Buch: „Lotta Wundertüte“ von Sandra Roth

Für viele ist die Schwangerschaft und die erste Zeit mit ihrem Baby die schönste im Leben. Deshalb gibt es tausende Ratgeberbücher, furchtbar überteuerte Produkte für Mutter und Kind und schon vor der Geburt ausgefeilte Tests, die die Garantie für eine glückliche Zukunft geben sollen. Doch was, wenn trotz allem etwas schief geht?

Lotta Wundertüte bei ©Kiepenheuer&Witsch

Lotta Wundertüte bei ©Kiepenheuer&Witsch

Sandra Roth hat einen tollen Job, einen tollen Mann, ein Eigenheim in der Vorstadt und einen gesunden Sohn. Das Baby in ihrem Bauch soll das Glück perfekt machen. Und es sieht auch ganz danach aus, als würde beim Wunschkind Nummer zwei alles nach Plan laufen. Doch eines Tages gegen Ende der Schwangerschaft schweigt die Ärztin bei der Ultraschalluntersuchung zu lange.

Sandra Roths Baby im Bauch hat eine Gefäßfehlbildung: Vena Galeni Malformation. Ein Kurzschluss zwischen der Arterie und der Vene im Kopf. Beide vereinen sich zu früh, wodurch das Gehirn nicht genug frisches Blut und Teile davon überhaupt keins bekommen. Außerdem belastet die Störung das Herz, dass mit Macht versucht, das Blut an die richtigen Stellen zu pumpen.

Wenn Sandra Roth wollte, könnte sie jetzt immer noch abtreiben. Im neunten Monat. Wenn sie sich selbst für nicht stark genug hält für ein Leben mit einen behinderten Kind. Denn die kleine Lotta wird im besten Fall mit eingeschränkten Fähigkeiten zur Welt kommen, höchstwahrscheinlich aber eher stark behindert sein und im schlimmsten Fall nicht lange leben.

Sandra Roth entscheidet sich für ihr Kind und für ein Leben mit Lotta. Das kleine Mädchen muss bereits in den ersten Wochen ihres Lebens mehrfach operiert werden, um das Loch zwischen Arterie und Vene nach und nach zu verschließen. Wie sich später herausstellen wird, ist Lotta fast blind und hat immer wieder epileptische Anfälle. Außerdem kann sie sich kaum bewegen, da ihre Muskeln sich kaum entspannen.

Und so geht es in Sandra Roths ersten drei Jahren mit diesem besonderen Kind nicht um einen Platz im Babymassagekurs, nicht um die Frage, welches andere Kind vielleicht eher laufen kann oder wann Lotta anfängt, ihrem großen Bruder das Spielzeug zu klauen.

Es geht um die Frage, was Lotta eines Tages überhaupt können wird: Ob sie jemals die Blicke der „normalen“ Menschen sehen wird. Ob sie jemals allein essen oder laufen können wird. Ob sie aus dem nächsten Epilepsieanfall wieder auftauchen wird. Ob sie irgendwann mal ein paar Worte sprechen kann.

Sandra Roth beschreibt ihren Alltag, zitiert Freunde, Ärzte und Fremde. Und stellt unangenehme Fragen. Sich selbst, ihrem Mann und dem Leser. Viele davon bleiben unbeantwortet, hallen aber lange nach. Die meisten werfen neue Fragen auf. Selten gibt es eine klare Antwort, die länger als ein paar Wochen im Leben der Sandra Roth standhalten kann.

Sandra Roth setzt den Leser mitten in ihr Leben hinein. Sie lässt ihn teilhaben an Verzweiflung, Angst und Ratlosigkeit. Wie sehr man mit drin steckt, spürt man an den kleinen Erfolgen. Wenn mittendrin ein Absatz von vielleicht dreißig Zeilen so wunderbar und unfassbar schön ist, dass einem die Tränen kommen. Und dabei geht es nur darum, dass sich eine kleine Hand öffnet, weil jemand daraufgepustet hat, statt sie unter Gebrüll auseinanderzuzerren.

Fazit:
Dieses Buch ist harter Lesestoff. Mein erster Impuls wäre, allen schwangeren Frauen von der Lektüre dieses Buches abzuraten. Doch es ist ja gerade das, was Sandra Roth passiert ist: Sie hat in der Schwangerschaft alle Tests gemacht, nichts falsches gegessen und sich an die Regeln gehalten. Trotzdem hat sie ein Kind bekommen, dass in unserer Gesellschaft als Fehler angesehen wird. Doch statt nach dem Schuldigen für dieses „unnötige Missgeschick“ zu suchen, wäre es besser, behinderte Menschen einfach als Menschen zu sehen. Vielleicht sogar als besondere.

Titel: „Lotta Wundertüte – Unser Leben zwischen Bobbycar und Rollstuhl“
Autor: Sandra Roth
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3462045666

Dieses Buch habe ich in der Stadtbibliothek Schkeuditz ausgeliehen.

Kategorie Bücher, Gegenwartsliteratur, Roman
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

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