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Buch: „Das Gift der Narzisse“ von Gabriele Nicoleta

Die Narzisse gehört zu den schönsten Frühlingsblumen. Kaum zu glauben, dass sie so giftig ist, dass andere Blumen neben ihr verwelken. Genauso ist das Leben mit Gabrieles Mutter: Nach außen hin ist die Frau eine fürsorgende Mutter. Doch sie vergiftet die Seele ihrer Tochter systematisch und konsequent von deren Kindheit an bis über den eigenen Tod hinaus.

"Das Gift der Narzisse" bei ©Schwarzkopf & Schwarzkopf
„Das Gift der Narzisse“ bei ©Schwarzkopf & Schwarzkopf

Zum Inhalt:
Gabriele war ein Unfall. Das bekommt sie bereits als Kleinkind ständig zu hören. Genauso wie den Satz „Du bringst mich noch ins Grab“. Für ihre Mutter ist sie ein Kind, das man nicht lieben kann. Weil die Kleine egoistisch, selbstsüchtig und aufbrausend ist. Man könnte fast sagen, das Mädchen misshandelt ihre Mutter, weil sie nur Ärger macht.

Und Gabriele glaubt ihrer Mutter. Denn an der kann es nicht liegen. Schließlich macht der jüngere Bruder Tony alles richtig. Er ist der reinste Engel, niemals aufmüpfig, überdurchschnittlich klug und die reinste Freude fürs Mutterherz. Deshalb ist es nur logisch, wenn er alles bekommt und Gabriele das Wenige mit ihm teilen muss, was die Mutter ihr zugesteht.

Gabriele ist für ihre Mutter die reinste Enttäuschung. Weil die Mutter genau das aus ihr macht. Für den Termin beim Fotografen muss Gabriele Sachen anziehen, die ihr viel zu klein sind, während der Bruder neu eingekleidet wird. Außerdem legt die Mutter bei den Haaren der Tochter selbst Hand an und verschneidet ihr den Pony. Absichtlich.

Gabriele kann noch vor ihrer Einschulung lesen und schreiben. Doch die Mutter sorgt dafür, dass das Mädchen ein Jahr zurückgestuft wird. Das Kaninchen, das zum Spielen gedacht war, landet als Braten auf dem Esstisch. Der Hund, ein Geschenk der Oma, wird nach nur zwei Jahren unter einem Vorwand weggegeben.

Selbst die notwendigste ärztliche Versorgung bleibt aus oder wird nur widerwillig gewährt. Eine tiefe Schnittwunde an der Hand ist nur für die Oma ein Grund, zum Arzt zu gehen. Deshalb wird Gabriele hinterher bestraft, weil sie sich so aufgespielt hat. Selbst mit durch Mumps und Fieber geschwollenem Gesicht wird Gabriele erstmal zur Schule geschleift.

Als sie in die Pubertät kommt, legt die Mutter noch eins drauf. Während der Periode wird nicht geduscht. Wenn sich Gabriele modisch kleidet, beschimpft die Mutter sie als Nutte, zieht aber selbst die hohen Clogs der Tochter an. Nachdem sie damit gestürzt ist und sich den Arm bricht, wandern die Schuhe in den Müll.

Nach dem Selbstmord des Vaters sucht sich die Mutter einen neuen Mann. Der tanzt nach der Pfeife der Mutter und verbreitet gemeinsam mit ihr Lügen über Gabriele. Selbst als diese heiratet und drei Kinder bekommt, hat sie keine Ruhe vor den Intrigen ihrer Mutter, die sich selbst als das Opfer ihrer Tochter darstellt. Und der man glaubt.

Erst in ihrer zweiten Ehe wird Gabriele glücklich. Ihr neuer Mann sorgt dafür, dass die Mutter so wenig Einfluss wie möglich auf das gemeinsame Leben nehmen kann. Und doch schafft es die Mutter selbst über ihren eigenen Tod hinaus, ihrer Tochter nachhaltig zu schaden und ihr auf unvorstellbar grausame Weise weh zu tun.

