Mein Land und die Flüchtlinge: Slowakei

Die Slowakei gehört zu den Staaten Europas, die sich gegen die verpflichtende Flüchtlingsquote der EU stellen. Zum einen will man keine Muslime im eigenen christlich geprägten Land. Zum anderen erwartet man wohl noch die massive Zuwanderung aus der Ukraine, wo die politische Lage weiterhin kritisch ist. Das alles und noch mehr kann man in aktuellen Pressemeldungen nachlesen. Aber wie sieht es wirklich in der Slowakei aus und wie denken die Menschen dort wirklich darüber. Ich habe einmal mehr nachgefragt! 

Nina von timbaru.de

Nina von timbaru.de

Wie man in Österreich mit den Flüchtlingen umgeht, haben wir im Interview mit Nadine von Buntraum.at erfahren. Nicole von Freibeuter-Reisen schrieb in ihrem Gastbeitrag darüber, wie man in Spanien über Flüchtlinge denkt. Heute erzählt uns Nina von timbaru, ob und welche Auswirkungen die Flüchtlingssituation auf die Menschen in der Slowakei hat;

Bitte stell dich meinen Lesern kurz vor!
Ich heiße Nina und bin 43 Jahre jung. Meine Leidenschaften sind Nähen, Zeichnen und Schreiben. Das alles versuche ich nun auf meinem Blog timbaru zu vereinen. Dazu berichte ich auch über meine Erlebnisse in der Slowakei.

Wo und wie lebst du?
Zurzeit lebe ich mit meinem Mann und meiner Tochter in Bratislava in der Slowakei. Wir wohnen in einer Altbauwohnung in der Nähe des historischen Zentrums. Das war uns bei der Wohnungssuche wichtig, dass wir möglichst viel auch ohne Auto unternehmen können. In der ersten Zeit haben wir komplett auf ein Auto verzichtet. Doch nun – mit Auto – genießen wir, dass wir auch Ausflüge in die Umgebung machen können.

Du bist eine Halbfinnin, die mit einem Bulgaren verheiratet ist und in der Slowakei lebt. Mit welchem Land fühlst du dich am meisten verbunden?
Finnland ist das Land, in dem ich mich besonders wohl fühle. Ich brauche nur an die Seen und Wälder zu denken und in mir breitet sich Ruhe aus. Deutschland ist allerdings das Land, dass ich als meine Heimat betrachte. Hier bin ich aufgewachsen. Meine Eltern und unsere Freunde leben in Deutschland. Es ist eine andere Art Bindung als zu Finnland. Ich denke, in Finnland spüre ich eine starke Bindung zur Natur und dem Land an sich, während ich mich in Deutschland mehr den Menschen, also meiner Familie und Freunden, verbunden fühle.

Wie erlebst du die Flüchtlingswelle in der Slowakei?
Welche Flüchtlingswelle? Nein, im Ernst. Gäbe es das Internet und Telefon nicht, hätte ich hier nicht bzw. erst sehr spät mitbekommen, dass es Flüchtlingswellen gibt. Das liegt sicher zum großen Teil daran, dass wir hier kein Fernsehen haben, zum anderen daran, dass ich die Sprache gerade erst lerne. Und das ist nicht so einfach. So haben wir von Freunden davon erfahren. Jetzt versuche ich mich über das Internet auf dem Laufenden zu halten.

Zum anderen liegt es aber auch daran, dass Du hier z.B. am Zeitschriftenstand keine Zeitungen siehst, auf denen Flüchtinge abgebildet sind. Sicher berichten die Medien darüber, doch so wie ich es mitbekommen habe, nicht auf der Titelseite. Mittlerweile gibt es an den Grenzen zwischen Österreich und der Slowakei ständige Polizeipräsenz. Das ist nach wie vor ein seltsames Gefühl. Eine Freundin von mir wurde bereits angehalten und gefragt: „Any refugees on board?“

Wie christlich ist die Slowakei wirklich und wie geht man mit anderen Glaubensrichtungen um?
Das kann ich nicht wirklich beantworten, da mein Kontakt zu Slowaken sehr begrenzt ist. Auffällig ist jedoch, dass an kirchlichen Feiertagen die Stadt leer ist. Viele der Slowaken, die in und um Bratislava leben, haben Familie auf dem Land und den umliegenden Dörfern. Dort fährt man hin. Ein slowakisches Paar erzählte uns, dass viele z. B. jetzt zu Allerheiligen zu ihren Familien fahren und gemeinsam auf den Friedhof gehen. In der Klasse meiner Tochter besuchen ca. 55% der Kinder den katholischen Religionsunterricht, 42% den Ethikunterricht und 3% den evangelischen Religionsunterricht.

