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Buch: „Magnolienschlaf“ von Eva Baronsky

Jelisaweta kommt aus aus Smolensk nach Deutschland, um Wilhelmine zu pflegen. Die eine ist 23 und flieht vor den kalten Frauen ihrer Familie. Die andere ist über 90 Jahre alt und hat ihre schlimmsten Erinnerungen so tief vergraben, dass sie durch nichts und niemanden hervorkommen können. Und dann reichen doch ein paar Worte, damit für beide Frauen die Welt einstürzt.

"Magnolienschlaf" beim ©Aufbau Verlag
„Magnolienschlaf“ beim ©Aufbau Verlag

Zum Inhalt:
Wenn Wilhemine so könnte wie sie wollte, würde sie den Haushalt und ihr Leben noch ganz alleine meistern. Aber seit ihrem Sturz von der Leiter im letzten Herbst, kann sie das Bett nicht mehr verlassen. Für jeden Toilettengang, für jede Idee für die man aufstehen müsste, braucht sie Hilfe. Ihre Nichte Karin will das nicht übernehmen. Aber mehr Familie hat Wilhelmine nicht mehr.

Also wird eine Vollzeit-Pflegekraft engagiert: Jelisaweta, kurz Lisa.

Die 23jährige hat Erfahrung mit alten, pflegebedürftigen Menschen und spricht fast perfekt Deutsch. Nach einer kurzen Einweisung lässt Karin sie mit „Tantchen“ allein. Und es sieht anfangs auch ganz gut aus: Wilhelmine ist zufrieden mit dem tüchtigen Mädchen.

Bis sie ein Telefonat von Lisa mithört. Sie hört Worte die sie nicht versteht und die Ihr Innerstes nach außen kehren. Es ist Russisch. Die Sprache, die ihr schon als junge Frau im Zweiten Weltkrieg Todesangst bescherte. Wegen den „Drecksrussen“ hat sie Schuld auf sich geladen, die sie nie wieder los geworden ist. Nur tief in sich vergraben.

Lisa ist verstört von der plötzlichen Feindseligkeit der alten Frau, die sie als Diebin und dreiste Göre hinstellt. Diese Tiraden kennt sie von ihrer Großmutter, ihrer Babka. Auch wenn sie nie verstanden hat, woher der Hass der Großmutter kam. Als sie in Wilhelmines Sachen ein paar versteckte Fotos und eine Kette mit Täubchen-Anhänger findet, beginnt sie Fragen zu stellen. Sich selbst und Wilhelmine.

Meine Meinung:
„Magnolienschlaf“ ist nach „Manchmal rot“ das zweite Buch, dass ich von Eva Baronsky gelesen habe. Es erzählt die Geschichte einer bettlägerigen Alten und ihrer jungen Pflegerin. Beide sind aufeinander angewiesen: Wilhelmine, weil sie sich nicht selbst versorgen kann, ja es nicht mal allein aus dem Bett schaffen würde. Jelisaweta, Lisa, weil sie den Job in Deutschland braucht – in Smolensk hat sie keinen mehr, dafür eine manipulative Mutter.

Wilhelmines Hass auf die Russen hat tiefe Wurzeln. Im Zweiten Weltkrieg hat sie Schlimmes erlebt und Schlimmes getan – wegen der „Drecksrussen“. Für sie gehört Lisa zu diesen verhassten Menschen und ist keinen Deut besser. Doch Lisas familiäre Probleme haben ihren Ursprung genau dort, wo Wilhelmines Leid begann.

Autorin Eva Baronsky verknüpft hier die Lebensgeschichten zweier Frauen, die kaum unterschiedlicher sein könnten. In einem feinen und besonderen Sprachstil deckt sie nach und nach die Gemeinsamkeiten beiden auf. Dabei bedient sie sich kleiner Zufälle, macht aber nicht den Fehler, eine direkte Verbindung zwischen Wilhelmine und Jelisaweta herbei zu konstruieren.

Meine Meinung:
Ich habe „Magnolienschlaf“ verschlungen. Allein Wortwahl und Stil entschleunigten mein Lesen und ließen mich jede Seite genießen. Auch wenn die Geschichte gerade mal ein paar Wochen zwischen Bett und Supermarkt spielt, spannt sie einen weiten Bogen über 70 Jahre und tausende Kilometer. Trotz aller Annäherung bleibt es beim Bogen – für eine Brücke zwischen zwei Menschen reicht es nicht. Was es nur glaubwürdiger macht.

Infos zum Buch:
Titel: Magnolienschlaf
Autorin: Eva Baronsky
Verlag: Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-7466-3089-2

Dieses Buch habe ich in der Stadtbibliothek Schkeuditz ausgeliehen.

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