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Buch: „Schmetterling im Sturm“ von Walter Lucius

Ein „Schmetterling im Sturm“ ist den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert. So schutzlos wie der Junge, den man schwer verletzt auf einer Straße im Wald nahe Amsterdam findet. Was er dort zu suchen hat, warum er in Frauenkleidern steckt und geschminkt ist und wer an seinem Überleben so gar kein Interesse hat – diese Rätsel will die Journalistin Farah Hafez lösen. Denn der Junge weckt Erinnerungen an ihre Vergangenheit in Afghanistan, die sie in der Gegenwart einzuholen scheinen.

"Schmetterling im Sturm" bei ©suhrkamp taschenbuch
„Schmetterling im Sturm“ bei ©suhrkamp taschenbuch

Zum Inhalt:
In einem Wald bei Amsterdam wird ein Junge von einem Auto angefahren und liegen gelassen. Mit schwersten Verletzungen kommt er ins Krankenhaus. Doch die Fahrerflucht allein ist es nicht, die Polizei, Ärzte und die Journalistin Farah Hafez mit Nachdruck nach den Tätern forschen lässt. Vielmehr ist es die Aufmachung des Jungen: In orientalisch anmutenden Frauenkleidern, geschminkt und mit Glöckchen geschmückt. Das weist auf eine afghanische Tradition hin: Baccha baazi. Dabei werden Knaben in Frauenkleider gesteckt, man lässt sie tanzen und anschließend werden sie sexuell missbraucht.

Der Junge ist also offensichtlich das Opfer von Kinderschändern. Doch wer hat dieses afghanische Ritual nach Amsterdam gebracht? Und wer sind die Kunden für solche Lustknaben?  Für seine Ärztin steht der Junge für alle die Kinder, die sie bei ihrem Einsatz in Afrika im Stich gelassen hat. Für den jungen Kriminalpolizisten Joshua Calvino ist es ein interessanter Fall, für seinen spielsüchtigen Partner Marouan Diba dagegen eine Katastrophe. Denn ausgerechnet der Mann, der ihm finanziell immer wieder aus der Patsche hilft, steckt tief drin im Kinderschändersumpf.

Für die Journalistin Farah Hafez allerdings ist der Junge nicht einfach nur ein heikles Thema. Sie selbst musste einst aus Afghanistan fliehen, hat beide Eltern verloren, lebt aus Angst vor Verfolgung unter falschem Namen. Der afghanische Junge bringt ihre Vergangenheit mit nach Amsterdam und holt Verdrängtes an die Oberfläche. Von der ersten großen Liebe bis zu den Umständen der Flucht.

Doch auch in der Gegenwart gibt es genug zu tun für die Journalistin. Denn es gibt brutale Menschen, die um jeden Preis verhindern wollen, dass der Junge jemals aussagen kann. Dazu kommt eine Medienvertreterin, die den Fall des Jungen für ihre Zwecke ausnutzen will und in einem Promi-Paar sowie der schuldbeladenen Ärztin willige Mitspieler findet. Natürlich gibt es mit Blick auf die orientalische Note des Kindesmissbrauchs eine aufgeregte Flüchtlingsdebatte. Und auch auf Seite der Bösen jemanden, der den Jungen für sich haben will – wenn auch lebend.

Meine Meinung:
Ein afghanischer Junge in orientalischen Frauenkleidern, überfahren, liegen gelassen und dann mit den besten medizinischen Mitteln versorgt. Der Aufschrei der Wutbürger wäre auch in unserem Land so groß wie in „Schmetterling im Sturm“. Die Medien und viele Politiker würden das Thema genauso für ihre Zwecke ausschlachten. Und vielleicht gäbe es sogar ein paar engagierte Leute, die den Fall nicht nur aus beruflichen Gründen unbedingt aufklären wollen. Ob sich irgendeine kriminelle Organisation genötigt fühlen würde, den Jungen endgültig ins Jenseits zu befördern, kann ich nicht beurteilen.

Das Spannungsfeld zwischen öffentlichem Interesse, organisiertem Verbrechen und persönlichen Schuldgefühlen bietet genug Stoff für einen Thriller. Die Frage ist halt nur, ob der Autor in diesem hier nicht zu viel gewollt hat. Auch wenn bei einem so heiklen Thema natürlich viele verschiedene Interessen dargestellt und auf Hintergründe durchleuchtet werden müssen. Doch irgendwie kommt Lucius beinahe vom Thema ab. Zumindest, wenn man wie ich erwartet, dass es mehr um die afghanische Tradition geht und um ihren Weg in die westliche Zivilisation.

Doch teilweise wildert mir Lucius zu lange und ausgiebig bei den Interessen und Gefühlen von Farah Hafez herum. Ich bin mir sicher, dass der 570-Seiten-Wälzer auch gut ohne die Stutenbissigkeit der journalistischen Erzfeindin und auch ohne Farahs Privatleben funktioniert hätte. Denn bei allem Trubel um den verletzten Jungen geht dieser doch mit seiner Geschichte quasi komplett unter. Der Fokus liegt hier leider auf Farah, die allein durch das gemeinsame Geburtsland nicht genug Beziehung zwischen mir und dem Jungen aufbauen konnte. Das ist sehr schade, denn um eben diesen Jungen sollte es doch eher gehen. zumindest, wenn man ihn als den „Schmetterling im Sturm“ sehen will. Farah hat ihren Platz im Leben gefunden, seiner muss erst noch geschaffen werden.

Mein Fazit:
Als Drehbuchautor und Produzent ist Walter Goverde (so der richtige Name des Autors) für zahlreiche Theater- und Fernsehproduktionen tätig gewesen. Für seinen Debütroman „Schmetterling im Sturm“ hat er den flämischen Krimipreis (Schaduwprijs) erhalten. Dieser Thriller bildet den Auftakt der Heartland-Trilogie. Nach der Lektüre des ersten Buches werde ich wohl auf die Fortsetzungen verzichten. Zu sehr wich diese erste Geschichte von meinen Erwartungen ab und war dagegen überladen mit Nebensträngen, die den Hauptstoff doch arg verwässerten. Schade.

Infos zum Buch:
Titel: Schmetterling im Sturm
Autor: Walter Lucius
Verlag: suhrkamp taschenbuch
ISBN: 978-3-518-46544-8

Dieses Buch habe ich mir von einer Freundin ausgeliehen.

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