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Buch: „Taube Nuss“ von Alexander Görsdorf

Alexander Görsdorf ist schwerhörig. Von Kindesbeinen an hat sich seine Hörfähigkeit immer weiter verschlechtert. Was man so hört, wenn man eigentlich nichts mehr hört, welche Vorteile Taubsein manchmal hat und wie schwierig es sein kann, einen einfachen Kaffee zu bestellen, davon berichtet Alexander Görsdorf auf seinem Blog „not quite like Beethoven“. Und in seinem Buch „Taube Nuss – Nichtgehörtes aus dem Leben eines Schwerhörigen“.

Taube Nuss von Alexander Görsdorf
„Taube Nuss“ bei ©rororo

Zum Inhalt:
Es beginnt mit Geschichten von Kindergeburtstagen, bei denen die üblichen Spiele wie Stille Post, Verstecken und Topfschlagen zur Tortur oder zum Triumpf wurden. Er erzählt auch aus Teenagertagen, in denen er Filme am liebsten mit Kopfhörer sah und beim Besuch im Schwimmbad die ausgelassene Meute immer und überall im Blick haben musste. Später wurde Alexander Görsdorf zum Weltenbummler: reiste viel, studierte im Ausland und schloss Freundschaften rund um den Erdball. Dabei machte ihm nicht nur die fremde Sprache zusätzliche Schwierigkeiten, sondern manchmal auch die Mentalität der Menschen dort.

Aber egal, wo er sich gerade aufhielt: Manche Dinge sind überall gleich. Der Sex zum Beispiel. Der macht offensichtlich ohne Hörgerät keinen Spaß. Gleichzeitig kann man sich wohl auch trotz Hörgerät dabei immer noch tüchtig missverstehen. Von mehr oder weniger amüsanten Missverständnissen wimmelt es in diesem Buch. Denn die „Flotthörer“ wie Görsdorf seine normal hörfähigen Mitmenschen nennt, haben meist keine Ahnung, wie sie mit seiner Schwerhörigkeit umgehen sollen. Manchmal weiß er das selbst nicht. Oft genug wird das Normalste der Welt für ihn zur Herausforderung. Vom Meeting mit den Kollegen über den Einkauf beim Bäcker bis hin zum Date mit der Liebsten auf einem einsamen Hügel unterm Sternenhimmel.

Meine Meinung:
In kurzen Anekdoten erzählt Alexander Görsdorf vom Damals und Heute mit unterschiedlicher Schwerhörigkeit. Darunter ist nicht nur der Grad der Schwerhörigkeit gemeint, sondern auch verschiedene Hörgeräte und auch sein elektrisches Ohr. Vor allem diesen wohlüberlegten und durchaus riskanten Schritt dokumentiert er ausführlich: Er erzählt von Fortschritten, Rückschlägen und kleinen Experimenten. Und er versucht immer, den sicher vielen flotthörenden Lesern anschaulich zu vermitteln, wie er Dinge akustisch wahrnimmt.

Dabei ist Görsdorfs Erzählweise frei von Selbstmitleid oder Rührseligkeit. Es geht flott von Anekdote zu Anekdote und der Leser ist jedes Mal schnell und voll im Bilde. Manchmal ist es lustig, manchmal spürt man die Frustration. Immer jedoch erhält man klare Einblicke in die Görsdorfs Welt, die von akustischen Fragestellungen geprägt ist. Da geht es um die beste Position an einem Tisch mit vielen Gesprächspartnern. Um Strategien, die man entwickelt, um in einer WG nicht plötzlich halb nackt in einen Mädelsabend rein zu platzen. Um die Frage, ob sich ein Konzertbesuch lohnt. Und ob er genug hört, um mit jemandem telefonieren zu können.

Der Schreibstil des Autors ist anschaulich, locker und liest sich so flott, wie nicht nur Flotthörer es gern haben. Jede Anekdote hat einen ernsten Unterton, der jedoch selten die Überhand gewinnt. Die kleinen und großen Schwierigkeiten beschreibt Görsdorf an Beispielen, bei denen man genauso schnell oder langsam wie er selbst begreift, was in der jeweiligen Situation schief gelaufen ist. Er holt den Leser auf unkomplizierte aber wirkungsvolle Weise mit ins Boot.

Mein Fazit:
Sich als Flotthörer in Görsdorfs Welt hineinversetzen zu wollen, klingt im ersten Moment einfach. Bis man begreift, dass es mit einem einfachen „die Ohren zuhalten“ nicht getan ist. Dann nämlich merkt man, dass dieses Hineinversetzen in die Welt eines Schwerhörigen anstrengend sein kann, ja fast schon in Arbeit ausarten könnte. Aber Alexander Görsdorf schafft es, dass man sich gern und interessiert in diese Arbeit stürzt. Er schreibt so unterhaltsam, dass man dranbleiben und mehr wissen möchte. Wohl weil es Situationen aus dem Alltag sind, die jedem passieren, aber eben nur Schwerhörigen genau so wie ihm. Das macht einfach Spaß, zu lesen.

Infos zum Autor:
Alexander Görsdorf wurde 1975 geboren; seine Schwerhörigkeit hat sich seit früher Kindheit stetig verschlimmert. Trotzdem ging er in den USA auf die High School, studierte Philosophie und Europäische Ethnologie in Berlin und Sevilla und arbeitete in Harvard an seiner Promotion. Heute ist er Kommunikationsberater. In seinem Blog «Not quite like Beethoven» schreibt er seit Jahren über das Leben mit schlechtem Ton.

Infos zum Buch:
Titel: Taube Nuss – Nichtgehörtes aus dem Leben eines Schwerhörigen
Autor: Alexander Görsdorf
Verlag: rororo
ISBN: 978-3-499-61600-6

Dieses Buch habe ich mir in der Stadtbibliothek Schkeuditz ausgeliehen.

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