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Buch: „Kleine Schwestern“ von Fay Weldon

Junge Frauen sind für alte Männer der Beweis für ihre Potenz. Sie schmücken sich gern damit. Arme Leute sind für die Reichen ein netter Zeitvertreib. Vor allem, wenn sie dabei scheinbar gütig und hilfsbereit erscheinen können. Fay Weldon bietet in „Kleine Schwestern“ beides in einer ebenso unterhaltsamen wie undurchsichtigen Kombination.

"Kleine Schwestern" bei ©Wagenbach
„Kleine Schwestern“ bei ©Wagenbach

Zum Inhalt:
Vom Alter her könnte Elsa Victors Tochter sein. Sie hat sogar am gleichen Tag wie seine Tochter Geburtstag. Doch Elsa und Victor sind ein Paar. Und kurz vor ihrem 19. Geburtstag nimmt Victor seine junge Geliebte mit auf einen Wochenendbesuch bei einem Millionärsehepaar. Doch gleich bei der Ankunft sorgen die Gastgeber dafür, dass Elsa und Victor quasi voneinander getrennt werden.

So bekommt Elsa ein eigenes Schlafzimmer, das eher für Dienstboten gedacht ist. Victor haust dagegen wesentlich komfortabler. Zudem soll Elsa für Gastgeberin Gemma lange Listen abtippen. Während Victor mit dem Gastgeber über die ein oder andere Antiquität verhandelt, haben die Frauen ganz andere Dinge zu bereden. Gastgeberin Gemma erzählt der jungen Elsa wie es dazu kam, dass sie zwei Finger verlor und nun im Rollstuhl sitzt.

Doch je länger Victor und Elsa im Haus der Millionäre sind, umso unklarer werden die Absichten des Ehepaares. Hamish tippt die Listen für Gemma, macht Victor jedoch ein unmoralisches Angebot bezüglich Elsa. Victor verkauft seine Freundin für ein paar Antiquitäten an Hamish, beansprucht Elsa aber auch weiterhin für sich. Trotzdem lässt er sich von Gemma verführen und ist beinahe froh, als diese Elsa als Leihmutter benutzen will. Dafür lässt er sich sogar wieder mit seiner Exfrau ein und flieht mit dieser vor dem seltsamen Millionärspaar.

Spätestens als Hamish auch noch Gemmas angebliche Lebensgeschichte auf eine weniger tragische Geschichte reduziert, ist Elsa vollkommen verwirrt. Als sie schließlich die Beine in die Hand nimmt und vom Grundstück flieht, kann wohl niemand mehr sagen, was wahr und was ausgedacht ist. Denn Gemma kann plötzlich wieder laufen.

Meine Meinung:
Obwohl in „Kleine Schwestern“ am Anfang recht wenig passiert, hat mich das Buch doch in seinen Bann gezogen. Natürlich nicht wegen des ausgiebig bedienten Klischees vom alten Mann und seiner jungen Geliebten – und deren Naivität. Sondern wegen Gemmas Erzählung von ihrem Start als Landei im aufregenden London von 1966. Sie landete aufgrund ihres Aussehens bei einem Schmuck-Kreateur, in dessen Vorzimmer/Verkaufsraum Papageien hausten und dessen Geschäft von zwei sehr verschiedenen Männern geleitet wurde.

Hals über Kopf verliebte sich Gemma damals in den kreativen Schönling. Doch dieser war exzentrisch und zuletzt eben auch gefährlich. Schließlich wurde sie von ihrer verstörten Kollegin Marion und dem zweiten Geschäftsinhaber gerettet. Alles deutet darauf hin, dass eben dieser eher unattraktive Kauz nun ihr Mann ist. Doch wenn man ihrem Ehemann glauben kann, ist die Geschichte ein Märchen und Gemma bestreitet das nicht einmal.

Mit fortschreitender Geschichte häufen sich zudem die Absurditäten. Das unmoralische Angebot soll Gemma zu dem Kind verhelfen, das sie nie hatte. Hamish liebt es, Listen abzutippen, Victor tut alles, um eine Bibliotheksleiter zu bekommen und seine Ex-Frau vögelt mit allen Handwerkern, die das Haus betreten. Wenn man bedenkt, dass Victor mit Gemma und Hamish wie vereinbart mit Elsa im Bett landen, geht es ziemlich wild zur Sache.

Aber was genau ist nun die Aussage dieser Geschichte? Reiche sind verdorben und spielen mit der Macht ihres Geldes ahnungslose Leute gegeneinander aus? Männer werden nicht jünger, nur weil sie sich junge Geliebte suchen? Mit denen sie schlussendlich sowieso nicht mithalten können? Oder vielleicht: Wenn die jungen Mädchen erstmal ihre Macht erkannt haben, überflügeln sie Geld und Erfahrung und sind durch nichts aufzuhalten.  Ich denke, das ist es.

Mein Fazit:
„Kleine Schwestern“ ist trotz bedienter Klischees weitab vom Mainstream. Moralische Grenzen werden ausgetestet und überschritten. Und damit meine ich nicht einmal die körperbezogenen. Viel mehr zeigt es, was eine einzige unerwartete Wendung in der Geschichte bzw. im Verhalten einer Person bei allen Beteiligten bewirken kann. Während die einen sich plötzlich alt fühlen, wachsen andere über sich hinaus. Während die einen sich das Leben schön reden, wachen andere endlich auf. Durchaus lesenswert.

Infos zum Buch:
Titel: Kleine Schwestern
Autorin: Fay Weldon
Aus dem Englischen von Ingrid Dressler-Lewis
Verlag: Wagenbach Verlag
ISBN: 978-3-8031-2737-2

Dieses Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Bewertung

Geschichte
Umsetzung
Sprache

Anders

Das Spiel der Reichen mit den Armen und eine unglaubliche Geschichte, die vielleicht wahr ist.

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