Interview über Taschenlampen, böse Bücher und den kreativen Juckreiz

Interview über Taschenlampen, böse Bücher und den kreativen Juckreiz

Interview mit Markus Walther

In „Buchland“ gab Markus Walther den Büchern und allem was dazu gehört ein Zuhause. In „Beatrice – Rückkehr ins Buchland“ wird dieses erst böse und dann zerstört. Wie es dazu kommt, woher Markus Walther seine Ideen und literarischen Kuriositäten nimmt, verrät mir der Autor im Interview. Oder auch nicht.

©Markus Walther
©Markus Walther

Herr Walther, in „Beatrice – Rückkehr ins Buchland“ lassen sie den Blinden Buchmacher sagen: „Inspiration juckt an Stellen, die man mit den Fingern nicht kratzen kann.“ Weil es die Finger selbst sind, die jucken, wenn eine neue Geschichte entsteht?
Markus Walther: Normalerweise ist es ja die Stelle am Rücken, die juckt. Da oben, zwischen den Schulterblättern. Mücken machen sich einen Spaß daraus, genau diese eine Stelle zu stechen. Der Juckreiz, der anfangs unscheinbar und leise die Aufmerksamkeit dorthin lenkt, wird mit der Zeit immer intensiver. Und wenn niemand da ist, der mal eben „schubbert“, dann wird dieser Juckreiz von Minute zu Minute schlimmer. Regelrecht unerträglich.

So muss man sich das vorstellen, wenn man plötzlich diese eine, alles ändernde Inspiration hat. Da ist dieser Gedanke, den man nicht vergessen möchte. Aber man hat kein Stück Papier parat, weil man gerade im Auto sitzt oder sonst was tut. Und dass beginnt diese Idee zu jucken. Im Kopf, im Hirn, in jeder Phaser des Bewusstseins – da, wo man mit den Fingern nicht hin kommt.

„Es wäre schön, wenn mehr Leute 1984 gelesen hätten.“ Welche Bücher denn noch abgesehen von diesem?
Markus Walther: Hm. Das kommt auf die Person an, die inhaltlich etwas aus den Büchern mitnehmen sollten. Die Antwort würde unter Umständen jetzt sehr politisch. Ich will versuchen, das mal ziemlich allgemeingültig zu beantworten.

Menschen die sich zu extremen Ansichten hingezogen fühlen, können sich entweder mit einem Geschichtsbuch oder mit George Orwell (Farm der Tiere, 1984), Anne Frank (Tagebuch) und/oder mit all den anderen Büchern, die über Fiktion und Realität extrimistischer Gedankengänge und deren Folgen berichten, schlau machen. Extremismus hat zu keiner Zeit einer Gesellschaft gut getan.

Wenn ich ins Dunkel schreibe, habe ich immer eine Taschenlampe dabei.

"Beatrice - Rückkehr ins Buchland" beim ©acabus Verlag
„Beatrice – Rückkehr ins Buchland“ beim ©acabus Verlag

Haben Sie diese Fortsetzung von „Buchland“ ins Dunkel geschrieben oder hatten Sie sich erst einen Plan gemacht?
Markus Walther: Wenn ich ins Dunkel schreibe, habe ich immer eine Taschenlampe dabei. Mit ihrem Lichtkegel behalte ich immer das Ende des Plots im Blick. Wenn ich schreibe, weiß ich den Anfang, ich weiß das Ende und was dazwischen passiert, kann ich mit wenigen Sätzen für mich zusammenfassen. Der eigentliche Schreibprozess ist dann Erzählen. Ich erzähle mir die Geschichte selbst und versuche mich gut zu unterhalten.

Florilegium, Atlanta Nights, und Reimerich Kinderlieb: Ist das nur mein Gefühl oder haben Sie für diese Reise ins Buchland wirklich tiefer in die literarische Wissenskiste gegriffen?
Markus Walther: Die ganz offensichtlichen Themen und Begriffe hatte ich im ersten Teil schon durch. Irgendwie muss man den Leser ja noch überraschen. Wiederholungen gehen also gar nicht.

