Buch: „Restwärme“ von Kerstin Preiwuß

Buch: „Restwärme“ von Kerstin Preiwuß

„Restwärme“ erzählt von der Wechselwirkung zwischen Mensch und Heimat. Das alte Revier mag sich verändert haben, doch unter der Oberfläche sieht es noch immer so aus wie früher. Und genauso ist es mit dem Menschen. Er mag noch so weit in die Ferne ziehen – unter der Oberfläche ist er immer noch der Alte. Und trägt ein Stück Heimat, ob gut oder schlecht, mit sich herum. Etwas, dass er einfach nicht verleugnen kann.

"Restwärme" von Kerstin Preiwuß
„Restwärme“ beim ©Berlin Verlag

Zum Inhalt:
Marianne kehrt zur Beerdigung ihres Vaters in die Heimat zurück. Heimat, das ist ein Dorf im mecklenburgischen Nirgendwo. Dort leben Mutter und Bruder noch immer im alten Haus, pflegen alte Gewohnheiten und leben, als hätte es nie so etwas wie Fortschritt gegeben. Geheizt wird mit Holz, das Bruder Hans mehr oder weniger illegal aus dem nahe gelegenen Wald holt. Die Mutter kocht noch immer die Obsternte des Jahres ein und auch das Haus selbst hat sich nicht verändert

Marianne, die trotz unehelichem Kind den Sprung in die Großstadt, ja sogar ins Ausland geschafft hat, begegnet dieser vertrauten alten Welt mit Unbehagen. Denn die Erinnerungen an die Kindheit lassen in der Heimat nicht lange auf sich warten. Erinnerungen an einen Vater, der seine Kinder hart züchtigte, täglich betrunken war und selbst seiner Frau nicht traute. Erinnerungen auch an die Mutter, die bis heute nicht begreifen will, welchen Schaden auch ihr Schweigen angerichtet hat.

Die Beziehung zum Bruder, der als Kind zu ihr ins Bett kam, um sich trösten zu lassen, ist heute mehr als frostig. Zum einen, weil er dem Vater immer ähnlicher wird. Zum anderen, lebt er mit der Mutter in einer bequemen Koabhängigkeit. Marianne bleibt außen vor. Und durchlebt noch einmal die Schlüsselmomente ihres Lebens bis zu dem Punkt, an dem sie die Heimat mit ihrer Tochter endgültig hinter sich lässt. Dabei wird sie schneller als ihr lieb ist in alte Rollenmuster und alte Verhaltensweisen zurückgedrängt.

Meine Meinung:
Wer das Leben auf dem Land in der „guten“ alten Zeit kannte, wird die bildhaften Eindrücke in „Restwärme“ quasi riechen, fühlen und vor sich sehen. Der Hühnerhof, der selbst nach Jahren ohne Hühner immer noch glitschig vom Kot ist. Die Schaukel, die an der Eisenstange zwischen zwei Astgabeln hängt. Der Keller voller Einmachgläser mit Schimmel am Deckel. Die Menschen, die tratschend am Zaun stehen, wankend aus der Kneipe kommen oder ordentlich schwarz gekleidet zur Beerdigung.

Kerstin Preiwuß setzt eine tragische Lebensgeschichte in diese Kulisse, die für Außenstehende wahlweise idyllisch (Haus am See weitab vom Lärm) oder nach Einöde (heruntergekommen und hoffnungslos) aussieht. Die ganze Familie hat unter dem Alkoholkonsum des Vaters zu leiden, doch selbst dieser hat seine Not mit sich selbst und seiner Vergangenheit.

Eindrucksvoll entfaltet die Autorin die Ursache und Wirkung eines Schicksals auf das nähere Umfeld, zeigt, wie sich die Erfahrungen des Vaters auf seinen Charakter und damit auf das Leben und die Entwicklung seiner Kinder auswirkt. Das schwere Schicksal dieses Mannes wird dabei aber nicht als Entschuldigung für sein Verhalten eingesetzt, sondern steht als Fakt im Raum.

Leider ist der philosophische bzw fast schon poetische Stil von Kerstin Preiwuß gewöhnungsbedürftig. Vielen wird diese Art  zu erzählen, innovativ erscheinen. Andere werden ihre Probleme mit den fehlenden abschließenden Satzzeichen haben. Preiwuß erzählt ohne Punkt aber mit gefühlten tausenden Kommas. Dabei gehen Landschaftsbeschreibungen schonmal beinahe nahtlos in Erinnerungen über oder auch in Dialoge.

Für den ersten Überblick ist es zwingend notwendig den Klappentext zu lesen. Ansonsten hat man so seine Schwierigkeiten mit dem Einordnen von Personen, dem Ort der Handlung und der Zeit, in der das Beschriebene spielt. Dass es um eine Beerdigung geht, ist schnell klar. Aber ob Hans nun der Bruder oder vielleicht der neue Lebensgefährte der Mutter ist, muss man sich erarbeiten.

Mein Fazit:
Als Landei fühlte ich mich an vielen Stellen von „Restwärme“ in die eigene Kindheit zurück versetzt. Apfelernte, eingemachte Kirschen, Hausschlachtewurst in Gläsern, der Geruch nach Hühnerstall und Mähen mit der Sense. Alles bekannt und lieb vertraut. Glücklicherweise ist meine Vergangenheit nicht von Gewalt und Alkohol geprägt. Es ist jedoch genau dieses Schicksal, also diese starke Frau Marianne, die den Leser durch die Geschichte trägt. Der ungewöhnliche Schreibstil von Kerstin Preiwuß wird manche Leser jedoch abschrecken. Deshalb von mir nur vier Sterne.

Infos zur Autorin (laut Verlag):
Kerstin Preiwuß, 1980 in Lübz geboren, lebt als freie Autorin mit ihrer Familie in Leipzig. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Psychologie in Leipzig und Aix-en-Provence, promovierte über deutsch-polnische Städtenamen und ist Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, wo sie auch lehrte. 2006 debütierte sie mit dem Gedichtband »Nachricht von neuen Sternen«. 2008 erhielt sie das Hermann-Lenz-Stipendium. Von 2010-2012 war sie Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift Edit. 2012 erschien ihr zweiter Gedichtband »Rede« im Suhrkamp Verlag, der von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in die Liste der Lyrikempfehlungen des Jahres aufgenommen wurde. Zuletzt erhielt sie den Mondseer Lyrikpreis. Im Juli 2014 erscheint ihr Romandebüt »Restwärme« im Berlin Verlag.

Infos zum Buch:
Titel: Restwärme
Autorin: Kerstin Preiwuß
Verlag: Berlin Verlag
ISBN: 978-3-8270-1231-9
Erschienen am 14.07.2014

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