Buch: „Nachruf auf den Mond“ von Nathan Filer

Wie fühlt sich das an, wenn der große Bruder stirbt und man sich selbst dafür die Schuld gibt? Was passiert mit einem, wenn die Mutter sich dann an dich klammert? Welche Folgen kann es haben, wenn man auch nach zehn Jahren den Tod des Bruders nicht verarbeitet hat? In „Nachruf auf den Mond“ lässt Nathan Filer uns in den Kopf von Matthew schauen, dessen Bruder mit gerade mal 11 Jahren starb. Seinetwegen.

Nachruf auf den Mond bei ©DroemerKnaur

Nachruf auf den Mond bei ©DroemerKnaur

Zum Inhalt:
Es war ein Campingurlaub an der Küste von Cornwall.
Matthew ist neun Jahre alt, sein Bruder Simon zwei Jahre älter. Doch weil Simon das Down Syndrom hat, trägt Matthew meist die Verantwortung für den Quatsch, den sich die beiden Jungs so ausdenken. So wie bei dem nächtlichen Ausflug, den sie ohne das Wissen der Eltern machen. Und von dem nur Matthew wiederkommt.

Nach dem Tod des Bruders klammert sich die Mutter an Matthew. Sie unterrichtet ihn Zuhause, geht beim kleinsten Kratzen im Hals mit ihm zum Arzt. Als er dann endlich wieder normal zur Schule gehen kann, eckt er mit seiner Art ziemlich an. Nur der rüpelhafte Jacob freundet sich mit ihm an. Nach der Schule ziehen die beiden sogar in eine gemeinsame Wohnung. Doch Jacob kann seine pflegebedürftige Mutter dann doch nicht im Stich lassen.

Und Matthews Innenleben wird immer verwirrender. Er hört Simons Stimme, sucht und findet Botschaften von ihm: Im Rauschen des Wasserhahns, im Kaffeesatz, in der Titelmelodie einer Fernsehserie. Dabei gibt sich Matthew wirklich Mühe und arbeitet bis zum Umfallen als Helfer in einem Pflegeheim. Doch er ist oft unkonzentriert und entwickelt Fantasien, die aus dem Ruder laufen.

Schließlich landet er in der Psychiatrie. Die stationären Aufenthalte wechseln mit dem Besuch der Tagesklinik ab. Immer wenn er seine Medikamente absetzt, kommen die Erinnerungen und auch Simon wieder zurück. Zehn Jahre nach dessen Tod schreibt er schließlich auf, was passiert ist und wie es ihm seitdem ergangen ist. Und als er an den Ort des Geschehens zurückkehrt, findet sich ein Ausweg, der vielleicht funktioniert.

Meine Meinung:
Matthew ist verkorkst, aber liebenswert.
Er hält sich für einen Mörder, der seinen Bruder auf dem Gewissen hat. Er fühlt sich verantwortlich für seine Mutter, die ihn im ersten Jahr nach Simons Tod quasi Zuhause eingesperrt und isoliert hat. Er will niemandem Sorge bereiten, aber auch endlich gesehen werden. Als erwachsener Mensch und nicht als kleiner, schützenswerter Junge. Dabei sieht er in sich selbst immer nur den, der alles zerstört hat.

Das Schöne an diesem Buch: Simons Behinderung ist nur eine Randnotiz. Sie erklärt, warum Matthew schon vor Simons Tod für alles verantworlich gemacht wurde. Warum er sich schon vorher zurückgesetzt gefühlt hat. Und warum ein Sturz, der für Matthew nur ein aufgeschlagenes Knie bedeutet, für Simon eben tödlich endet. Ansonsten spielt Simons Down Syndrom in der Beziehung zwischen den Brüdern einfach keine Rolle.

Was schwierig an „Nachruf auf den Mond“  ist: Der Schreibstil. Nathan Filer lässt Matthew seine Geschichte auf dem Computer in der Psychiatrie und auf Omas alter Schreibmaschine schreiben. Das ist es dann auch, was der Leser vorgesetzt bekommt. Er kann also in Echtzeit erfahren, was in Matthews Kopf passiert. Und dort geht es ja nun nicht gerade geordnet zu.

So wechselt Matthew vom Alltag in der Psychiatrie über Erinnerungsfetzen an Simon, seine Mutter, Freunde oder Orte bis hin zu seiner Gefühlswelt ständig hin und her. Das ist alles andere als leicht zu lesen, gibt der Geschichte gleichzeitig aber authentische Tiefe. Was zwischen den Zeilen passiert macht das Ausmaß der menschlichen Katastrophe sehr deutlich.

Mein Fazit:
„Nachruf auf den Mond“ ist tiefgründig und facettenreich, ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Es gibt Aspekte des Buches, die andere Autoren wahrscheinlich bis ins letzte Detail hinein ausgearbeitet und umfangreich dargelegt hätten. Nathan Filer verzichtet darauf, ohne diesen Aspekten ihre Tiefe zu nehmen. Egal, ob es sich dabei um die Behinderung des Bruders oder die Anhänglichkeit der Mutter handelt. Für Matthew war es eben so und genau so erzählt er es auch. Das ist hochwertige Erzählkunst. Auch wenn der Text dadurch sehr anspruchsvoll wird.

Infos zum Buch:
Titel: Nachruf auf den Mond
Autor: Nathan Filer
Übersetzt von Eva Bonné
Verlag: DroemerKnaur
ISBN: 978-3-426-28124-6

Dieses Buch habe ich mir in der Stadtbibliothek Schkeuditz ausgeliehen.

Wie fühlt sich das an, wenn der große Bruder stirbt und man sich selbst dafür die Schuld gibt? Was passiert mit einem, wenn die Mutter sich dann an dich klammert? Welche Folgen kann es haben, wenn man auch nach zehn Jahren den Tod des Bruders nicht verarbeitet hat? In "Nachruf auf den Mond" lässt Nathan Filer uns in den Kopf von Matthew schauen, dessen Bruder mit gerade mal 11 Jahren starb. Seinetwegen. Zum Inhalt: Es war ein Campingurlaub an der Küste von Cornwall. Matthew ist neun Jahre alt, sein Bruder Simon zwei Jahre älter. Doch weil Simon das Down Syndrom…
Nein, einfach zu lesen ist Nathan Filers "Nachruf auf den Mond" beim besten Willen nicht. Gedankensprüngen eines schizophrenen Menschen zu folgen und dabei die tragische Geschichte seines Lebens herauszufiltern ist anspruchsvoll. Doch die Komplexität der Personen und der Umstände sind die Mühe wert. Deshalb aber auch der Punktabzug bei Sprache und Umsetzung, denn es wird einige Leser abschrecken.

Bewertung

Geschichte
Umsetzung
Sprache

Anspruchsvoll

Nein, einfach zu lesen ist Nathan Filers "Nachruf auf den Mond" beim besten Willen nicht. Gedankensprüngen eines schizophrenen Menschen zu folgen und dabei die tragische Geschichte seines Lebens herauszufiltern ist anspruchsvoll. Doch die Komplexität der Personen und der Umstände sind die Mühe wert. Deshalb aber auch der Punktabzug bei Sprache und Umsetzung, denn es wird einige Leser abschrecken.

Kategorie Bücher, Gegenwartsliteratur, Roman
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

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