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Buch: „Iman“ von Ryad Assani-Razaki

Iman ist der Sohn eines Weißen und einer Afrikanerin. Das sieht jeder, denn seine Hautfarbe ist nicht so dunkel, wie die der Menschen um ihn herum. Seit seine Mutter ihn verstoßen hat, lebt er bei seiner Großmutter, die alle Hadscha nennen, weil sie nach Mekka gepilgert ist. Durch einen Zufall rettet er einem anderen Jungen das Leben, wodurch die beiden wie Brüder werden. Und dann ist da noch ein Mädchen, dass für die beiden Freude da ist und doch zwischen ihnen steht.

9783803132543
„Iman“, ©Wagenbach-Verlag

Ryad Assani-Razaki zeichnet in seinem Buch das Leben der kleinen Leute in Afrika. Er erzählt von Kinderhandel und -missbrauch, von Slums, von Einbrecherbanden, von harter Arbeit und Prostitution. Er erzählt von tiefer Gläubigkeit, von Verpflichtungen innerhalb der Familie, von Werten in der Gesellschaft. Er erzählt auch vom Unterschied zwischen Schwarz und Weiß und wie die Menschen mit der einen oder der anderen Hautfarbe gesehen werden.

Doch all diese Dinge werden selten direkt angesprochen. Sie schwingen in den Dialogen mit, fließen beiläufig in die Handlung mit ein und werden vor allem am Anfang der Geschichte recht kühl abgehandelt. Dann nämlich als Toumani für 23 Euro an eine Frau aus der Stadt verkauft wird und darüber nicht einmal wütend auf seine Eltern wird. Denn er kennt das so und nimmt es dementsprechend hin.

Bei der Kinderhändlerin trifft Toumani auf Alissa, die dort als Sklavin dient, doch sie verlieren sich schnell aus den Augen, als Toumani verkauft wird. Von seinem Herrn wird Toumani zum Krüppel geprügelt und dann wie Müll weggeworfen. Iman, der nicht in die neue Familie seiner Mutter hineinpasst,rettet ihn und zeigt ihm, dass sein Leben etwas wert ist. Und eines Tages trifft er Alissa wieder, die alles durcheinander bringt.

Im Laufe der Geschichte wird aus der distanzierten Erzählweise eine höchst dramatische. Nach und nach entdecken Toumani, Iman und das Mädchen Alissa ihren Wert als Mensch und bekommen so eine ganz andere Sicht auf ihr Leben. Alissa beginnt von einem selbstbestimmten Leben zu träumen, Toumani träumt von Alissa fühlt sich aber Iman verpflichtet und Iman will raus aus Afrika und nach Europa fliehen.

Je weiter die Geschichte fortschreitet, umso härter prallen Träume und Realität aufeinander. Manchmal ist diese Realität nur eingebildet, manchmal ist sie nur zu wirklich. Wenn Toumani denkt, dass Alissa einen Krüppel wie ihn nicht lieben kann und versucht sie mit Iman zu verkuppeln. Wenn Iman mit einer Weißen anbändelt, die ihn mit nach Europa nehmen will. Wenn Toumani und Iman ihre Freundschaft immer wieder neu ausloten.

Mein Fazit:
Ryad Assani-Razaki lässt viele Menschen zu Wort kommen, nicht aber seinen Titelhelden. Der Leser erfährt aus erster Hand, warum Imans Großmutter so ist, wie sie ist und was bei Imans Mutter schief gelaufen ist. Selbst Imans Halbbruder lässt der Autor zu Wort kommen. Auch die Gedanken und Gefühle von Toumani und Alissa bekommt man direkt servier. Nur Iman selbst bleibt ein Rätsel. Er ist die einzige Figur, die nur aus der Sicht der anderen beschrieben wird. Dabei ist er für alle Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens.

Bis zum Schluss kann man nur erahnen, was in diesem besonderen Jungen bzw. jungen Mann vorgeht. Er erscheint so unabhängig wie einsam, so stark wie verletzlich und so loyal wie verräterisch. Wie er eigentlich ist, erfährt man jedoch nie. Trotzdem oder gerade deswegen hat das Buch seinen besonderen Reiz. Als europäischer Leser vergisst man oft, dass die Protagonisten eine andere Hautfarbe haben, bis man mal wieder mit der Nase auf Imans Traum von Europa gestoßen wird. Oder auf seine Außenseiterrolle als „Mischling“.

Ich persönlich hätte mir ein bisschen weniger Drama gewünscht. Die wortreiche und verzweifelte Alissa steht im krassen Gegensatz zum nüchternen Beginn der Geschichte. Junge Liebe hin oder her, aber gerade was sie und Toumani sich da in ihrem Kopf an Herzschmerz zusammenreimen, ist für mich eine Spur zu schnulzig. Das unerwartet brutale Ende der Geschichte ist dramatisch genug. Und macht dieses Buch noch ein wenig lesenswerter.

Veranstaltungshinweis:
Der Autor Ryad Assani-Razaki kommt zur Leipziger Buchmesse. Hier hat man gleich zweimal die Chance, mit ihm auf Tuchfühlung zu gehen: Am Samstag, den 15. März 2014 liest er ab 20 Uhr in der naTo (Karl-Liebknecht-Str. 46, 04275, Leipzig (Süd)) aus seinem Buch „Iman“. Am Sonntag, den 16. März 2014 findet man ihn ab 12 Uhr auf dem Blauen Sofa (Stand 04 in der Glashalle) beim Autorengespräch mit Christhard Läpple.

Buch-Info:
Autor: Ryad Assani-Razaki
Titel: Iman
Aus dem Französischen von Sonja Finck
Verlag: Wagenbach Verlag
ISBN: 978-3-8031-3254-3

Dieses Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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