Meine Meinung:
Wäre diese Geschichte ein Film, würde er als völlig überzogen gelten. Doch „Das Gift der Narzisse“ erzählt die wahre Geschichte einer Frau, die seit frühester Kindheit von ihrer eigenen Mutter tyrannisiert wird.

Es beginnt mit Kinderliedern. Während der kleine Bruder die üblichen niedlichen Lieder vorgesungen bekommt, hört Gabriele nur beängstigende Reime, garniert mit den fiesen wissenden Grinsen ihrer Mutter. Wenn es der Mutter schlecht geht, ist es Gabrieles Schuld. So wie sie später am Tod ihres Vaters, ihres Bruders und selbstverständlich an dem ihrer Mutter Schuld haben wird.

Bis dahin darf sie mit ansehen, wie ihr Bruder in den Himmel gehoben wird. Der darf sogar kriminell werden und ist immer noch ein Gott, was er natürlich gegen seine Schwester ausnutzt. Nur die geliebte Oma Resi und Tante Anke verbünden sich mit Gabriele und werden dafür von Gabrieles Mutter genauso bestraft, wie das Mädchen selbst.

Über die Art und Weise, wie Gabriele von ihrer Mutter über Jahrzehnte behandelt wird, konnte ich seitenweise nur noch den Kopf schütteln. Ungläubig, schockiert und immer auf ein bisschen Glück für dieses Mädchen und später für die Frau hoffend.

Als Mutter von zwei Kindern bin ich mir ja seiner Verantwortung bewusst. Und der Macht, die ich über die Entwicklung der Kinder habe. Man kann sie leicht zerstören, aber im Normalfall bemüht man sich ums Gegenteil. Versucht sie stark zu machen und ihnen Liebe mitzugeben.

Nicht so Gabrieles Mutter. Ihr Ziel ist es, die Tochter leiden zu sehen. Sie sorgt systematisch dafür, dass Gabriele keine gute Meinung von sich selbst hat, von wohl meinenden Menschen isoliert ist und immer um die Liebe der Mutter kämpft. Vergeblich.

Nun könnte man so ein Buch hochdramatisch schreiben. Aber „Das Gift der Narzisse“ stellt den Kampf um die Liebe der Mutter fast schon sachlich dar. Die Autorin versucht, ihre Verzweiflung, ihre Hoffnung und all die fiesen Begebenheiten so klar wie möglich darzustellen. Weinerlich kommt sie dabei auch in den schlimmsten Momenten nicht rüber. Gut gemacht.

Mein Fazit:
Es fällt schwer dieses Buch aus der Hand zu legen. Und es ist an vielen Stellen fast unerträglich, „Das Gift der Narzisse“ weiterzulesen. Gabriele Nicoleta ist durch eine Hölle gegangen, die es nach dem allgemein gültigen Bild der Mutter in unserer Gesellschaft gar nicht geben dürfte. Die perfide Misshandlung über Jahrzehnte ist für Außenstehende unvorstellbar und macht aus diesem Buch einen schwer verdaulichen Erfahrungsbericht. Trotzdem oder gerade deswegen lohnt sich das Lesen.

Infos zum Buch:
Titel: Das Gift der Narzisse
Autorin: Gabriele Nicoleta
Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf
ISBN: 978-3-86265-535-9

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Bewertung

Geschichte
Umsetzung
Sprache

Absolute Lese-empfehlung

Beim Lesen von "Das Gift der Narzisse" fühlt man sich genauso hilflos, wie sich Gabriele Nicoleta über Jahrzehnte gefühlt haben muss. Sie hat nichts getan, womit sie die Misshandlung durch die Mutter verdient hätte und hat doch keine Chance. Diese fast 400 Seiten starke Biographie geht an die Nieren. Harter Lesestoff, den man nicht einfach aus der Hand legt. Auch weil er so gut geschrieben ist.

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