BücherGegenwartsliteraturRoman

Buch: „Bonsai“ von Alejandro Zambra

Manchmal gerät eine Beziehung in eine Sackgasse. Manche finden gemeinsam heraus, andere nur einzeln. Aber auch dann muss eine große Liebe noch nicht zu Ende sein. So wie bei Julio und Emilia, die die große Literatur verehrten, sie zum Teil ihrer Beziehung machten und genau daran scheiterten. Doch Julio liebt Emilia weiter. Unabhängig davon, dass sie nichts davon weiß und wie lange er braucht, um es selbst zu wissen.

"Bonsai" bei ©Suhrkamp
„Bonsai“ bei ©Suhrkamp

Zum Inhalt:
Für Julio und Emilia gehört gute Literatur zum Alltag wie für andere die Tageszeitung. Sie nehmen sich die großen Schriftsteller und ihre Werke vor, lesen sie gemeinsam und finden dadurch – auch körperlich – immer wieder zueinander. Leider haben sie beide vorgegeben, auch Proust gelesen zu haben. Seitdem schleichen sie um die Bücher dieses einen Schriftstellers herum, wie Katzen um den verbotenen Sahnetopf.

Irgendwann lesen sie ihn doch, den Proust. Und tun so, als würden sie die bedeutungsschweren Sätze quasi wiederentdecken.Das ist der Anfang vom Ende, denn plötzlich gibt es Schriftsteller, die sie beide irgendwie anöden, die ihnen nicht mehr den nötigen Kick fürs Gemeinsame geben können. Doch was verbindet die beiden, wenn nicht die Literatur. Ehe sie es herausgefunden haben, kommt es zur Trennung.

Und während Emilia bis ins ferne Madrid zieht, bleibt Julio in Chile und schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Seine Beziehungen scheitern ebenso wie seine Versuche, Karriere zu machen. Und er scheitert auch daran, über Emilia hinweg zu kommen. Das merkt er jedoch erst, als diese sich in Madrid das Leben nimmt. Und er endlich versucht, etwas wirklich zu hegen und zu pflegen. Einen Bonsai zum Beispiel.

Meine Meinung:
Julio und Emilia geben vor, Proust gelesen zu haben. Eine kleine Lüge, möchte man meinen. Doch weil die beiden große Literatur zu einem wichtigen Bestandteil ihrer Beziehung gemacht haben, gewinnt sie an Bedeutung. Und keiner von beiden schafft es, mit der Wahrheit heraus zu rücken.

Das allein wäre kein Grund für das Scheitern ihrer Beziehung. Vielmehr versäumen es die beiden, ihre Beziehung weiter zu entwickeln, ihr neue Richtungen zu geben und so neue Impulse zu gewinnen. So gesehen steht Julios Bonsai dafür, dass der junge Mann seinem Leben durch die richtige Pflege eine richtige Richtung geben will. Und dieses Leben selbst in die Hand nimmt.

Schöner wäre es gewesen, dieses zu zweit zu tun. Und ehe er es sich versieht, ist diese Chance für immer vertan. Denn seine Emilia hat aufgegeben und sich – weit weg von ihm – umgebracht. Was immer er mit dem Bonsai beweisen wollte: Emilia wird es nicht mehr erfahren. Auch wenn Julio sie weiter liebt.

Alejandro Zambras Schreibstil ist für deutsche Leser ungewöhnlich. Seine Art, Jolios und Emilias Geschichte zu erzählen, vermittelt Straßencafé-Atmosphäre. Er könnte einem auch in einer Bar gegenübersitzen und locker erzählen, abschweifen, zurück zu den Hauptpersonen finden, sich an dieses oder jenes Detail erinnern. Eine fein säuberlich geordnete Abfolge der Ereignisse sucht man jedenfalls vergebens.

Mein Fazit:
„Bonsai“ zeigt eindrucksvoll, wie wichtig es ist, sich in einer Beziehung immer wieder neu zu erfinden, neue Gemeinsamkeiten zu finden. Sonst sind selbst große Schriftsteller nicht groß genug, um zwei Menschen auf Dauer zusammen zu halten. Zambras Stil ist dabei nicht Jedermanns Sache: Weitschweifig, nicht chronologisch und bedeutungsschwer in den kleinen Dingen. Wer so etwas mag oder einfach mal etwas weitab vom Mainstream lesen möchte, ist mit diesem „Bonsai“ gut bedient. Vier Sterne von mir.

Infos zum Buch:
Titel: Bonsai
Autor: Alejandro Zambra
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42480-3

Dieses Buch wurde uns vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Tags
Zeig mir mehr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ähnliche Artikel