Buch: „Der Radfahrer von Tschernobyl“ von Javier Sebastián

Als 1986 der Reaktorblock 4 von Tschernobyl hochging, war ich keine 8 Jahre alt. Trotzdem erinnere ich mich, dass es selbst bei uns auf dem Schulhof Zonen gab, wo wir nicht spielen sollten. Und dass wir keine Pilze mehr essen sollten. Wegen Tschernobyl. 18 Jahre später ist Tschernobyl – auch ohne Fukushima – immer noch aktuell. Wie aktuell, zeigt das Buch „Der Radfahrer von Tschernobyl“ von Javier Sebastián.

Zum Inhalt:
Ein alter Mann wird in einem Fastfood-Restaurant mitten in Paris ausgesetzt. Er ist offensichtlich nicht ganz bei sich und er hat auch nichts bei sich: Keine Papiere, kein Geld, keinen Hinweis auf seine Identität. Der namenlose Ich-Erzähler der Geschichte beobachtet die Szene und will eigentlich nur helfen. Doch plötzlich ist er für den Mann verantwortlich, der nach langem Schweigen schließlich seine Identität preisgibt: Atomphysiker Wassili „Wasja“ Nesterenko. 

Der Radfahrer von Tschernobyl

Der Radfahrer von Tschernobyl beim ©Wagenbach Verlag

Also eben der Nesterenko, der während der Katastrophe von Tschernobyl schlimmeres verhinderte und sich danach jahrelang dafür eintrat, dass die Fakten über den Atomunfall und dessen Folgen öffentlich gemacht werden. Weil es Menschen gibt, die genau diese Veröffentlichungen verhindern wollen, ist Nesterenko auf der Flucht und der namenlose Ich-Erzähler, der nebenbei der spanische Delegierte bei der Internationalen Konferenz für Maß und Gewicht ist, hilft ihm schließlich dabei. Denn was Nesterenko über Tschernobyl, Prypjat und die Menschen dort berichtet, lässt niemanden kalt.

Meine Meinung:
Der Autor Javier Sebastián führt in „Der Radfahrer von Tschernobyl“ zwei Erzählstränge zusammen. Zum einen ist da der namenlose Ich-Erzähler, der spanische Delegierte für das Kilo bei der internationale Generalkonferenz für Maß und Gewicht, der unfreiwillig in Nesterenkos Flucht verwickelt wird. Zum anderen ist da Nesterenkos Erfahrungsbericht aus Prypjat und Tschernobyl. Und auf den kommt es eigentlich an.

Denn Nesterenko ist der Radfahrer von Tschernobyl. Er ist derjenige, der in der Geisterstadt Prypjat lebt und sich dort mit einigen anderen Rückkehrern nach und nach ein skurriles Leben aufbaut. „Samosjol“ nennt man diese Rückkehrer, die trotz anhaltender Verstrahlung in die Sperrzone zurückkehren. Und das Leben in Prypjat erinnert an Kriegsberichte, auch wenn hier nichts zerbombt wurde und der Feind unsichtbar aber tödlich ist.

Der Autor lässt Nesterenko von Plünderern berichten, die die Stadt geradezu entkernen und alles mitnehmen, was sich anderswo zu Geld machen lässt. Von Hunden, die durch die Stadt streunen und des Nachts die Menschen angreifen, auch wenn ihnen dabei selbst die Zähne ausfallen und die Haut vom Leib fault. Er erzählt von den Überlebensstrategien der Samosjoly, vom Handel von missgebildeten Tieren, vom mehrfachen stundenlangen Einweichen der Lebensmittel in Salzwasser, weil sie dadurch angeblich weniger belastet sind. Und dass man Hühnern vor dem Zubereiten die schwarz gewordenen Kämme abschneiden muss, dann wären sie sicher genießbar.

Der Autor lässt Nesterenko aber auch von dem Atomunfall selbst berichten und von den Maßnahmen die dabei ergriffen wurden. Von Strahlenmessungen in der Umgebung und von Untersuchungen der Kinder in den Schulen.Von Kindern, die zu schwach waren, um zwei Treppen zu laufen, Schluckbeschwerden und Nasenbluten bekamen, die das 50fache der normalen Strahlendosis in sich hatten und jämmerlich verreckten. Genug Stoff, um nicht nur Tschernobyl, sondern auch Fukushima wieder präsent im Kopf zu haben.

Einziger Minuspunkt bei dem Buch „Der Radfahrer von Tschernobyl“ ist die wirre Erzählweise. Javier Sebastián springt von Prypjat nach Paris und wieder zurück, vom Heute zur Katastrophe 1986 zurück zum heute und dann weiter zur jüngeren Vergangenheit in der Geisterstadt Prypjat und dann noch weiter zurück zu den Strahlenmessungen in den Schulen. Manchmal ist man seitenlang an einem Ort und der gleichen Zeit bevor der Wechsel kommt, dann wieder springt Sebastián innerhalb von 4 Seiten fünfmal hin und her. Das stört den Lesefluss erheblich, das Lesevergnügen aber nur bedingt. Denn der Autor schreibt nüchtern aber eindringlich.

Mein Fazit:
„Der Radfahrer von Tschernobyl“ ist ein gutes und vor allem ein wichtiges Buch. Man kann Statistiken und Wikipedia-Einträge lesen und betroffen sein. Oder man liest dieses Buch und wird von den Schicksalen und dem Ausmaß der Katastrophe wirklich berührt. Javier Sebastián mischt in seinem Buch Fakten mit Fiktion, aber es steckt genug Wahres drin, das einem an die Nieren geht. Gerade die Fakten, die sich um das Leben in den verstrahlten Gebieten drehen, sind unglaublich und beängstigend. Ich würde diesem Buch deshalb nur zu gern 5 Sterne geben. Doch für die sprunghafte Erzählung gibt  es leider einen Stern Abzug.

Infos zum Buch:
Titel: Der Radfahrer von Tschernobyl
Autor: Javier Sebastián
Aus dem Spanischen von Anja Lutter
Verlag: Klaus Wagenbach Verlag<
ISBN: 978-3-8031-2711-2

Dieses Buch wurde uns vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Kategorie Bücher, Gegenwartsliteratur, Roman
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

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