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Buch: „Tausendundein Granatapfelkern“ von Marjan Kamali

Mina hat ihre Kindheit im Iran verbracht, doch seit 15 Jahren lebt sie nun schon in New York. Auch wenn sie sich die typisch amerikanischen Lebensgewohnheiten angeeignet hat, fühlt sie sich doch immer noch fremd. Eine Reise in das Land ihrer Vergangenheit soll helfen, herauszufinden, wo sie wirklich Zuhause ist. Aber eine Reise in den Iran ist für Menschen aus der westlichen Welt alles andere als ungefährlich.

Tausendundein Granatapfelkern beim ©Diana Verlag
Tausendundein Granatapfelkern beim ©Diana Verlag

Zum Inhalt:
Mina hat bis zu ihrem zehnten Lebensjahr im Iran gelebt – bis zur islamischen Revolution. Mit dieser Revolution verschwindet nicht nur der Schah, sondern auch die Freiheit der Menschen. Denn Revolutionswächter überwachen die strengen Regeln der neuen Machthaber, die freie Meinungsäußerungen genau so brutal im Keim ersticken wie westlich orientierte Lebensweisen.

Bald schon gibt es wieder eine strikte Trennung zwischen Männern und Frauen, letztere müssen sich nach alter Tradition verhüllen und selbst eine Geburtstagsfeier wird für alle Beteiligten zum gefährlichen Abenteuer. Als dann Saddams Bomben auf Teheran fallen und Minas Mutter befürchten muss, dass ihre Söhne zum Militärdienst eingezogen werden, flieht die Familie in die USA und lässt sich in New York nieder.

All die Jahre führt Mina fortan ein normales amerikanisches Leben und fühlt sich trotzdem immer fehl am Platze. Inzwischen ist sie 25, studiert BWL und könnte ihr Leben  in vollen Zügen genießen. Wenn da nicht ihre Mutter wäre, die Diagramme und Exceltabellen mit den Vorzügen potenzieller Heiratskandidaten füllt, um den richtigen Mann für Mina zu finden. Dieser Mann sollte vorzugsweise ein beruflich erfolgreicher Familienmensch sein und nach Möglichkeit aus dem Iran stammen.

Als es ihr zu bunt wird und ihr das Studium zur Qual wird, beschließt sie, in den Iran zu reisen. Dort will sie herausfinden, wieviel von ihrem Teheran noch da ist und wieviel von ihrer Heimat sie noch in sich trägt. Von ihrer Mutter begleitet tritt sie eine Reise an, die gefährlicher ist, als sie es für möglich gehalten hat. Es ist gut, dass sie ihre Mutter an ihrer Seite hat, denn die möglichen Verstöße gegen iranische Regeln sind kompliziert und vielfältig.

Dies gilt für Traditionen im Privaten und für das gesellschaftliche Leben in Teheran. Doch Mina erlebt nicht nur die Unterdrückung der Menschen im Iran, sondern auch die überschwängliche Freude und das unglaubliche Wohlwollen ihrer iranischen Familie. Und dann ist da noch Ramin, ein Irano-Amerikaner wie sie, der seine Großmutter am Sterbebett besucht und damit wortwörtlich Kopf und Kragen riskiert. Er versteht Minas Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat. Aber werden sie die aufkeimende auch in ihr amerikanisches Leben übertragen können?

Meine Meinung:
„Tausendundein Granatapfelkern“ erzählt die Geschichte einer jungen, erfolgreichen Amerikanerin. Und die Sehnsucht zweier Iranerinnen nach ihrer alten Heimat, den alten Bräuchen und ihrer Familie. Denn Marjan Kamali erzählt auch die Geschichte von Minas Mutter. Und das ist sehr wichtig, um zu verstehen, warum jemand mit Mann und Kindern sein vertrautes Leben verlässt, um in einem fremden Land noch einmal komplett neu anzufangen.

Nichts anderes als ein Neuanfang ist es, was Darya ihrer Familie „antut“. Eine neue Sprache, neue Lebensgewohnheiten und Werte und nicht zuletzt auch sozialer und gesellschaftlicher Abstieg. Daryas Mann muss vorerst als Pizzabäcker arbeiten, bis er endlich die Zulassung bekommt und wieder als Chirurg arbeiten darf. Darya selbst hilft in einer chemischen Reinigung aus. Alles nur, damit die Kinder in Freiheit aufwachsen können und angesehene Berufe erlernen, statt Nachbarn zu erschießen.

Ich kann die Zerrissenheit von Mina und Darya ein Stück weit nachvollziehen. Wenn man nicht dort lebt, wo man aufgewachsen ist, bleibt immer ein Teil in der alten Heimat, während der Rest von einem versucht, in der neuen Fuß zu fassen. Die Unsicherheit, ob man jemals irgendwo echte Wurzeln schlagen wird, setzt einen immer zwischen die Stühle. Da tut es gut, hin und wieder in die alte Welt einzutauchen. Zumindest, wenn man wie Mina und Darya herzlichst empfangen wird. Und noch besser ist es, wenn man jemanden findet, dem man seine Zerrissenheit nicht erklären muss, weil der das Gefühl kennt.

Ein sehr wichtiger Teil der Geschichte sind aber auch die lebensnahen Darstellungen der Traditionen. Es ist eine Sache, die Regeln und Traditionen der iranischen Gesellschaft vorgesetzt zu bekommen. Besser ist es, wenn sie einem wie in „Tausendundein Granatapfelkern“ am lebendigen Beispiel näher gebracht werden. Dann kann man den Menschen hinter den Bräuchen sehen und versteht sogar Dinge, die einem bis dahin vorkamen, als wären sie von einem anderen Stern.

Mein Fazit:
„Tausendundein Granatapfelkern“ ist das feinfühlige Portrait der Grenzgänger unter uns. Also der Leute, die weit entfernt von ihren ursprünglichen geographischen und kulturellen Wurzeln leben. Es fällt leicht, Minas Lebensgefühl in Amerika nachzuvollziehen. Es zeichnet aber auch ein Bild vom Iran und seinen Menschen, dass so gar nicht zu dem Bild aus den Nachrichten von Krieg und extremem Glauben passen will. Und das ist gut so. Denn es ist wichtig, dass wir bei all den Kriegen und großen Plänen der mächtigen Länder nicht vergessen, dass dort Menschen leben. Menschen, die sich kaum von uns selbst unterscheiden. Fünf Sterne für „Tausenundein Granatapfelkern“.

Infos zum Buch:
Titel: Tausendundein Granatapfelkern
Autorin: Marjan Kamali
Aus dem Amerikanischen von Astrid Finke
Verlag: Diana Verlag
ISBN: 978-3-453-29152-2

Dieses Buch wurde uns vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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