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Buch: „Maskenball Unter den Linden“ von Hans Croiset

In „Maskenball Unter den Linden“ geht es um einen Vollblut-Juden, der zu 100 Prozent den deutschen Vorstellungen vom arischen Aussehen entspricht – und deshalb als Vollblut-Arier behandelt wird. Eigentlich geht es in der Geschichte aber auch um einen bodenständigen Mann, der nach Berlin kam, um für seinen Sohn einen Kinderwagen zu kaufen. Der jedoch nach Amsterdam zurückkehrt, als einer, der seine Frau betrogen, viele Menschen in Gefahr gebracht und sich selbst geblendet hat.

Maskenball Unter den Linden
Maskenball Unter den Linden ©Schöffling & Co

Zum Inhalt:
Der niederländische Schauspieler Moritz Akkerman fährt 1935 nach Berlin, um dort einen Film zu synchronisieren. Damit wird er in fünf Tagen so viel Geld verdienen, wie in Amsterdam in einem halben Jahr. Er will dafür einen Kinderwagen kaufen, denn er ist gerade Vater geworden. Und einen Staubsauger, denn die deutschen Produkte sind da einfach die Besten.

Doch ehe er es sich versieht, hat ihn eine deutsche Schauspielerin so in ihren Bann gezogen, dass er Frau und Kind vergisst und sich auf eine Affäre einlässt. Die Schauspielerin sorgt dafür, dass aus ein paar Tagen Wochen werden, indem sie ihrem niederländischen Liebhaber einen Posten als Co-Regisseur am Staatstheater besorgt.

Was niemand weiß: Moritz Akkerman ist Jude. Er sieht jedoch genau so aus, wie sich die Deutschen ihre Arier wünschen. So beginnt der „Maskenball Unter den Linden“, denn Akkerman wird mit offenen Armen empfangen. Dass er ausgerechnet das Stück „Luzifer“ von Joost van den Vondel auf die Bühne bringen soll, ist eine Ironie des Schicksals. Denn das Stück lässt sich nicht nur vage mit der politischen Situation im aufstrebenden Dritten Reich der Nazis vergleichen.

Sind die neuen Machthaber so naiv und lassen das gesellschaftskritische Stück durch die Zensur? Wird Moritz Akkerman am Ende als Jude, der er nun mal ist, entlarvt? Wird er emotional zu seiner Familie in den Niederlanden zurückfinden oder hat ihn die schöne Iljana für alle Zeit verdorben? Wird er überhaupt wieder nach Amsterdam zurückkehren können/dürfen/wollen?

Meine Meinung:
Das Buch beginnt aus der Sicht des neugeborenen Sohnes von Akkerman. Das ist eine schräge aber mögliche Art, den Leser in die Lebensumstände von Moritz Akkerman einzuführen. Danach erlebt man die Entwicklung eines bodenständigen, leicht naiven Mannes zum überheblichen Ehebrecher, der sich einbildet, dem Nazi-Regime auf der Nase herumtanzen zu können.

So war ich am Anfang fast schon genervt von der melancholischen Art, die Akkermans erste Begegnung mit Nazi-Deutschland nach sich zieht. Dann jedoch nimmt die Geschichte Fahrt auf und man fragt sich, ob Iljana es wirklich schafft, diesen Mann zu verderben. Und das Glitzerfischchen wickelt ihn um den kleinen Finger, so wie sie das mit allen Männern tut. Ob sie die Männer dabei bewusst ausnutzt oder doch einfach nur nicht anders kann, als mehrere auf einmal zu lieben, bleibt relativ offen.

Während der ganzen Zeit schwebt Akkermans jüdische Herkunft wie ein Damoklesschwert über ihm. Man erhält Einblicke in die gesellschaftlichen Werte von 1935: von der Zensur und den Judenhass, von geprobten Paraden, von vermessenen Gesichtern, von öffentlichen Demütigungen der Juden in Deutschland. Und das alles aus der Sicht eines Ausländers, der sich in „Maskenball Unter den Linden“ unters Volk mischen kann, ohne aufzufallen.

Akkermans kühne Pläne am Theater machen deutlich, welchen Höhenflug der anfangs bodenständige Mann macht. Der Absturz ist vorprogrammiert und wird gut in Szene gesetzt. Die Bedrohung, als Jude enttarnt zu werden, verblasst allerdings auch gegenüber der Affäre mit Iljana. Für meinen Geschmack nimmt sie bis zum Schluss zu viel Raum ein. Nur weil es Akkerman selbst liebestoll und blind für die Gefahr wird, muss das ja nicht für den Leser gelten.

Mein Fazit:
Das aufstrebende Nazi-Deutschland aus der Sicht eines unbedarften Ausländers, der sich unbehelligt unters Volk mischen kann – das hat schon was. Die Verbindung zum Theater bietet außerdem Einblicke in die kulturellen Veränderungen. Iljanas Verbindungen bis hinauf zum Führer machen es spannend. Und weil im Theater nunmal auch nur Menschen arbeiten, sind einige davon eben Juden. So gelingt dem „Maskenball Unter den Linden“ ein eleganter Rundumschlag und ein Panoramablick auf das Berlin von 1935.

Infos zum Autor (laut Verlag):
Hans Croiset, geboren 1935, ist ein niederländischer Regisseur und Schauspieler, der sich mit zahlreichen Theaterstücken, Filmen und Fernsehspielen einen Namen gemacht hat. Als künstlerischer Leiter und Mitbegründer verschiedener Theatergruppen ist er vielfach ausgezeichnet worden.

Infos zum Buch:
Titel: Maskenball Unter den Linden
Autor: Hans Croiset
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
ISBN: 978-3-89561-305-0

Dieses Buch wurde uns vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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