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Mein Erzeuger ist tot

Letztens schrieb mir meine Mama per WhatsApp: „Der U. ist tot. Ich denke, du solltest das wissen.“ U. war mein Erzeuger. Mehr auch nicht. Oder doch? Mein Versuch, das für mich einzuordnen scheitert bisher jedenfalls.

Nachruf auf einen Unbekannten

Ich habe U. nie gesehen. Zumindest nicht bewusst. Vielleicht als Baby mal. Vielleicht sind wir uns irgendwann mal in der großen Stadt über den Weg gelaufen. Direkten Kontakt gab es nie.

Ich weiß, was ich von ihm geerbt habe. Daumen, Locken, Nase. Eine Zeit lang hieß es, meine Handschrift sieht aus wie seine. Dann war es meine Art, mir Sachen für Schule und Studium zu merken oder zu lernen. Das war es dann auch. Oder nicht?

Gibt es Verhaltensweisen, die sich vererben? Die man annimmt, obwohl man sie nie bei einer Bezugsperson gesehen hat? So wie der Junior von jeher ein Abbild seines Vaters ist, wenn er es sich im Bett gemütlich macht. Obwohl er ihn über Jahre kaum dabei beobachtet haben kann.

U. war nicht da. Kein Teil von meinem Leben. Als Kind, Teenager und junge Frau hätte ich ihn treffen können. Ich selbst nahm mir das auch vor. Für die Zeit nach der Jugendweihe, nach dem Abi, vielleicht mit 21. Dann nicht mehr.

Als Teenager hatte ich andere Prioritäten. Und dann war und ist da ja auch noch dieser eine, der seit meinem vierten Lebensjahr mein Papa ist. Sich wie ein Papa verhält, wie ein Papa für mich da ist und sich wie ein Papa um mich kümmert. Eben mein Papa ist.

Im Studium war der Ofen jedenfalls bei mir aus. Als ich fürs Bafög Kontakt zu ihm aufnehmen musste und er das Einschreiben nicht annahm. Ich wollte kein Geld von ihm, aber kam ohne seine Zuarbeit nicht so einfach zum Bafög. Ich war sauer.

Später kam ein Amt auf mich zu. Ob ich für seinen Unterhalt im betreuten Wohnen aufkommen könnte. Meine Halbschwester hätte nichts. Ich auch nicht. Schon gar nicht für ihn.

Aufruf an die abwesenden Väter/Mütter

Jetzt ist er tot, mein Erzeuger. Spielt das eine Rolle für meinen Alltag? Nein. Spielt das eine Rolle für meine Familie? Nein. Werde ich ihn vermissen? Nein. Alles was mich an ihm interessiert hätte, sind vererbbare Krankheiten.

Soviel Desinteresse, so wenig Bedeutung für den nächsten Verwandten müsste weh tun. Tut es aber nicht. Mir jedenfalls nicht. Aber ich wünsche es niemandem. Kein Vater, keine Mutter sollte für seine/ihre Kinder so bedeutungslos sein. 

Ein Kind ist immer auch ein Traum. Oder die Vorstellung von einer Zukunft. Von einem ganz bestimmten Weg. Und eine Verbindung zwischen mindestens zwei Menschen. Es ist die Chance auf eine Bezugsperson, die bedingungslos liebt. Für die Eltern.

Manchmal zerbricht der Traum und die Verbindung. Wenn ich meine Internetblase so anschau, sogar ziemlich oft. Die einen dürfen den Kontakt nicht aufrecht erhalten, würden aber gern. Die anderen dürfen, sollen und müssten eigentlich – glänzen aber durch Abwesenheit.

Wenn ich bedenke, dass ich erst mit Anfang 20 wirklich gar keinen Bock mehr hatte, meinen Erzeuger kennen zu lernen: Himmel Ar…, was für eine Chance verschenkt ihr da?

Mag sein, es war kompliziert mit dem anderen Elternteil. Mag sein, so ein Kleinkind, Pre-Pubertier oder Teenager versteht es nicht. Aber spätestens nach der ersten eigenen Beziehungspleite versteht man vielleicht doch.

Was wäre also, wenn? Wenn so ein Kontakt zum eigenen Kind doch etwas bringt? Wenn du als Vater oder Mutter doch mehr als Erzeuger und biologische Mutter sein könntest. Für mein Was-wäre-wenn ist es zu spät. Aber was ist mit dir?

Denk drüber nach! Bitte.

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