Bedenkt man, dass ein Argument der slowakischen Regierung gegen die Aufnahme von Flüchtlingen war, dass man hier keine Moscheen habe und sich Muslime hier nicht wohlfühlen würden, vermute ich, dass man anderen Glaubensrichtungen skeptisch bis misstrauisch gegenüber steht. In dem einen Jahr, in dem ich hier bin, habe ich nur einmal eine Frau mit Kopftuch gesehen.

Wie offen sind die Slowaken unabhängig vom Glauben denn Einwanderern gegenüber? Wie geht man zum Beispiel mit deutschen Zuwanderern um?
Bisher habe ich nur gute Erfahrungen gemacht. Die slowakischen Eltern in der Schule sind sehr freundlich, allerdings auch recht zurückhaltend. Auch die Kollegen meines Mannes sind sehr freundlich und offen uns gegenüber. Bei Behörden habe ich unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Manche konnten kein Deutsch oder Englisch, bemühten sich aber sehr mein Slowakisch-Hand-Fuß zu verstehen. Andere konnten offensichtlich Deutsch, weigerten sich aber eine andere Sprache als Slowakisch zu sprechen. Gerade in Bratislava ist man auf Ausländer eingestellt. Viele ausländische Unternehmen haben hier Standorte. So hört man auf den Strassen neben Deutsch und Englisch auch viel Spanisch, Italienisch und sogar Finnisch. Es gibt Studenten, die aus dem Ausland hierher kommen. Die vielen Touristen nerven, glaube ich, eher, als dass man sie nur mit offenen Armen empfängt. Doch die bringen natürlich auch viel Geld.

Hätte die Slowakei den Platz und die materiellen Ressourcen für die Unterbringung von Flüchtlingen?
Der Platz ist da. Materielle Ressourcen kann ich schlecht beurteilen. Die Slowakei ist an vielen Stellen noch im Aufbau, und ich kann mir vorstellen, dass es genügend Bedarf im eigenen Land gibt. Doch letztendlich geht es darum, Menschen zu unterstützen, denen es noch schlechter geht. Ich vermute, dass die Slowakei auch ein Beitrag leisten kann.

Gibt es eine Zuwanderung aus der Ukraine bzw. rechnet man in der Slowakei wirklich damit?
Ja, es gibt eine Zuwanderung aus der Ukraine. Viele reiche Ukrainer kommen hierher, doch auch Arbeiter und Studenten. In meinem Sprachkurs z. B. sitzen acht Ukrainer, eine Studentin aus Uzbekistan und ich. Von den Ukrainern studieren sieben hier und einer arbeitet auf dem Bau. Übrigens habe ich im Basiskurs den ersten Flüchtling hier kennengelernt. Er hatte jedoch das Glück, dass er zu den reicheren Syrern gehört und dazu noch Familie hier hat. So konnte er nicht nur mit seiner Familie problemlos einreisen, als Arzt hat er auch schnell eine Stelle gefunden und eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen.

Wie denken die Slowaken über Deutschland, Merkels Flüchtlingspolitik und die wöchentlichen Demonstrationen?
Das ist nicht wirklich Gesprächsthema hier. Zumindest nicht, wenn Deutsche dabei sind. Eine Freundin von mir bekommt ab und zu Karikaturen vom Merkel von einem slowakischen Kollegen zugeschickt, ansonsten hält man sich lieber zurück. Ich glaube, es gibt die, die sich lieber aus dem Thema raushalten und die, die dagegen sind. Die gehen dann auch gerne auf die Strasse und demonstrieren. „Die Slowakei den Slowaken.“ Es gibt aber auch Menschen, die sich für Flüchtlinge engagieren. Doch da muss man wirklich suchen. Im Sommer gab es z.B. einen veganen Markt. Dort konnte man Kleiderspenden abgeben. Auch in der Schule meiner Tochter wurde gesammelt. Ich glaube allerdings, die Resonanz war nicht so hoch.

Was wünschst du dir für die und von der Slowakei im Bezug auf die aktuelle Flüchtlingssituation?
Ich wünsche mir, dass die Slowakei ihre Vorbehalte aufgibt und ihre Bevölkerung besser aufklärt. Ich glaube, dass die Regierung sich so schwer tut, hängt auch viel mit dem Widerstand aus der Bevölkerung zusammen. Insgesamt hoffe ich, dass die Länder der EU besser zusammenarbeiten. In der letzten Zeit habe ich oft gehört, dass die Flüchtlingsproblematik gezeigt hätte, dass die EU nur auf dem Papier exzistiert und schon längst gescheitert sei. Das wäre schade, und ich wünsche mir, dass es die EU noch schafft, uns eines besseren zu belehren.

Hier trifft man Nina im Internet:
Blog: www.timbaru.de
Twitter:         @timbaru_de Nina Tasev
Facebook:     TimbarusWelt
Instagram:    timbaru.de
Pinterest:      timbaru

Kategorie Dies+Das, Leben
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

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