Buch: „Der Kuss der grünen Fee“ von Ulrike Bliefert (Hrsg.)

Absinth ist ein besonderes Getränk. Giftgrün, hochprozentig und wird selten pur getrunken. Wie bei einem Zaubertrank verändert er seine Farbe, zum Beispiel bei der Zugabe von Wasser. Dann wird er milchig weiß. Allein diese Eigenschaften bilden eine hervorragende Grundlage für geheimnisvolle Kriminalgeschichten. „Der Kuss der grünen Fee“ enthält zehn spannende und unterhaltsame Kurzgeschichten, in denen Absinth eine wichtige Rollen spielt.

"Der Kuss der grünen Fee" bei ©Dryas

„Der Kuss der grünen Fee“ bei ©Dryas

Zum Inhalt:
Schon in der ersten Geschichte geht es um ganz große Ereignisse der europäischen Geschichte. „Des Mordes schuldig“ von Kathrin Lange wirft einen Blick auf die Folgen der Französischen Revolution, die ja bekanntlich ihre Kinder fraß. Was der „Milchkrieg“ (Christiana Güth) mit dem grünen Schnaps zu tun hat? Die Schweiz ist sozusagen das Mutterland des Absinth und auch nach dem Verbot ließen sich die Eidgenossen nicht von der Brennerei abhalten.

In Aje Andrea Brückens „Vom Glück und Unglück am Rande des Abgrunds“ spielen Todessehnsucht und der Halleysche Komet eine Rolle. In den Anfängen des 20. Jahrhunderts langweilten sich demnach junge Leute so sehr, dass sie sich nur zu gern von Weltuntergangsszenarien verleiten ließen. In Peter Hoefts „Das Ohr“ geht es um nichts geringeres als das Ohr von Vincent van Gogh. Der absinthgeschwängerte Streit mit Paul Gauguin endete mit einer Degenattacke, die den Maler um sein Ohr brachte.

Dagegen bewegt sich das „Mädchen für alles“ von Gisela Witte in eher unscheinbaren Verhältnissen und handelt von jungen Hausmädchen, die der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert waren. Auch in „Pandoras Büchse“ von  László I. Kish trifft es das einfache Volk. Was als künstlicher Dünger gegen die Hungersnöte der Welt eingesetzt werden sollte, wurde zur Grundlage für Giftgasangriffe im Ersten Weltkrieg.

„Frauen und Kinder zuerst“ heißt es, wenn ein Schiff untergeht. Bei Ulrike Blieferts „Cherchez la femme“ versucht sich ein Mann unter die Frauen zu mischen – verkleidet als Frau. Aber kommt er damit wirklich durch und wird am Ende zu den Überlebenden des Untergangs der Titanic gehören? Mari Reiners „Martha“ ist kleinwüchsig und wird Abend für Abend von den Gästen des zwielichtigen Etablissements“Romantique“ begafft. Eines Tages ist ihr Vater darunter und verhilft ihr ungewollt zu einem neuen besseren Leben.

„Der revolutionäre Geist“ ist kein geringerer als Genosse Lenin und begibt sich zu eben jener Zeit, als Wladimir Iljitsch Lenin aus seinem Schweizer Exil nach Russland zurückkehrt. Die Geheimdienste sind hinter ihm her, haben aber keine Chance. Denn wie in D. C. Chills Geschichte klar wird: Iljitsch trinkt nicht. Also auch keinen Absinth.

Meine Meinung:
Die zehn Geschichten in „Der Kuss der grünen Fee“ handeln von großen Begebenheiten der europäischen Geschichte. Oder von großen Schicksalen der kleinen Leute. Sie handeln von Träumen, Idealen und gesellschaftlichen Schubladen, aus denen man kaum ausbrechen kann. Und sie handeln vom Absinth, von seiner Zubereitung und den Folgen.

Die „grüne Fee“ ist Mittel gegen Schwarzwasserfieber, besser bekannt als Malaria. Sie führt zu Streit, zu wagemutigen Aktionen und nicht selten zum Tod. Sie lässt brave Leute kriminell werden und steht sogar im Dienst verfeindeter Regierungen. Sie ist unberechenbar, geheimnisvoll und wird so manchem zum Verhängnis.

So unterschiedlich wie die Autoren der einzelnen Geschichten, so unterschiedlich sind auch die Themen, Schauplätze und Herangehensweisen. Mal spielt Absinth eine tragende Rolle, mal hilft er nur, um die Geschichte am Laufen zu halten oder ein Lebensgefühl zu beschreiben. Aber egal ob Haupt- oder Nebenrolle: Das grüne Getränk  verleiht allen Geschichten etwas Geheimnisvolles.

Mein Fazit:
Ulrike Blieferts kleine Kurzgeschichtensammlung „Der Kuss der grünen Fee“ hat es in sich. Sie ist nicht nur hochprozentig, sondern auch schwer unterhaltsam. Vor allem, wenn man historische Fakten gern ganz nebenbei im Rahmen einer gut erzählten Geschichte erfährt. Und bei großen Ereignissen der Geschichte gern einen Blick auf das Leben der „unbedeutenden“ kleinen Leute wirft. Fünf Sterne für dieses schöne Buch voller krimineller Absinth-Geschichten.

Infos zum Buch:
Titel: Der Kuss der grünen Fee – Kriminelle Absinth-Geschichten
Autoren: Ulrike Bliefert (Hrsg.), Marie Reiners, Kathrin Lange, Christiane Güth, Aje-Andrea Brücken, Peter Hoeft, Gisela Witte, D. C. Chill, László I. Kish und Lisa Lohtander
Verlag: Dryas
ISBN: 978-3-940855-51-0,

Dieses Buch wurde uns vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Kategorie Bücher, Spezielles
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

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