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Buch: „Mit sozialistischem Grusz“ von Dirk Laucke

Vor einem Vierteljahrhundert hatte einer von blühenden Landschaften gesprochen. Doch stattdessen gibt es im Bitterfeld von 2002 nur Häuserruinen, ABM-Maßnahmen und schwierige Familienverhältnisse. Vor allem für die Jugendlichen zeigt sich jetzt, dass der goldene Westen eine Menge Möglichkeiten bereithält – man kommt eben nur oft nicht ran. Kein Wunder also, wenn sich ein verzweifelter Vater an eine alte Gallionsfigur für Kultur und Bildung wendet: An Margot Honecker.

"Mit sozialistischem Grusz" bei ©rororo
„Mit sozialistischem Grusz“ bei ©rororo

Zum Inhalt:
Phillip Odetski hat sein mittelmäßiges Abitur in der Tasche und keinen konkreten Plan für die Zukunft.
An die Kunsthochschule nach Berlin will er wohl, aber dort ist er im ersten Anlauf abgeblitzt und trottet seitdem durchs Leben. Dieser Trott hat ihm eine ABM-Maßnahme eingebracht, die ihn zur Pflege öffentlicher Grünanlagen verdonnert. In Bitterfeld ein Witz, denn dort blüht nichts, abgesehen vom Verfall.

Von seinen Freunden ist ihm nur Ralf geblieben. Mit ihm hat er früher Stunden zugebracht, heute geht er ihm aus dem Weg. Denn Ralf hat eine zweifelhafte Drogenkarriere hinter sich. Vom gut verdienenden Kifferkönig ist er nun zum Wrack ohne Strom, Freundin und Perspektive geworden. Aber auch Phillip kann keine richtige Freundin vorweisen. Zumindest ist die Kiste mit Nicole ziemlich verfahren. Sie will nichts Festes und er traut sich eh nicht, einen Schritt in diese Richtung zu wagen.

Bleibt also nur noch die Familie. Die Mutter ist kurz nach der Wende nach Bayern zum Arbeiten gefahren. Erst nur für eine Saison, dann für zwei hintereinander und dann für immer. Seitdem schlurft sein Vater zwischen Küche und Couch hin und her, ohne Antrieb oder Ziel. Anfangs hat Phillip diese Männer-WG sogar ganz gut gefunden. Inzwischen reden sie kaum noch miteinander.

Bis, ja bis er für seinen Vater einen Brief abschicken soll. Nach Chile. Genauer: Zu Händen von Margot Honnecker. In unzähligen Versuchen hat der Mann seine Gedanken zusammen genommen und versucht, der ehemaligen Ministerin für Volksbildung die Sorgen über seinen Sohn verständlich zu machen. Weil dieser bereits in so jungen Jahren so antriebs- und ziellos erscheint, wie der Vater.

Phillip nimmt seinen Vater erstmal nicht für voll. Doch wenig später soller er dem ersten Brief ein Päckchen mit guten deutschen Kohlrouladen aus der Dose hinterhersenden. Natürlich wieder mit einem Brief dazu, der wieder in zig vergeblichen Versuchen halbwegs fehlerfrei mit der alten Schreibmaschine aufs Papier gehämmert wurde.

Natürlich wird Phillip nichts davon absenden. Aber so sehr er sich rauszuwinden versucht, kann er seinem Vater nicht das Gegenteil weis machen. Und sich selbst nicht erklären – oder eingestehen – was der Vater mit dieser Aktion bewirken will. Als dann scheinbar sogar eine Antwort von Margot Honecker eintrifft, kommt es zum kleinen Finale zwischen Vater und Sohn.

Für das große sorgt die Flutkatastrophe von 2002. Die setzt Bitterfeld nicht nur unter Wasser, sondern auch dahinvegetierende Menschen wie Phillips Vater und den abgewrackten Ralf unter Strom. Und scheint sich dafür unüberwindbar zwischen Phillip und seinen Traum vom Kunststudium in Berlin zu stellen.

Meine Meinung:
Ein Briefwechsel mit Margot Honecker über die Folgen der Wende von 1989. Das wäre richtig interessant gewesen. Ja genau, wäre. Denn auch wenn das Buch so etwas auf den ersten Blick vermuten lässt, kommt es nicht dazu. Nicht einmal in hingeschummelter Form. Außer, man gibt sich mit einer einzigen von Phillips Vielleicht-Freundin verfassten Pseudo-Antwort zufrieden.

Die ist leider so eine Schwafelei wie der ganze Rest des Buches. Ohne Punkt und dafür mit jeder Menge Kommata darf man den Gedanken des eher wortkargen Phillip lauschen. Heißt: In seinem Kopf herrscht Chaos, aber es kommt kaum etwas raus. Das stellt er selbst auch immer wieder treffend fest, kommt aber trotzdem nicht zum Punkt.

Abgesehen davon spiegelt diese Erzählung von Dirk Laucke die deutsche Brachlandschaft der 2000er Jahre im Osten ziemlich gut. Wo nicht nur Fabriken und Läden dicht machen, sondern ganze Straßenzüge quasi unbewohnt sind. Wo man manchmal nicht genau weiß, hinter welchen vergilbten Gardinen abends noch das Licht angeht. Wo man Landschaften nur deshalb blühen sieht, weil auf der Fläche mal was gebaut werden sollte, was dann doch nichts wurde.

Es spiegelt auch die Orientierungslosigkeit wieder, mit der die jungen Leute dieser Bitterfeld-Wohnlagen in die Wirtschaft stapften. Gerade noch im halbwegs geschützten Raum von Schule und Ferien, merkten sie plötzlich, was ihr Schulabschluss wert war. Je mittelmäßiger der ausfiel, umso weniger ließ sich damit etwas anfangen. Jedenfalls nichts, was zu den eigenen Wünschen passte.

Noch dazu, da sie mit ansehen durften, dass selbst bodenständige Leute mit anständigen Berufen nicht mehr gebraucht wurden. Also handfeste Berufe selbst bei jahrzehntelanger Erfahrung auf dem Buckel eher zum Ausrangiertwerden als zum Schutz vor Arbeitslosigkeit führte. Wie sollte man sich da als übermütiger Jungspund für den richtigen Weg entscheiden.

Mein Fazit:
Eine Antwort von Margot Honecker zu diesem Dilemma wäre ein interessantes Gedankenspiel gewesen. So wie es geschrieben ist, stellt es zwar auch ein Gedankenspiel dar, aber dann doch eher eins, dass dem Leser Geduld abverlangt. Geduld und die Muße, sich die relevanten Gedankengänge und Beobachtungen aus der Vielzahl abschweifender Worte herauszupicken. Aber dafür gibt es eigentlich schon genug Bücher über die Nachwendezeit im Osten.

Infos zum Buch:
Titel: Mit sozialistischem Grusz
Autor: Dirk Laucke
Verlag: rororo
ISBN: 978-3499269257

Dieses Buch habe ich mir in der Stadtbibliothek Schkeuditz ausgeliehen.

Bewertung

Geschichte
Umsetzung
Sprache

Mittelmäßig

Leider viel Geschwafel um ein interessantes Thema. Das überdeckt die sonst gut getroffenen Beobachtungen der weniger blühenden Landschaften im Osten.

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