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Neidisch auf Flüchtlinge

„Stellen wir uns einfach mal vor…Kindergärten würden im selben atemberaubenden Tempo wie Asylheime aus dem Boden schiessen.“ Dieser Facebook-Post kam mir heute Morgen wieder unter die Augen. Und jedes Mal aufs Neue denke ich: „Bitte nicht!“ Und beim Blick auf den, der das weiterverbreitet: „Bitte nicht du auch noch!“ Denn dieser Neid kotzt mich an. Neid auf etwas, was niemand von uns wirklich haben will.

©Jorma Bork/ pixelio.de
©Jorma Bork/ pixelio.de

Kindergärten wie Asylheime – wirklich? Als ob Asylheime so bunt, so schön und top ausgestattet wären, wie wir es von unseren Kindergärten erwarten. Wo nur Holzspielzeug oder wenn Plastik, dann doch ohne Weichmacher sein darf. Wo die sanitären Anlagen auf dem neuesten Stand und mit Raum für Privatsphäre sein müssen. Wo die Räume nicht zu klein und schon gar nicht zu groß sein sollen. Schließlich sollen sich die Kleinen geborgen fühlen.

Wie kann man also neidisch sein, auf Asylheime? Die aus leerstehenden abgewohnten Gebäuden bestehen, oder einfach aus Containern. Wo man mit Leuten zusammenLEBEN muss, die man sich nicht aussuchen kann, die von niemandem dazu angehalten werden, sich kameradschaftlich zu benehmen. Die in der Heimat auf der anderen Seite der Front gekämpft haben. Die deine Familie denunziert, bedroht oder vielleicht sogar getötet haben.

„Neugeborene erhalten 2.500,00 EUR Willkommensgeld.“ Na das ist ja schon etwas, worauf man neidisch auf Flüchtlinge sein kann. Oder man geht zu den gemeinnützigen Hilfsorganisationen, die auch Familienberatung anbieten und beantragt Zuschüsse zur Erstausstattung. Da kommt schnell mal ein Tausender zusammen, den man dann für Kinderwagen, Babybett und co. ausgeben kann. Ist immer noch weniger, als das Kind, deren Mutter wahrscheinlich allein hergekommen ist und nicht weiß, was aus dem Vater des Kindes wurde.

Damit hat sie dann auch noch den Status der Alleinerziehenden und zahlt sowieso bei allem weniger Gebühren. Da müsste sie dann halt nur noch unsere Sprache verstehen, damit sie die ihrem Kind beibringen kann. Oder vielleicht auch nicht, denn auf der Straße wird sie von „besorgten Bürgern“ angepöbelt, die meinen, sie würde ihnen Sozialleistungen UND den Job wegnehmen. Als wäre es so einfach, als allein erziehende Mutter in Deutschland überhaupt einen Job zu finden.

Aber immerhin kann die ihr Kind in Markenklamotten stecken und später bekommt es sein eigenes Smartphone. Ja darauf wäre ich wohl auch neidisch. Wenn, ja wenn meine Kinder nicht auch hin und wieder in teuren Markenklamotten rumlaufen würden, die wir im Freundes- und Familienkreis aus dritter Hand weitergereicht bekommen haben. Weil diese Klamotten eben nicht mit der heißen Nadel genäht und deshalb auch von dritten und vierten Kind getragen werden können. Oder ich nicht auch mein altes Smartphone für meine Kinder aufheben würde.

Einen Grund, neidisch auf Flüchtlinge zu sein, haben vor allem die Menschen, die sie zurückgelassen hat. Weil sie nur das Deutschland kennt, das ihnen die Werbung für unsere Autos, Hightech-TV und Bio-Joghurts vorgaukelt.Weil sie das Gesicht gern mal der Sonne und nicht dem nächsten Militärflieger entgegenstrecken würden. Weil sie ihre Kinder auf richtigen Spielplätzen spielen lassen wollen. Und ihr Pubertier seinen Zickenstatus ohne Angst ausleben lassen möchten.

Man kann durchaus neidisch auf unseren Sozialstaat sein. Mit zumutbarer medizinischer Versorgung, die wir uns gerade selbst kaputt machen. Weil wir eine Regierung haben, die mehr an den Banken und Unternehmern interessiert sind, als an den Menschen, die ihr Geld bei diesen Unternehmern verdienen und bei diesen Banken lagern sollen. Man kann neidisch darauf sein, dass sich diese Regierung um die Flüchtlingsproblematik kümmert, aber nicht um Schulen, Kindergärten, Pflegekräfte, Arbeitslose, das eigene Volk.

Aber erstens kümmert sich die Regierung nicht wirklich, sonst wären die Vertriebenen nicht in Turnhallen untergebracht. Und zweitens ist es zwar einfach, sich gegen die Flüchtlingsströme in unser Land zu stellen. Aber nicht fair. Nach unten treten ist immer einfacher. Auch in diesem Fall. Die Vertriebenen und die Flüchtlingsheime sind genau vor unserer Nase. Sie sind greifbar und damit auch angreifbar.

Die Regierung dagegen haust in einem Elfenbeinturm, gegen den wir nicht anzukommen scheinen. Was soll der Einzelne schon tun gegen die Abgeordneten und ihre Königin, wie soll man da ran kommen? Allein sicher nicht. Aber schon als Kind kannten wir einen Trick, um an die schönsten Kirschen zu kommen. Per Räuberleiter – also mit Hilfe von anderen – haben wir auch die erreicht, die ganz oben hingen und dort nur scheinbar vor uns sicher waren. Also lasst uns – wenn überhaupt – nach oben treten. Gemeinsam. 

Blogger für Flüchtlinge
Blogger für Flüchtlinge

Dieser Artikel ist mein erster Beitrag zur Aktion „Blogger für Flüchtlinge„. Er ist nur der Anfang, denn ich kann und werde nicht weiter zusehen, wie Deutschland zum braunen Sumpf verkommt. Alles schon mal dagewesen. Kein Mensch braucht eine Wiederholung.  

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ommentare

  1. Hallo Tulpentopf,
    ich sehe das wie du. Wie kann jemand, der eine eigene Wohnung, genug zu essen, medizinische Versorgung, wenn er sie braucht, hat und in einem Land ohne Krieg leben darf, auf Leute neidisch sein, die nichts haben? Das ist mir echt zu hoch – das verstehe ich einfach nicht. Vielleicht sollte man diese braunen Schreihälse mal auf einen Abenteuerurlaub nach Syrien schicken oder 2 Monate leben mit IS. Darf auch gerne aus Steuermitteln finanziert werden.
    Viele Grüße
    Ann-Bettina

  2. Es passt zwar zu einem Teil unserer Gesellschaft, dass man schnell mal neidisch ist. Aber kann man auf Flüchtlinge neidisch sein.
    Vielleicht dahingehend, dass sich die meisten zu benehmen wissen, dass sie keine Vorurteile fällen?

    Sich „zu benehmen wissen“ kann jeder geschenkt bekommen, aber das will man ja nicht, sonst fließt die braune Brühe ja nicht. Dann haben die Menschenverachter ja nichts, wrüber sie herfallen können.

    Diesen Verbrechern, die nur Stunk machen, Hass verbreiten und bewusst verletzen, gehört mit aller Härte das Handwerk gelegt. Sie müssen bestraft werden. Gut, dass es Menschen gibt, die sich dagegen auflehnen. Gut auch, dass es Blogger gibt, die ihre Stimme gegen Hass erheben.
    Lieben Gruß Hans.

  3. Pingback: Schon mal was über Flüchtlinge gebloggt? › netzexil.de

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