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Menschenscheu

Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen und mit Anfang 20 in die Großstadt geflohen. Weil ich in der Masse untertauchen wollte, neue Eindrücke brauchte und hungrig auf neue Leute war. Gestern war ich mal wieder in der Großstadt. Und wäre am liebsten weggelaufen. Irgendwohin, wo keine großen Häuser und schon gar keine Menschen sind. Erst recht nicht in Massen. Nicht mal in Maßen. Denn sie gehen mir auf den Keks, treten mir zu nahe und meistens finde ich sie auch noch saublöd. Nennt mich also ruhig menschenscheu.

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Als „Zugezogene“ hat man es auf dem Dorf nicht leicht. Es dauert nicht lang und jeder kennt deinen Namen, weiß wo du wohnst und sieht genau, was du den ganzen Tag so machst. Und natürlich wird Letzteres gern auch mal breitgetreten. Von Leuten, deren Namen du nicht kennst und die kaum je mehr als drei Sätze mit dir gewechselt haben. Klingt gruselig? Ist es auch. Dorf eben. Abgesehen davon ist in so einem Kaff natürlich auch nix los. Meistens erstreckt sich dieses Nichtslossein auf einen Umkreis von Millionen Kilometer. So kommt es einem jedenfalls vor, wenn man jung ist und ohne fahrbaren Untersatz dasteht.

Kein Wunder also, dass ich bald das Weite suchte. Oder besser die Großstadt. Eintauchen ins Namenlose, wo dich niemand kennt und du tausend Möglichkeiten hast, neue Gesichter zu sehen und die Menschen dahinter kennen zu lernen. Traumhafte Vorstellung, nicht wahr? Fünfzehn Jahre nach dieser Flucht in die Großstadt wohne ich nicht mehr mittendrin, sondern nur noch nebenan. Quasi im erweiterten Speckgürtel. Also dort, wo man schon fast wie auf dem Dorf wohnt, aber eben noch dicht genug an der Stadt, um zum Arbeiten, Feiern, Shoppen bequem hinfahren zu können.

Fünfzehn Jahre nach meiner Flucht ins Gedränge meide ich es so gut es geht. Weil ich es nur noch selten ertrage, menschenscheu geworden bin. Diese Menschenmassen, die Enge zwischen den Häusern und das ganze bunte Gewusel. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, aus meinem Küchenfenster zu schauen und nur die Hauswand gegenüber zu sehen. Ich mag nicht daran denken, wie es wäre, sich täglich mehrmals zu Fuß zwischen Touristen, Anzugträgern, Fahrradhippies, Kinderwagenschiebern, Hundehaltern und Teenagertrauben hindurchzuschlängeln. Die sich selbst an Straßencafétischen, Werbeaufstellern, Straßenpollern und Baustellenschildern vorbeidrängeln. Viel zu viel, viel zu nah und viel zu doof.

Vielleicht liegt das an mir, vielleicht auch an den Leuten. Immerhin gehen mir meist schon die Muttis auf den Keks, denen ich im Alltag mit den Kids begegne. Beim Training vom Junior sind es die Tratschtanten, die kaum sitzen und schon lauthals von der Schwangerschaft ihrer großen Tochter berichten. „Die schmeiß ich raus!“ heißt es dann, während die jüngeren Schwestern der unglückseligen Neuschwangeren danebenstehen. Im Vorraum zum Tanzstudio geht es eher um die Unfähigkeit der Lehrer. Aller Lehrer. Die bringen den Kids nämlich nichts mehr bei. Schon gar nicht Disziplin. Aber wehe die Tanzlehrerin schimpft mit dem eigenen Kind.

Aber oftmals reicht schon die Warteschlange bei der Post, beim Arzt oder im Supermarkt. Es geht immer zu langsam, es gibt immer Tipps wie man was besser machen könnte und grundsätzlich einen Grund, sich aufzuregen. Über die Tussi da vorn, die ausgerechnet jetzt ein Paket nach Neuseeland verschicken will. Oder darüber, wozu man denn einen Termin hat, wenn man dann doch weit später noch nicht mal im Wartezimmer angekommen ist. Oder darüber, dass die Mutter da vorn erstmal ihre Kinder sortieren muss, bevor sie ihren Großeinkauf wieder in den Wagen kriegt. Die blockiert ja ALLES!

Es ist übrigens unglaublich, wie sehr man Menschen aus der Fassung bringen kann, wenn man da nicht mitmacht. Oder sogar etwas umsonst tut, einfach so aus Freundlichkeit oder Interesse. Entweder sie werden misstrauisch (Meint die das jetzt ernst? Wo ist der Haken?) oder sie halten dich für naiv/blöd (Ha, das hat sie sich aber nicht gut überlegt, das kann ich ja wunderbar ausnutzen.) oder staunen ungläubig bevor sie sich wenigstens ein bisschen freuen. Manche können ihr Glück kaum fassen. Das geht damit los, dass man Veranstaltungen organisiert, bei denen jemand einfach mal vor Publikum zeigen kann, was er so drauf hat. Und hört damit auf, dass man den Menschen mit den drei Bananen in der Hand an der Kasse ruhig mal vorlässt, weil sie sonst dank des eigenen Großeinkaufs ewig anstehen würden.

Es scheint jedenfalls, als würde niemand mehr irgendetwas Gutes von seinem Gegenüber erwarten. Und geht deshalb ständig im Motz-Mecker-Misstrauen-Modus durch die Welt. Eine Haltung, die mich abschreckt, die mich immer noch ein Stück mehr von den Menschen wegrücken lässt. Die mir inzwischen auch mein ehrenamtliches Engagement madig gemacht hat. Die mich an kindfreien Tagen ins Kino treibt, egal ob draußen Sonne satt oder Schneesturm ist. Oder in sehr ruhige Ecken mit fein dosierten Geschichten über Menschen – in Buchform. Die mich sehr genau abwägen lässt, was ich mit wem unternehmen will.

Nach außen hin wirkt das sicher kauzig. Eigenbrödlerisch vielleicht. Oder wie früher halt, als man dachte ich sei eingebildet. Dabei war ich schüchtern mit einem unterirdischen Selbstbewusstsein. Und so verträumt, dass ich blind durch die Welt spazierte, weil mein Kopf in einem Paralleluniversum hing. Verträumt bin ich immer noch. Heute allerdings absichtlich. Weil mir die Realität zu oft zu sehr auf Krawall gebürstet ist. So gesehen ist es mein Harmoniebedürfnis, dass mich menschenscheu gemacht hat. Denn Menschen, bei denen man einfach nur SEIN darf, sind sehr sehr selten geworden.

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