Buch: „Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker“ von Renate Bergmann

Renate Bergman ist die Twitter-Omi. Also um genauer zu sein DIE Twitter-Omi. Denn über keine andere kann man so herrlich schmunzeln, wenn sie über Onlein berichtet, wie liederlich ihre Nachbarinnen so sind, wo sie mit dem Koyota wieder hinfahren und wie die Blumen auf den Gräbern ihrer vier Männer so wachsen. Ups, Verzeihung, sie mag es ja nicht, wenn man ihre vier Ehen so herausstellt, als wäre das was Ungewöhnliches. Dabei ist sie selbst ja ungewöhnlich gewöhnlich, oder so.

"Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker" bei ©rororo

„Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker“ bei ©rororo

Zum Inhalt:
Renate Bergmann ist 82, rüstige Rentnerin, Haushalts- und Onlein-Profi. Sie ist nämlich bei Twitter höchst aktiv und schreibt da oft, was sie von den Leuten um sich herum hält und was sie selbst so den ganzen Tag tut. Meistens sorgt sie für Ordnung. Und schimpft auf die Berber und die Meiser, weil die von Ordnung nichts verstehen oder verstehen wollen.  Ihre Tochter Kirsten ist auch nichts Anständiges geworden, oder wusstet ihr, dass es esoterische Lebensberater und Heilpraktiker für Kleintiere gibt?

Außerdem ist sie ziemlich viel unterwegs. Schließlich sind die Gräber ihrer vier Männer über ganz Berlin verteilt. Da hat man schon zu tun. Aber sie ist ja auch noch im Vorstand vom Seniorenverein, macht Kaffeefahrten mit und wenn es ums Einkaufen geht ist auch schon mal ein halber Tag dahin. Schließlich hat man kein Geld zu verschenken und kauft danach ein, was die Läden so an Angeboten haben.

Abgesehen davon ist der liebe Kurt nicht der Schnellste beim Autofahren. Erstens, weil der Koyota ja geschont werden muss und zweitens, weil Kurt nicht mehr so gut sieht. Ilse passt aber mit auf, wenn er fährt, damit sie heile ankommen. Und heile geht eben nur, wenn langsam. Kurt und Ilse sind übrigens schon ganz lange die Freunde von Oma Renate. Und dann ist da noch Gertrud, aber die hat leider oft so gar nichts Damenhaftes an sich. Das wird hin und wieder sogar peinlich.

Meine Meinung:
Klar kann man Renate Bergmann für tüdelich halten, weil sie TIM statt PIN sagt oder beim Erzählen übers Fensterputzen, Kuchenbacken und Einkaufen in Zeiten abtaucht, in denen die meisten Leser noch nicht mal geboren waren. Aber irgendwie hat ja jeder eine Omi (gehabt) und die war mit ein bisschen Glück genauso unterhaltsam. Wobei: Unterhaltsam dann wohl nur für Außenstehende.

Denn mit so einer Renate Bergmann muss man erstmal zurechtkommen. Pardon, mithalten, wollte ich sagen. Ausschlafen, schnell mal drüberwischen und Fertiggerichte – sowas gibt es bei ihr nicht. Oder wird zumindest anders definiert. Frau Bergmann legt da nämlich viel Wert auf alte Tugenden. Vom frischen Schlüpfer über saubere Fenster bis hin zu Wurstwaren vom richtigen Fleischer. Und das wissen die jungen Leute heutzutage gar nicht mehr zu schätzen. Weder die feinen Tischtücher für die Aussteuer, noch das Bezahlen mit passendem Kleingeld und schon gar nicht Geduld.

Geduld braucht man für „Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker“ nicht. Wenn Renate Bergmann erzählt, liest sich das locker flockig weg. Oberflächlich betrachtet ist nicht allzuviel los: Einkaufen, Putzen, Kaffeefahrten. Aber so wie Renate Bergmann berichtet, kommt man aus dem Schmunzeln nicht raus. Wohl wissend, dass man mit als Außenstehender sicher mehr zu lachen hat, als Tochter, Enkel und Nachbar.

Aber egal, wie weit oder nah man an einer Renate Bergmann dran ist: Dieses Buch sollte man häppchenweise genießen. Sonst wirken die kleinen Anekdoten gar nicht richtig oder man überliest den ein oder anderen Wortwitz. Andererseits fällt es schwer, das Buch zur Seite zu legen. Es ist einfach zu schön, unsere Welt aus der Sicht einer 82jährigen Dame zu betrachten. Wohl auch, weil sie mit ihren Ansichten oft nur auf den ersten Blick daneben liegt. In vielen Dingen hat sie auf den zweiten Blick leider Recht.

Mein Fazit:
Ich hatte so eine Oma wie die Renate Bergmann. Insofern ist „Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker“ auch ein bisschen heimelig. Wenn Renate versucht, moderne Begriffe auszusprechen und einzuordnen, muss ich an meine Oma denken. Und erinnere mich gern an die Schoten, die diese unabsichtlich gelassen hat. Dass so eine Renate Bergmann manchmal ein bisschen anstrengend ist, merkt man beim Lesen nicht. Auch wenn sie beim Erzählen Sprünge über Themen und Zeiten macht, liest sich das Buch in einem Rutsch und mit viel Schmunzeln. Wenn mann die Episoden einzeln liest, hat man jedoch mehr davon. Deshalb folge ich ihr auch weiterhin auf Twitter.

Infos zum Buch:
Titel: Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker
Autorin: Renate Bergmann
Verlag: rororo
ISBN: 978-3-499-23690-7

Dieses Buch habe ich mir selbst gekauft.

Kategorie Bücher, Leichte Kost
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

2 Kommentare

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