noch nicht daran gewöhnt, dass seine Frau nicht mehr da ist. Als dann eines Tages bei ihm eingebrochen wird, bringt er es nicht über sich, die Polizei zu nrufen. Stattdessen wird er quasi zum freiwilligen Obdachlosen, lässt sich in einer verfallenen Villa nieder und geht allen Menschen nach Möglichkeit aus dem Weg. Gerade als er sich eingelebt hat reißt ihn ein einschneidendes Ereignis wieder aus seiner Komfortzone heraus.

Zwei Freunde treffen sich am Weihnachtsmorgen und machen eine lange Wanderung durch den Tiefschnee ans andere Ende ihrer Stadt. Als sie mit den Kräften am Ende sind, graben sie sich ausgerechnet neben einer Luxusvila eine Schneehöhle und machen so eine eigenwillige Bekanntschaft.

Ein Mann hat während eines Unwetters einen Autounfall. Doch das Paar, das ihn rettet hat einen merkwürdigen Gast und braucht selbst Hilfe. Am Ende dieser denkwürdigen Nacht gab es Sex und zwei Tote.Immerhin. Njal, der Lügner, schafft es dagegen nicht einmal, eine richtige Beziehung zu seiner Freundin auszuhalten. Erst als sie ihn verlässt, ist er in der Lage, sich auf sie einzulassen. Was für sie und ein Taubenpärchen nicht ganz ungefährlich ist.

In der letzten Geschichte macht sich ein Mann mit seiner Schwester und deren sechsjährigem Sohn auf den langen Rückweg von einer Hochzeit. Sie wollen in einem Berghotel übernachten, doch statt beschaulicher Ruhe ist dort die Hölle los. An der Felswand gegenüber hängt ein Basejumper schwer verletzt in den Seilen. Er wird die Nacht nicht überleben, aber wie bringt man das einem Jungen bei?

Meine Meinung:
Ingvar Ambjörnsens Geschichten sind so dicht erzählt, dass man sich pro Tag nur eine gönnen sollte. Selbst nachdem man „Teilweise abwesend“ aus der Hand gelegt hat, hallen die ebenso simplen wie verstörenden Begebenheiten in einem nach. Sie hinterlassen Fragen, die jeder Leser für sich beantworten muss.

Fragen, die man aus verschiedenen Perspektiven stellen und beantworten kann. Wie weit will man wissen, warum sich eine junge Frau mit einem Strauß Osterglocken mitten im verschneiten Wald auf die Schienen stellt? Was hat es zu bedeuten, dass der Zugführer die Tote und ihren Selbstmordplan seit Jahren kennt? Und wird der Protagonist der Geschichte nun einfach zu seiner lebendigen Frau zurück gehen können, um ihr wie geplant ein Baby zu machen?

Mein Fazit:
„Teilweise abwesend“ ist lesenswert. Zumindest wenn man sich die Zeit dafür nimmt und eben nicht auch selbst teilweise abwesend, also mit anderen Dingen beschäftigt ist. Dann sind es nur dramatische oder ganz alltägliche Begebenheiten, die man nur im Ansatz erfassen kann, weil man vieles überliest. Vor allem all das Ungesagte zwischen den Zeilen, was den Reiz jeder Geschichte verdreifacht. Volle Sternenzahl für ein Buch, das einfach irgendwie anders ist.

Infos zum Buch:
Titel: Teilweise abwesend: Erzählungen
Autor: Ingvar Ambjörnsen
Übersetzt von Gabriele Haefs
Verlag: Pendragon
ISBN: 978-3-86532-108-4

Dieses Buch wurde uns vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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