Buch: „Ich ist manchmal ein anderer“ von Cordt Winkler

Vom Leben mit Schizophrenie

An guten Tagen ist die Welt freundlich und man selbst mit sich im Reinen. An schlechten ist man neben der Spur und die Welt eine einzige Verschwörung. Das sagt sich so leicht, aber so gemeint ist es selten. Für Cordt Winkler ist es bitterer Ernst, wenn dieses Gefühl aufkommt. Denn es beherrscht sein Leben.

"ICH ist manchmal ein anderer" bei ©Goldmann

„ICH ist manchmal ein anderer“ bei ©Goldmann

Zum Inhalt:
Als Kind hat Cordt Winkler entweder apathisch oder vollkommen außer sich erlebt. Es gab keinen Zustand zwischen Scheißegal-Stimmung und ruheloser, beängstigender Manie. Seinen Vater so zu erleben hat ihn geprägt. Räumlich auf Abstand zu gehen, tat da vorerst gut. Bis er an sich selbst ähnliche Symptome entdeckt.

Dann kommt es zur ersten Episode. Cordt liest Zeitung und plötzlich sind all die schlechten Nachrichten von Krieg, Attentaten und Drohgebärden auf ihn gemünzt. Er ist das Ziel, denn er hat die Weltformel entdeckt, die auf keinen Fall in die falschen Hände geraten darf. Er muss sie trotzdem aufschreiben – und wenn er damit fertig ist, wird er tot umfallen. Im wörtlichen Sinne. Außer, wenn er nicht aufhört zu tanzen. Ja dann überlebt er. Vielleicht.

Als Cordt aus dieser verqueren Welt wieder auftaucht, muss er sich der Diagnose stellen: Schizophrenie. Wie sein Vater. Wie sein Vater muss er fortan Medikamente nehmen. Die haben starke Nebenwirkungen, lassen ihn abstumpfen, träge werden. Bei quasi vollem Bewusstsein erlebt Cordt wie er körperlich abbaut und Lebenslust einbüßt.

Mehrere Versuche, die Medikamente abzusetzen, gehen schief. Ein Urlaub in Italien bringt ihn in ernste Schwierigkeiten. Denn der Realitätsverlust in dem fremden Land lässt ihn spurlos verschwinden. Schließlich ist er selbst in einer ganz anderen Welt und seine Familie kaum in der Lage, ihn zu finden. Bis er in Italien in einer Psychiatrie wieder zu sich kommt – aber gar nicht so einfach dort wieder heraus.

Meine Meinung:
Allein die Tatsache, dass Cordt während seiner schizophrenen Episoden alles „Weltliche“ von sich wirft, macht das Leben mit der Krankheit schwer. Meist überkommt ihn nämlich die blöde Idee, sein Handy, seine Schlüssel und einen Großteil seiner Kleidung einfach von sich zu werfen.Warum, weiß er hinterher nicht mehr. Wohl aber, was für abstruse Gedanken und Überzeugungen ihn während der Episoden getrieben haben. Doch auch hier gibt es Lücken.

Um sich selbst und seine Krankheit besser zu verstehen, beschäftigt sich Cord Winkler mit der Geschichte der Schizophrenie. Wie man über die Jahrhunderte mit ihr und den an ihr Erkrankten umgegangen ist. Welche alten, neuen und zum Teil gefährlichen Ansätze es gibt, um die Krankheit zu behandeln – oder ihr ihren Lauf zu lassen. All das schildert Cordt in seinem Buch ausführlich, aber nicht langatmig.

Mein Fazit:
Man verwendet den Begriff Schizophrenie im Allgemeinen recht leichtfertig für Leute, für die man recht wenig übrig hat. Von oben herab also. Aber wer möchte mit Cordt Winkler tauschen, wenn er sagt „Ich ist manchmal ein anderer“ und das für ihn bitterer Ernst ist. Das Buch ist auch für Menschen, die keinen (in)direkten Kontakt zur Krankheit haben lesenswert. Ich jedenfalls werden den Begriff nun anders, sorgsamer und rücksichtsvoller verwenden.

Infos zum Buch:
Titel: Ich ist manchmal ein anderer – Mein Leben mit Schizophrenie
Autor: Cordt Winkler
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-15966-6

Dieses Buch wurde uns als Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Vom Leben mit Schizophrenie An guten Tagen ist die Welt freundlich und man selbst mit sich im Reinen. An schlechten ist man neben der Spur und die Welt eine einzige Verschwörung. Das sagt sich so leicht, aber so gemeint ist es selten. Für Cordt Winkler ist es bitterer Ernst, wenn dieses Gefühl aufkommt. Denn es beherrscht sein Leben. Zum Inhalt: Als Kind hat Cordt Winkler entweder apathisch oder vollkommen außer sich erlebt. Es gab keinen Zustand zwischen Scheißegal-Stimmung und ruheloser, beängstigender Manie. Seinen Vater so zu erleben hat ihn geprägt. Räumlich auf Abstand zu gehen, tat da vorerst gut. Bis…
Psychische Krankheiten sieht man nicht immer, aber sie sind verpönt. Vielleicht, weil sie für einen selbst und das Gegenüber schwerer greifbar sind als ein gebrochenes Bein oder Bluthochdruck. Aber sie bestimmen das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen und verdienen es, akzeptiert zu werden. Also auch Schizophrenie. Ein Begriff, den man manchmal leichthin von oben herab benutzt. Und anderen damit schadet.

Bewertung

Geschichte
Umsetzung
Sprache

Schizophrenie ist ein Arschloch

Psychische Krankheiten sieht man nicht immer, aber sie sind verpönt. Vielleicht, weil sie für einen selbst und das Gegenüber schwerer greifbar sind als ein gebrochenes Bein oder Bluthochdruck. Aber sie bestimmen das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen und verdienen es, akzeptiert zu werden. Also auch Schizophrenie. Ein Begriff, den man manchmal leichthin von oben herab benutzt. Und anderen damit schadet.

Kategorie Bücher, Sachbuch
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

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