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Buch: „Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck

„Gehen, ging, gegangen“ erzählt von zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein können. In der einen lebt der frisch emeritierte Professor, in der anderen ein Dutzend junge Männer ohne Aussicht auf Zukunft. Jenny Erpenbeck führt beide Welten zusammen.

"Gehen ging gegangen" von Jenny Erpenbeck bei ©Knaus
„Gehen ging gegangen“ von Jenny Erpenbeck bei ©Knaus

Zum Inhalt:
Richard ist seit fünf Jahren Witwer und seit kurzem Professor im Ruhestand. Er lebt allein in einem Haus am See und weiß noch nicht so recht, womit er die nun im Übermaß verfügbare Zeit füllen will. Fürs Erste schafft er sich einen Alltag aus Einkaufen, Lesen und Freundebesuchen. Aber dann stößt er in den Nachrichten auf das Protestcamp der Flüchtlinge auf dem Oranienplatz in Berlin.

Gerade als er sich näher mit der Situation der Menschen dort beschäftigt, wird das Camp aufgelöst. Einen Teil der Flüchtlinge bringt man ganz in seiner Nähe in einem ehemaligen Seniorenheim unter. Richard beschließt, dort hin zu gehen. Denn er hat sich inzwischen mit den geschichtlichen und politischen Verhältnissen in den Herkunftsländern der Flüchtlinge vertraut gemacht.

Nun will er mehr über das Leben der Flüchtlinge vor, während und nach der Flucht erfahren. Und zwar von den Flüchtlingen persönlich. Also setzt er sich mit den Bewohnern des ehemaligen Seniorenheims zusammen und führt lange gespräche oder lässt sich einfach nur erzählen, was sie loswerden wollen, was ihnen auf der Seele brennt.

Die jungen Männer, die Richard dabei kennen lernt, sind allesamt ganz eigene Persönlichkeiten. Manche sind aufbrausend, manche schicksalsergeben, manche offenbar traumatisiert, andere haben ihren Stolz noch nicht verloren. Sie alle hatten ein normales Leben mit Frau und Kind oder mussten für Mutter und Geschwister sorgen.

Viele sind von heute auf morgen aus ihrem normalen Alltag herausgerissen worden. Die einen herausgebombt, die anderen von Nachbarn aus ihren Wohnungen geprügelt und wieder andere durch neue Grenzen oder Machthaber von der Familie getrennt worden. Nun versuchen sie in Deutschland Fuß zu fassen und werden bestenfalls übersehen. Wenn sie jedoch einmal in die Mühlen der Behörden gelangen, wird es nur noch schlimmer.

Meine Meinung:
„Gehen, ging, gegangen“ könnte kaum aktueller sein. Denn während sich der normale deutsche Bürger zwischen Berufsalltag und Familienleben auf die Weihnachtsfeiertage vorbereitet, stehen tausende Flüchtlinge gleich daneben und wissen nicht, wie es mit ihnen weitergehen wird. Viele der Deutschen schauen hin, helfen, schimpfen diskutieren über diese anderen Menschen.

Jenny Erpenbeck schreibt über sie. Sie erzählt die Fluchtgeschichten und Lebensläufe vor und nach der Flucht. Sie erzählt von den Träumen, Hoffnungen, Gründen der einzelnen jungen Männer. Und sie berichtet, was mit ihnen in Deutschland passiert. Unter welchen Bedingungen sie hier leben, was ihnen versprochen, gesagt und verschwiegen wird.

Dafür lässt sie den alten Professor sich langsam durch den Dschungel aus deutschem und europäischem Recht herantasten. Herantasten an die Absurdität manch großer Polizeieinsätze, bei denen hundert schwerbewaffnete Polizisten die Verlegung von zwölf Afrikanern bewachen. Herantasten an Asylverfahren und den Unterschied zwischen Duldung, Aufenthaltstitel und einfacher Anwesenheit.

Dabei nimmt Jenny Erpenbeck jede Menge Vorurteile aufs Korn. Das fängt beim Handy an, geht über das monatliche Budget eines Asylsuchenden und endet bei den Gründen für die Flucht. Insofern leistet „Gehen, ging, gegangen“ einen wichtigen Beitrag für das Verstehen auf beiden Seiten.

Allerdings klammert sie wichtige Themen aus. All ihre Flüchtlinge haben offensichtlich gute Gründe für die Flucht und sind dazu noch hoch anständige Menschen, die sich höchstens aus der Verzweiflung heraus zu Untaten verleiten lassen.Aber das ist schlicht zu einfach. Wichtig wäre gewesen, auch jene Flüchtlinge „unterzumischen“, die eben nicht vorm Krieg in der Heimat geflüchtet sind. Und das ein oder andere „Arschloch“ unter den Flüchtlingen hätte dem Buch ganz gut getan. Auch um Richard seine eigenen Beweggründe für sein Engagement hinterfragen lassen zu können.

Sprachlich bewegt sich „Gehen, ging, gegangen“ auf hohem Niveau. Wenn man will findet man viel historische deutsche Geschichte zwischen den Zeilen. Und jede Menge Metaphern, bei denen die bildhafte Sprache das jeweilig Gesagte unterstreicht. Manchmal allerdings übertreibt es Jenny Erpenbeck mit eben diesen sprachlichen Kniffen. So sehr, dass ich froh war, Texteie diesen hier nicht mehr wie im Deutschunterricht analysieren zu müssen.

Mein Fazit:
Beinahe hätte ich „Gehen, ging, gegangen“ nach circa hundert Seiten aufgegeben. Denn selbst mit einem gewissen Maß an Halbwissen über die Lage der Flüchtlinge in Deutschland, bietet das Buch wenig Neues. Dazu kommt, dass nur „gute“ Flüchtlinge darin vorkommen und Richard als Ex-Professor recht viel Zeit und Geld in sein Engagement stecken kann. Letztendlich war es die reine Neugier auf die Lebensgeschichten der Protagonisten, die mich weiterlesen ließ. Aber die wird nicht jeder aufbringen.

Infos zum Buch:
Titel: Gehen, ging, gegangen
Autorin: Jenny Erpenbeck
Verlag: Knaus (Randomhouse Gruppe)
ISBN:978-3-8135-0370-8

Dieses Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Bewertung

Geschichte
Umsetzung
Sprache

Wichtig, aber nicht richtig gut

"Gehen, ging, gegangen" macht Flüchtlinge und ihre Situation sichtbar. Jenny Erpenbeck zerrt auch absurde Dinge aus der deutschen und europäischen Rechtsprechung ans Tageslicht und reibt dem Leser zudem die gängigen Vorurteile unter die Nase. Dabei entfaltet jeder ihrer Protagonisten seine ganz eigene Persönlichkeit und Geschichte. Da Richard aber nur anständige Flüchtlinge kennen lernt, bleibt die Betrachtung der Problematik leider sehr einseitig. Hier wäre mehr möglich gewesen.

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