Film: „Zweite Chance“ mit Nikolaj Coster-Waldau

Zwei Babys, zwei Familien. Die eine hat alles: Das Haus am See, genug Geld für alles und die Liebe. Die andere hat nichts. Zumindest nichts, was gut für ein Kind ist. Wie ungerecht, dass ausgerechnet das Kind in der heilen Familie stirbt und das andere weiter bei seinen drogensüchtigen Eltern im eigenen Kot liegen muss. Doch in Susanne Biers Film „Zweite Chance“ sind die Grenzen zwischen Gut und Böse nur auf den ersten Blick offensichtlich. Man sollte jedoch viel länger hinschauen.

"Zweite Chance" in den Passage Kinos Leipzig

„Zweite Chance“ in den Passage Kinos Leipzig

Zum Inhalt:
Wenn Andreas (Nikolaj Coster-Waldau) von seinem Dienst bei der Polizei nach Hause kommt, erwartet ihn eine liebende Frau und ein perfektes Baby. Und er weiß, was für ein Glück er mit Anna (Maria Bonnevie) und seinem wenige Wochen alten Söhnchen Alexander hat. Denn während einer Hausdurchsuchung bei einem Drogendealer findet er ein Baby im Schrank, dass in seinen eigenen Exkrementen herumliegt und völlig unterkühlt ist. Doch das Kind ist nicht unterversorgt und bleibt bei seinen drogenabhängigen Eltern in der versifften Wohnung.

Dann geschieht das Unglück. Der kleine Alexander weckt seine Eltern nicht wie sonst mitten in der Nacht mit lautem Geschrei. Er ist tot. Anna will es nicht wahr haben und droht mit Selbstmord, wenn Andreas ihren Sohn abholen lässt. Doch Andreas greift in seiner Verzweiflung zu einem Strohhalm, der keiner ist: Er vertauscht seinen toten Sohn mit dem vernachlässigten Baby aus der Drogenfamilie. Es soll eine zweite Chance in einer neuen Familie bekommen und Anna und Andreas über den Tod des eigenen Sohnes hinweghelfen.

Weil dem Drogendealer Tristan (Nikolaj Lie Kaas) das Wasser bis zum Hals steht, kann der aber kein totes Baby gebrauchen. Deshalb täuscht dieser eine Entführung seines Sohnes vor. Diesen Fall muss ausgerechnet Andreas bearbeiten, der natürlich weiß, dass er nach seinem eigenen toten Sohn sucht. Seine Frau Anna tut sich derweil immer noch schwer, sich mit dem „Ersatzbaby“ anzufreunden. Und auch die echte Mama (Lykke May Andersen als „Sanne“) ist sich sicher, dass das tote Baby nicht ihres ist. Doch wer glaubt schon einer drogenabhängigen Mutter.

Als Anna sich das Leben nimmt, verliert Andreas vollständig den Halt und die Nerven. Während eines Verhörs verprügelt er Tristan, der seiner Frau die Schuld in die Schuhe schieben will. Mehr als einmal redet er sich um Kopf und Kragen. Etwa, weil er dem Dealer haargenau erzählen kann, wo der seinen Sohn über Nacht hat liegen lassen. Sanne bleibt derweil bei ihrer Version, dass das tote Baby nicht ihr Sohn ist. Und Anna hatte wohl noch einen anderen Grund, sich das Leben zu nehmen.

Meine Meinung:
„Zweite Chance“ ist ein Film, bei dem man mehr als einmal am liebsten wegschauen würde. Schließlich geht es um zwei hilflose Babys, denen man nichts Schlechtes wünscht und denen so viel Böses widerfährt. Wer erträgt schon den Anblick eines Säuglings, der sich nicht mehr rührt und gruselig blass ist. Oder die schreiende Mutter davor, die wenig später versucht, ihr totes Baby zu stillen. Und wer kann zuschauen, wie ein Baby in der übervollen Windel herumliegt, über und über beschmiert mit den eigenen Exkrementen. Während der Papa sich daneben den nächsten Schuss in die Spritze zieht und seelenruhig raucht. Während die Mutter des Kindes stoned und mit frischen Blessuren apatisch in der Ecke steht und sich nicht rühren darf.

Auf den ersten Blick scheint es da nur legitim, dass das tote Baby gegen das lebende ausgetauscht wird. Damit das lebende eine zweite Chance bekommt. Und die wohlsituierte Familie gleich wieder perfekt ist. Blöd nur, wenn die Mutter lieber ihr totes Baby als ein fremdes haben will. Und die Mutter des fremden Babys trotz Drogenrausch weiß, wie ihr Kind aussieht und sich anfühlt. Spätestens wenn dann in der perfekten Familie die Fassade bröckelt und die Drogenmama langsam wieder ganz zu sich kommt und Gefühle durchblicken lässt – ja, dann bröckeln auch die Grenzen zwischen gut und schlecht.

Schauspielerisch hat das vor allem Lykke May Andersen als die drogensüchtige „Sanne“ umgesetzt. Ihr verkorkstes Leben mit Tristan, die Hilflosigkeit und dann doch der Stolz und der Kampfeswille einer Mutter spiegeln sich gut in Mimik und Gestik. Nikolaj Lie Kaas als Tristan kommt schön klischeehaft als prügelnder Dealer rüber. Nikolai Coster-Waldau (bekannt aus „Game of Thrones“) wirkt irgendwann nur noch erschöpft und muss auch nichts anderes leisten. Maria Bonnevie als Anna wirkt jedoch von Anfang an zu unterkühlt, als dass der Zuschauer wirklich einen Draht zu ihr finden kann.

Musikalisch wird die „Zweite Chance“ eindrucksvoll aber nicht überladen untermalt. Manchmal lässt sich schwer unterscheiden, ob die Musik zur Handlung gehört oder eben Filmuntermalung ist. Aber die dröhnenden Beats und die sphärischen Klänge sind immer an geeigneter Stelle und auch immer dann weg, wenn Stille nötig ist. Regisseurin Susanne Bier hat auch beim Bildaufbau eher auf Stimmung als auf Detail gesetzt. So gibt es zu sphärischen Klängen auch sphärische Bilder. Hin und wieder hält die Kamera jedoch einen Moment zu lange auf eine Szene. „Hab´s kapiert“, möchte man sagen.

Mein Fazit:
„Zweite Chance“ ist ein Film über zwei Mütter, die allein gelassen wurden. Und über zwei Väter, die Entscheidungen über die Köpfe der Mütter hinweg machen – und dabei fatale Fehler begehen. Es ist aber auch ein erbarmungsloser Blick auf Klischees und wie es hinter der Fassade aussehen kann. Auch wenn „Zweite Chance“ einige Logiklücken und -fehler hat (zum Beispiel eine Oma, die nicht erkennt, dass das Baby nicht ihr Enkel ist) bleibt die Geschichte heftig. Absolut sehenswert, aber nichts für schwache Nerven. Vor allem für Mütter absolut kein Popcorn-Kino.

Kategorie Dies+Das, Kino, Kino+Theater, Leben
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

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