Aber die meisten spezielleren Buchtitel und Fachbegriffe wurden durch den besonderen Charakter des Quirinus erst möglich. Die ganzen Kuriositäten zu recherchieren, hat mir imens Spaß gemacht und ich war überrascht, wie viele ich in kürzester Zeit zusammentragen konnte.

Mögen Sie Kant? Verstehen Sie ihn auch?
Markus Walther: Böse Frage! Ich finde Kant faszinierend. Aber ich teile nicht alle seine Ansichten. Und ob ich ihn verstehe? Besonders zugänglich finde ich seine Sprache nicht. Außerdem bin ich mir nicht mal sicher, ob die Gelehrten, die über ihn dozieren, ihn wirklich verstehen.

„Sintemal du mit Weibsvolk selbdritt fürbaß gehst.“ – Wie herrlich! Woher haben Sie das?
Markus Walther: Drei Worte: Recherche, Recherche, Recherche.

Und wie finden Sie die passende Landschaft für die jeweiligen Gebiete im Buchland?
Markus Walther: Oh, das sind die oben erwähnten juckenden Stellen. Da sitzt man im Auto und plötzlich – zack! – denkt man an einen schrulligen Alten, der vergessene Wörter sammelt und sie in einem Turm archiviert. Oder man denkt an Bücher, die böse geworden sind und entsprechend dem Märchenwald knorrig verwachsen sind. Eine Wüste aus Buchstaben? Ja, das würde in ein Buchland passen! Diese Landschaften enstehen aus der kreativen Notwendigkeit des Plots.

Die Büchse der Pandora macht das Böse – aber auch die Hoffnung – greifbar.

Das Finale in „Beatrice“ ist episch wie bei „Die Unendliche Geschichte“ und spielt in einem literarischen Mordor. War so viel Zerstörung wirklich nötig?
Markus Walther: Hm. War die Geschichte überhaupt nötig? Der erste Teil war so wunderbar in sich geschlossen. Ich hätte aufhören sollen!

"Bibliophilia" beim ©acabus Verlag
„Bibliophilia“ beim ©acabus Verlag

Doch die Geschichte hat sich auf diese Weise weitererzählt und wartete schließlich mit zwei möglichen Enden auf, die ich aber nicht in ein Buch unterbekommen konnte. Also musste ich zum Finale des zweiten Buches schon den Weg zu Teil drei ebnen: „Bibliophilia – Am Ende des Buchlands“.

Erzähltechnisch ist ein ein wenig Action für den Höhepunkt einer Story außerdem nie verkehrt, würd‘ ich behaupten.

Hatte das etwas mit dem ernsten Thema „Kindstod“ zu tun? Musste es deshalb auch die Büchse der Pandora sein?
Markus Walther: Nein. Wenn man ganz allgemein den drei Büchern der Trilogie Begriffe überodnen möchte, dann „Angst, Tod, Trauer“ (Band1), „Gut und Böse, Hoffnung und Seele“ (Band2) und „Bestimmung und freier Wille“ (Band3). Die Büchse der Pandora macht das Böse – aber auch die Hoffnung – greifbar. Streng genommen ist sie aber nur ein MacGuffin.

Warum sollte man nach „Buchland“ und „Beatrice“ auch den dritten Teil lesen?
Markus Walther: Weil eine komplette Hardcover-Trilogie mit Schutzumschlägen und Lesebändchen im Bücherregal einfach besser aussieht!!! Äh. Nein. Äh. Streichen wir den Satz. Räusper.

Im ersten Teil war das Buchland neben Bea und Herrn Plana ein weiterer Protagonist. Im zweiten Teil war das Buchland nur noch ein Setting. Das dürfte für die Bücher ziemlich unbefriedigend gewesen sein. Deshalb traten sie mit der Bitte an mich heran, dass ich sie wieder in den Fokus rücken solle. Ich hatte ihnen zwar mein Okay gegeben – aber eigentlich habe ich klammheimlich den Schriftstellern mehr Raum im Plot spendiert. Ein Wiedersehen mit Goethe und Poe erschien mir sehr reizvoll.

Man könnte aber auch sagen: Der dritte Teil schließt den Kreis und deshalb sollte man die Story lesen. Hört sich doch auch werbewirksamer an. Oder?

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