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Buch: „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ von Raúl Aguayo-Krauthausen

Raúl Aguayo-Krauthausen ist ein behinderter Mensch. Seine Glasknochen sind dennoch nicht der einzige Grund, warum er kein Dachdecker werden wollte. Berufsbehinderter zu sein, war aber auch nicht sein Ziel. Stattdessen möchte er, dass immer die Persönlichkeit eines Menschen gesehen wird und nicht nur der Rollstuhl in dem er sitzt. Etwas, was einem bei Raúl Aguayo-Krauthausen nicht nur sehr leicht fällt, sondern einfach passiert. Auch beim Lesen seines Buches.

"Dachdecker wollte ich eh nicht werden" von Raúl Aguayo-Krauthausen
„Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ bei ©rowohlt

Zum Inhalt:
Raúl Aguayo-Krauthausen ist in Peru geboren und in Berlin aufgewachsen. Allein dies wäre wahrscheinlich genug Stoff für ein Buch, doch Raúl hat auch noch aus einem anderen Grund eine besondere Perspektive auf den Alltag in unserer Gesellschaft: Er sitzt im Rollstuhl. „Osteogenesis imperfecta“, bekannt als Glasknochenkrankheit, hat ihm von Geburt an unzählige Knochenbrüche beschert und verhindert, dass er sonderlich groß geworden ist.

Woran diese unvollkommenen Knochen ihn nicht gehindert haben, ist, ein sympatischer Mensch zu werden, der es offensichtlich schafft, dass man den Rollstuhl schnell vergisst. Die Episoden in diesem Buch geben einen Einblick auf den Weg zu diesem Menschen. Sie berichten von Schulsportfesten mit sinnlosen Wettkampfteilnahmen, von Teenager-Kuschelpartys, bei denen er meist außen vor blieb, von Hilflosigkeit bei defekten Fahrstühlen und einer recht eingeschränkten Berufswahl.Und natürlich von schmerzhaften Brüchen.

Sie berichten aber auch von Freundschaften, Liebesgeschichten, Erfolgserlebnissen. Von Begebenheiten, bei denen Raúl Aguayo-Krauthausen sich eingeschränkter, ungeeigneter fühlte, als ihn andere sahen. Von kleinen Selbstzweifeln, wenn er seine eigene Stimme nicht mag, und großen, wenn er sich als Klotz am Bein für andere Nicht-Behinderte hält. Und trotzdem große Veranstaltungen moderieren soll und dann sogar erst Dinge ermöglicht, die ein Nicht-Behinderter ohne ihn gar nicht geschafft hätte.

Meine Meinung:
Ich habe Raúl Aguayo-Krauthausen in mehreren Talkshows gesehen und hey, was für ein Lächeln, was für ein Humor. Da beschäftige ich mich als Nicht-Behinderte doch gern auch ein wenig mehr mit seinen Anliegen, egal ob es nun direkt um Rollstuhlfahrer geht oder vielleicht eines Tages um eine uralte Eiche in Transsilvanien. Weil er ein charismatischer Mensch ist.

Und diesen Menschen lernt man in den Episoden aus Raúl Aguayos Leben ein wenig besser kennen. Manchmal erkannte ich eigene Macken wieder (Ich mag meine Stimme auch nicht, finde sie viel zu tief). Oft geht es natürlich um Einschränkungen, die eigene Überforderung und auch um die der Nicht-Behinderten im Umgang mit Raúl als behindertem Menschen. Aber nicht ein einziges Mal mit Druck auf die Tränendrüsen.

Das macht den Umstand, dass und warum Raúl im Rollstuhl sitzt nicht weniger ernst, erleichtert aber den Umgang damit. Abgesehen davon erfährt man einiges, was man sich als Nicht-Behinderter kaum zu fragen traut. Und gibt ganz nebenbei ein paar unauffällige Hinweise darauf, wie Raúl Aguayo-Krauthausen behandelt werden will. Und diese Hinweise lassen sich mit Sicherheit auch auf andere Rolli-Fahrer übertragen.

Einzig und allein die hölzernen Dialoge stören ein wenig die Leselust. Sie lesen sich zu aufgesetzt, zu ausformuliert, zu gleich. Der wörtlichen Rede fehlt an vielen Stellen einfach das Charakteristische: Jeder Mensch hat eine ganz spezielle Art, zu formulieren, Sätze zu bauen, Füllwörter zu verwenden. Die Dialoge in diesem Buch enthalten wenig Eigenheiten, bringen dafür vor allem Inhalte ausführlich rüber.

Mein Fazit:
„Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ ist ein Buch, das man gut und gern in einem Rutsch durchliest. Es ist unterhaltsam, lässt den Leser aber gleichzeitig viele Dinge verstehen, an die er vorher wahrscheinlich selbst im Zusammenhang mit behinderten Menschen gar nicht gedacht hat. Meiner Meinung nach fördert es den unbefangeneren Umgang mit behinderten Menschen, egal ob nun Rollifahrer oder anderweitig eingeschränkt. Danke für die persönlichen Einblicke, Herr Aguayo-Krauthausen.

Infos zum Autor (laut Verlag):
Raúl Aguayo-Krauthausen, 1980 in Peru geboren, ist in Berlin aufgewachsen. Er hat «Osteogenesis imperfecta», sogenannte Glasknochen, und sitzt im Rollstuhl. Der 33-Jährige studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und Design Thinking. Anschließend war er Programmmanager beim RBB-Radiosender Fritz, entwickelte eine Kampagne für den «Alternativen Nobel Preis» und gründete 2004 den gemeinnützigen Verein Sozialhelden. 2005 erhielt der Verein für die Projektidee «Pfandtastisch helfen!» den 1. Preis beim Neon/smart-Ideenwettbewerb «Was fehlt in der Welt» und 2008 den Start-social-Preis der Bundesregierung. 2010 ging das aktuelle Projekt wheelmap.org online, eine interaktive Landkarte für rollstuhlgerechte Orte. 2013 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Raúl Aguayo-Krauthausen lebt in Berlin und gibt regelmäßig Workshops und Vorträge auf Tagungen und Konferenzen.

Weiterführende Links:
Raúl Aguayo-Krauthausens Webseite: Link
Sozialhelden e.V.: Link
Leidmedien.de: Link

Infos zum Buch:
Titel: Dachdecker wollte ich eh nicht werden – Das Leben aus der Rollstuhlperspektive
Autor: Raúl Aguayo-Krauthausen (mit Marion Appelt)
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-62281-6

Dieses Buch wurde uns vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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