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Buch: „Suna“ von Pia Ziefle

Wir sind mehr als die Summe unserer Teile, heißt es. Wir sind aber auch nicht weniger als das und darum sollten wir alle unsere Teile kennen. Luisa Wackermann versucht lange Zeit, einen ganz bestimmten Teil ihrer selbst zu ignorieren. Bis ihre eigene Tochter ihr keine andere Wahl lässt, als sich mit der Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Doch was sich immer wie ein Trip durch die Hölle anfühlte, wird plötzlich zu einem großen Gewinn.

"Suna" beim ©Ullstein Buchverlag
„Suna“ beim ©Ullstein Buchverlag

Zum Inhalt:
Luisa und Tom leben mit ihrem Sohn und ihrer Tochter in einem kleinen Haus auf dem Land. Alles könnte perfekt sein, wäre da nicht der kräftezehrende Umstand, dass die kleine Tochter quasi niemals schläft und einfach nicht zur Ruhe kommt. Die Ärzte raten Luisa zu umfangreichen Untersuchungen, die lange Krankenhausaufenthalte bedeuten würden. Doch Luisa will das nicht und wendet sich stattdessen an den Arzt, der ihre Tochter entbunden hat und dabei sagte „Eine ganz alte Seele haben wir da“.

Dieser Arzt rät Luisa dazu, ihre eigene Vergangenheit und damit ihre Familiengeschichte aufzuarbeiten. Das jedoch ist etwas, was Luisa bisher weitestgehend vermieden hat. Vor allem, wenn es dabei um ihren leiblichen Vater geht. Trotzdem beginnt sie, ihrer kleinen Tochter von den Familienmitgliedern zu erzählen: Angefangen bei den eigenen Großeltern über ihre leiblichen und Adoptiveltern bis hin zur Kennenlerngeschichte von Luisa und Tom.

Auch die Geschwister spart sie nicht aus. Nur den leiblichen, den klammert sie solange aus, wie es irgendwie geht. Weil sie neuen Schmerz erwartet, von einem Mann, von dem sie bisher nicht einmal den Namen wusste. Der sich für seine leibliche Tochter noch weniger zu interessieren schien, als es manch „echtes“ Familienmitglied je getan hatte. Aber am Ende gewinnt sie mehr, als sie sich je erträumt hatte.

Meine Meinung:
Es ist am Anfang gar nicht so einfach, durch all die Namen durchzusteigen und die Personen an den richtigen Platz im Stammbaum zu setzen. Eben dieser wäre spätestens bei der vierten „beleuchteten“ Person wirklich hilfreich gewesen. Den Pia Ziefle strickt die Lebensgeschichten so dicht, dass jede einzelne von ihnen ein eigenes Buch verdient hätte. Irgendwann fragt man sich jedoch, wer da noch mal eben zu wem gehört und wo die Verbindung zu Luisa ist.

Die Verwirrung kann die Wirkung, die „Suna“ auf mich als Leser hat kaum schmälern. Als von Natur aus neugierig nach Menschengeschichten (Ich mag das Wort Schicksale nicht) packt mich „Suna“ und lässt mich nicht vom Haken – bis zur letzten Seite. Pia Ziefle erzählt mehr als nur die Geschichte einer adoptierten Frau, die sich irgendwie immer fehl am Platze und unvollständig fühlte.

Sie erzählt die Geschichte von Familien, die im zweiten Weltkrieg ihre Männer verloren, auch wenn sie heimkehrten. Von Gastarbeitern, die mit großen Hoffnungen nach Deutschland kamen. Von Jugoslawen, die auch als Kroaten, Serben, Bosnier immer irgendwie ihre Identität und ihre Beziehung zum Nachbarn überprüfen müssen.

Zum Nachbarn auf der anderen Straßenseite, die bald schon wieder zu einem anderen Staat gehören könnte. Oder eben auch zum türkischen Nachbarn, was historisch gesehen noch viel länger kompliziert ist. In „Suna“ werden sich also nicht nur Adoptivkinder wiederfinden. sondern ganze Generationen von Deutschen, Einwanderern, Gastarbeitern und Kriegsrückkehrern wiederfinden.

Mein Fazit:
„Suna“ ist eine melancholische Betrachtung eines Stammbaums, der an vielen Stellen krumm und verwachsen ist. Manche Äste scheinen völlig fehl am Platze, als würden sie gar nicht zu diesem Baum gehören. Andere sitzen fast schon zu perfekt am Stamm. Der schönste Teil jedoch, der also, der die reichsten Blüten trägt, ist genau der, der am längsten ignoriert wurde. Diese glückliche Überraschung ist das i-Tüpfelchen auf einer Geschichte, die über politische und konventionelle Grenzen hinaus geht. Und wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb wirklich berührt.

Infos zum Buch:
Titel: Suna
Autorin: Pia Ziefle
Verlag: Ullstein
ISBN: 9783550088926

Dieses Buch habe ich mir in der Stadtbibliothek Schkeuditz ausgeliehen.

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ommentare

  1. Lieber Tulpentopf,
    ganz ganz herzlichen Dank für diese Besprechung von Suna!
    Dem Bild nach hattest du die Hardcoverausgabe? Dort gibt es tatsächlich noch keinen Stammbaum im Buch, der wurde erst beim Taschenbuch mitgedruckt.
    Aber: ich habe ihn hier auf meiner Seite zum download, vielleicht hilft das ein bisschen weiter?
    http://www.piaziefle.de/lesekreise/
    Ganz herzliche Grüße,
    Pia

    1. Liebe Pia,
      ja ich hatte die Hardcoverausgabe. Die Optik des Stammbaums entspricht eindeutig dem verwachsenen, interessanten Bild, das ich von ihm habe. Vielen Dank für den kleinen Hinweis. Selbst ohne die bildliche Stütze fand ich dein Buch wirklich berührend.

      LG Tina vom Tulpentopf

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