Buch: „Das Dorf oder Autonomie für Anfänger“ von Lars Wittig

Wer hat nicht schon mal auf die EU geschimpft? Weil sie sich mehr um die Länge von Gurken als um den Umweltschutz kümmert. Und mehr um kräftigen Gewinn der Unternehmen als um soziale Gerechtigkeit? Ein kleines Dorf macht nun Ernst und tritt als autonome Republik aus dem Staatenbund aus. Das gefällt weder den Politikern in Brüssel, noch den Betreibern des Tagebaus, die das Dorf wegen der Braunkohle darunter wegbaggern wollen.

"Das Dorf oder Autonomie für Anfänger" beim ©Eulenspiegel Verlag

„Das Dorf oder Autonomie für Anfänger“ beim ©Eulenspiegel Verlag

Zum Inhalt:
Dorf ist eigentlich zu viel gesagt, denn Klein Krams ist quasi der Vorposten von Groß Krams. Und Groß Krams ist ein Dorf. Gerade mal sechs Einwohner hat das kleine Kaff am Rande des Tagebaus, als das Schreiben aus Brüssel eintrifft. Darin wird ihrem Antrag auf die Gründung der autonomen Republik Klein Krams stattgegeben.

Es kann sich nur um ein Versehen handeln, dass die EU mitten in ihrem Hoheitsgebiet eine autonome Enklave duldet. Die Bewohner legen sich daher schnell und mächtig ins Zeug, um sich zuverlässig selbst versorgen zu können. Ein Windrad für die Stromerzeugung, Nutztiere und Maschinen für die Landwirtschaft werden angeschafft, Vorräte gekauft und Brunnen instand gesetzt.

Bis die Republik offiziell ausgerufen wird, schrumpft die Einwohnerzahl auf vier Leute. Und diese vier erleben Großes. Zuerst den Medienrummel und eine Touristenschwemme. Alle wollen mal gucken, was das da für Leute sind, die der EU und dem Tagebau trotzen.

Dann kommt die EU und greift mit aller Härte durch.

Renten, Versicherungen, Strom, Post, Handyempfang, Wasserversorgung – alles futsch. Sogar die Pässe werden eingezogen, sobald man die Grenze damit übertreten will. An dieser Grenze gibt es Einreis- und Import/Exportregelungen und bald schon existiert auch eine offizielle Reisewarnung. Der Aufenthalt in Klein Krams ist offensichtlich lebensgefährlich.

Viel Unterstützung hat die junge autonome Republik nicht: ein paar fast echte amerikanische Ureinwohner, eine holländische Sozialforscherin und ein Südseeatoll namens Bingo. Wird das reichen, um gegen die übermächtige EU zu bestehen?

Meine Meinung:
Der titel „Das Dorf“ trifft es nicht ganz, denn vier Bewohner – Verzeihung, Staatsangehörige, sind dafür doch recht wenig. „Autonomie für Anfänger“ passt allerdings wirklich, denn diese vier Leute da sind sicher keine Profis und ihr Antrag auf Autonomie war ein letzter verzweifelter Schuss ins Blaue, um ihr Kaff vor dem Wegbaggern für die Braunkohle zu retten.

Und dann klappt das auch noch und ein Spiel mit sehr unterschiedlichem Kräfteverhältnis beginnt. Mal eben im nächsten Dorf einkaufen? Ist nicht drin, solange Import und Export nicht klar geregelt sind. Mal eben Tochter und Enkel zu Besuch da haben? Da gibt es nur ein Kurzzeitvisum für maximal vier Stunden. Unerlauber Grenzübertritt wird streng geahndet. Zumindest lässt das der Zaun und das Militäraufkommen an der Grenze deutlich spüren.

Das Szenario ist ernüchternd und trotz aller satirischer Spitzfindigkeiten sehr ernst. Sprachlich weiß Lars Wittig sowohl die Gefühlslage und die Eigenarten der Menschen als auch auch die Folgen einer Autonomieerklärung treffend und glaubwürdig zu beschreiben.

Mein Fazit:
„Das Dorf oder Autonomie für Anfänger“ nimmt aufs Korn, was jeder schon mal gedacht hat: Raus aus der EU , die bringt uns nix. Es ist quasi EINE Antwort auf diese Was-wäre-wenn-Frage. Im Laufe des Buches wird sie abgelöst von der Halten-die-das-durch-Frage. Spannend, witzig und wahrscheinlich mit realistischem Kern – wie sich das für Satire gehört.

Infos zum Buch:
Titel: Das Dorf oder Autonomie für Anfänger
Autor: Lars Wittig
Verlag: Eulenspiegel
ISBN: 978-3-359-01367-9

Dieses Buch haben wir vom Verlag als Rezensionsexemplar erhalten.

Kategorie Bücher, Satire
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

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