Buch“ Streichquartett“ von Anna Enquist

Manche Autoren schreiben Thriller, andere Dramen und wieder andere versuchen beides miteinander zu vermischen. Das gelingt nur selten, denn allzu leicht verwischt der Gefühlsanteil die Spannung und umgekehrt. Anna Enquist hat es trotzdem gewagt und liefert mit „Streichquartett“ ein gefühlvolles Buch, das mit als Thriller endet. Aber ist ihr der Spagat auch gelungen?

"Streichquartett" von Anna Enquist beim ©Luchterhand Literaturverlag

„Streichquartett“ von Anna Enquist beim ©Luchterhand Literaturverlag

Zum Inhalt:
Reinier ist alt geworden. Einst war er ein gefeierter Cellist, heute verkriecht er sich in seiner Wohnung und hat Angst, ins Altersheim abgeschoben zu werden. Nur der Nachbarsjunge Driss kommt oft vorbei une hört ihm beim Spielen zu.  Und seine ehemalige Schülerin Carolien nimmt Stunden bei ihm. Sie ist inzwischen Ärztin und mit Jochem verheiratet, der eine Werkstatt für Streichinstrumente hat. Carolien und Jochem treffen sich mit der Sprechstundenhilfe Heleen und deren Bruder Hugo regelmäßig zum Musizieren – als Streichquartett.

Im gemeinsamen Musizieren finden alle fünf Trost und Ruhe. Reinier zum Beispiel fürchtet sich vor einer Art Gesundheitspolizei. Denn in Amsterdam werden alte Menschen ab einer gewissen Pflegestufe in speziellen Heimen untergebracht und man hört nie wieder von ihnen. Heleen sieht als Arzthelferin in Caroliens Praxis viele alte Menschen auf diese Weise verschwinden und kommt überhaupt nicht damit klar. Genauso wenig wie ihr Bruder Hugo sich geschlagen geben will, wenn es um die hochwertige Kultur in seinem Musikzentrum geht.

Dabei kann er froh seine, dass sich Carolien so rührend um seine dreijährige Tochter kümmert. Mit der Mutter ist er schon lange nicht mehr zusammen, was vielleicht auch daran liegt, dass er sich nie wirklich auf etwas festlegt. Dass nun aber ausgerechnet Carolien in dieser Patentantenrolle aufgeht, ist für alle seltsam. Denn sie und ihr Mann Jochem haben bei einem Verkehrsunfall beide Söhne verloren.

Gerade als die Musik bei den vier Freunden und auch Reinier richtig zu wirken beginnt, kommt es zu einem ungewöhnlichen Zwischenfall. Durch eine unbedachte Aktion hat ausgerechnet Heleen einen gefährlichen Straftäter angelockt, der auf der Flucht vor dem Gesetz ist. So wird das Hausboot, auf dem die vier sich zum Üben treffen, zu einer ausweglosen Falle. Die Insel für ihre musikalische Auszeit wird von der Realität zerstört.

Meine Meinung:
Anna Enquist packt ziemlich viel Leben in ihre Geschichte. Leben, dass nie einfach nur geradeaus läuft und manchmal eben nur scheinbar vor sich hin plätschert. Dabei hat jede ihrer Figuren ihr eigenes Päckchen zu tragen und merkt dabei gar nicht, wie schwer es eigentlich ist. Oder wie leicht es sein könnte, wenn man Hilfe zulässt.

Die tragischen Schicksalsschläge und die zwischenmenschlichen Beziehungen bieten eigentlich schon genug Stoff. Aber Enquist ist das nicht genug. Es muss am Ende noch im großen Stil krachen. Ob es nun dafür einen Verbrecher gebraucht hätte? Ich finde nicht. Der Verlust seiner Kinder ist tragisch genug. Vor allem, wenn sich dann zwei näher kommen, die nicht zusammen gehören.

Auch gefiel mir am Anfang sehr gut, wie die Autorin den Leser in die Geschichte hinein warf. Nur nach und nach erfährt man, welche Probleme die einzelnen Charaktere zu bewältigen haben. Anna Enquist stellt also das Verhalten der Personen voran und erklärt es erst nach und nach. In dem Moment, wo alle ihre Figuren mit der Auf- und Verarbeitung beginnen, verliert das Buch jedoch an Qualität.

Die Dialoge werden lang und unrealistisch. Es gibt viele Situationen, in denen die gesamte Geschichte hätte eskalieren können. Aber es braucht erst einen Schwerverbrecher, eine riesige Explosion und einen unrealistischen Showdown, der an einen Actionfilm erinnert. Warum nur? Warum nicht auf der zwischenmenschlichen Ebene bleiben? Wahrscheinlich, weil der Zufluchtsort des Streichquartetts zerstört werden musste.

Mein Fazit:
„Streichquartett“ ist ein Buch, dass mich mit seinem anfänglich langsamen Tempo für sich einnahm. Man muss nicht viel von Musik verstehen, um nachvollziehen zu können, welche Wirkung gemeinsames Musizieren auf geplagte Menschen hat. Die kleinen und großen Katastrophen hätten zudem völlig gereicht, um diese Idylle letztendlich doch noch zu zerfetzen. Leider werden diese wie Entwürfe beiseite geschoben, um einem heroischen Ende Platz zu machen. Die gefühlvolle Erzählung hätte das nicht nötig gehabt. Sehr sehr schade.

Infos zum Buch:
Titel: Streichquartett
Autorin: Anna Enquist
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN: 978-3-630-87467-8

Dieses Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Manche Autoren schreiben Thriller, andere Dramen und wieder andere versuchen beides miteinander zu vermischen. Das gelingt nur selten, denn allzu leicht verwischt der Gefühlsanteil die Spannung und umgekehrt. Anna Enquist hat es trotzdem gewagt und liefert mit "Streichquartett" ein gefühlvolles Buch, das mit als Thriller endet. Aber ist ihr der Spagat auch gelungen? Zum Inhalt: Reinier ist alt geworden. Einst war er ein gefeierter Cellist, heute verkriecht er sich in seiner Wohnung und hat Angst, ins Altersheim abgeschoben zu werden. Nur der Nachbarsjunge Driss kommt oft vorbei une hört ihm beim Spielen zu.  Und seine ehemalige Schülerin Carolien nimmt Stunden…
Wenn die eigenen Kinder sterben, ein Herzblutprojekt vor die Hunde geht oder keiner einen für voll nimmt, dann tut das weh. Nimmt man alles zusammen, lässt es sich ineinander verwickeln und verwirren, gibt das eine gute Story. Leider war das der Autorin nicht genug und es musste der ganz große Crash her. Schade.

Bewertung

Geschichte
Umsetzung
Sprache

Fast gut.

Wenn die eigenen Kinder sterben, ein Herzblutprojekt vor die Hunde geht oder keiner einen für voll nimmt, dann tut das weh. Nimmt man alles zusammen, lässt es sich ineinander verwickeln und verwirren, gibt das eine gute Story. Leider war das der Autorin nicht genug und es musste der ganz große Crash her. Schade.

Kategorie Bücher, Gegenwartsliteratur, Roman
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

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