Film: „Freistatt“ mit Louis Hofmann

Sei artig, sonst kommst du ins Heim. Das war für mich ein Spruch, der bedeutete, von meinen Eltern getrennt zu sein. Das allein ist ja für ein Kind schon schlimm. Was sich in einem Heim wie „Freistatt“ abspielte, hat mit dieser simplen Trennung von der Familie allerdings wenig zu tun. Hier sind elende Schufterei und brutale Willkür der „Erzieher“ an der Tagesordnung. Wer dieses Heim überlebt hat, ist ein anderer Mensch: Gebrochen und doch zu allem fähig.

©Helmut Brunken/ <a href="http://www.pixelio.de/media/330862" target="_blank">pixelio.de</a>

©Helmut Brunken/ pixelio.de

Zum Inhalt:
Wolfgang (Louis Hofman) ist 14 und damit im besten Teenager-Alter. Während seine Mutter ihn ein wenig zu sehr liebt, ist er seinem Stiefvater mehr als nur ein Dorn im Auge. Also wird er kurzerhand nach Freistatt abgeschoben. In der diakonischen Anstalt für schwer Erziehbare sollen ihm Zucht und Ordnung beigebracht werden.

Ordnung herrscht in Freistatt allerdings. Die wird jedoch mit jeder Menge Züchtigung durchgesetzt. Hausvater Brockmann (Alexander Held) begrüßt jeden Neuankömmling noch recht freundlich, zeigt aber bald, dass ihm selbst seine Helfer zu lasch in der Erziehung der Jungs sind. Die treiben die aufmüpfigen Jugendlichen jeden Tag zum Torfstechen ins Hochmoor, wo sie bis zum Umfallen arbeiten.

Wenn das Tempo nicht passt, jemand das falsch Lied anstimmt oder die die Erzieher schlechte Laune haben, leiden alle darunter. Halbe Ration zum Abendessen, Prügel mit der Reitpeitsche, Demütigungen vor den anderen Jungs sind an der Tagesordnung. Und wer die Suppe eingebrockt hat bekommt zudem noch ordentlich Klassenkeile. Besonders Bernd (Enno Trebs) tut sich hier als Wächter und Rächer der Insassen hervor.

Wolfgang ist jedoch zu rebellisch, um sich unterzuordnen. Er will sich nicht ausbeuten lassen, widerspricht und fordert bessere Behandlung, verteidigt Schwächere gegen Willkür und Klassenkeile. Er versucht mehrfach, aus der Anstalt zu entkommen, wird aber entweder vom Moor aufgehalten oder spätestens Zuhause wieder eingesammelt. Für jeden Ausbruchsversuch wird er härter bestraft als zuvor.

Als er schließlich wieder nach Hause darf, ist er nicht mehr der alte. Zwar kann ihm sein Stiefvater nicht mehr das Leben schwer machen, aber er passt auch so nicht mehr in dieses Familienidyll. Schließlich hat seine Mutter ihn im Stich gelassen, seinen kleinen Bruder kennt er kaum und auch mit seinen alten Freunden kann er nichts mehr anfangen. Aus dem übermütigen Jungen ist eine gebrochener junger Mann geworden, der schnell zuschlägt und nicht mehr gegen die Willkür der Obrigkeiten kämpft.

Meine Meinung:
„Freistatt“ ist von der ersten Minute an beklemmend. Man sieht einen leicht aufmüpfigen Jugendlichen, der von seinem Stiefvater verdrängt wird und sich dagegen mit den Mitteln eines 14jährigen wehrt. In der BRD der 60er Jahre hat er gegen einen Erwachsenen jedoch keine Chance. Unwillige Jungs landen da schnell in Erziehungsanstalten, die wenig mit Erziehung und dafür umso mehr mit Arbeitsanstalten zu tun haben.

Die Anstalt „Freistatt“ gibt es wirklich. Sie galt in den 60er Jahren als eine der härtesten Erziehungsanstalten und als Endstation für Jugendliche mit fragwürdigen Heimkarrieren. Die Jugendlichen singen auf dem Weg zur Arbeit nicht umsonst das Lied von den „Moorsoldaten“, denn sie ziehen bei Wind und Wetter ins Moor, um dort Torf zu stechen. Von schulischer oder beruflicher Ausbildung keine Spur. Es ist die pure Ausbeutung der Arbeitskraft.

Erziehung bedeutet in diesen Heimen, Ungehorsam mit der Peitsche und Schikanen auszutreiben. Selbst Gewalttaten unter den Jugendlichen bleiben weitestgehend ungeahndet und werden auch nur im Notfall verhindert. Es ist also kein Wunder, dass Wolfgang bald beim leisesten Geräusch zusammenzuckt, beim Selbstmord seines besten Freundes in der Anstalt kaum eine Regung zeigt und sich nach unsagbaren Qualen schließlich voll und ganz unterordnet.

Die Auswahl der Schauspieler ist in „Freistatt“ übrigens wirklich gelungen. Louis Hofmann als Wolfgang spielt emotional auf hohem Niveau und lässt den Zuschauer an seinem Leidensweg, seinen Träumen und seiner Entwicklung zum abgestumpften, hoffnungslosen Einzelgänger teilhaben. Alexander Held als Hausvater Brockmann gibt seiner Figur eine undurchschaubaren und so vielschichtigen Charakter, dass ich bis zum Schluss nicht einordnen konnte, wie böse der Hausherr denn nun wirklich ist.

Die beiden „Gruppenleiter“ Bruder Wilde ( Stephan Grossmann) und Bruder Krapp (Max Riemelt) sind überzeugend böse. Wobei Riemelt den nachsichtigeren Part übernimmt, während Grossmann als Bruder Wilde seine Launen und Aggressionen ungefiltert an den Jugendlichen auslässt. Einzig die wenigen Damen in der Besetzung und der Großteil der“Insassen“ hätten etwas mehr aus ihren Rollen machen können.

Auffallend gut auch die musikalische Untermalung der Handlung. Fernab von Drama und Schmalz, dabei aber nah am Geschehen. Und das nicht nur bei der Musik aus dem Jahrzehnt, sondern auch zum transportieren von Stimmungen. Hier spielen Kamera und Ton perfekt zusammen, denn die Bilder bzw. Kameraeinstellungen sind nicht weniger eindrucksvoll.

Soweit so gut, aber es gibt doch ein paar Abstriche. So realistisch die Handlung sein mag, so sehr fehlt ihr doch beim großen Handlungsbogen das gewisse Etwas. Vielleicht ist es vermessen, bei einer wahren Geschichte eben so einen Bogen zu erwarten. Trotzdem fehlt der Geschichte irgendwo die erkennbare Spitze. Stattdessen gibt es mehrere kleine Spitzen, die dann aber wieder abflachen und dazwischen Elend auf gleichbleibend beklemmendem Niveau.

Meine Meinung:
„Freistatt“ ist nichts für schwache Nerven.
Die Zustände in dieser Erziehungsanstalt sind so brutal, dass ich in meinem Kinosessel immer kleiner wurde. Wolfgangs Hilflosigkeit und die Willkür der Erzieher sind von Anfang an beklemmend. Das liegt in erster Linie an der schauspielerischen Leistung der Akteure, die ihre Rollen glaubwürdig rüberbringen. Allerdings fehlte mir trotz der hohen Qualität bei all den kleinen Handlungsspitzen doch der klare Handlungsbogen. Deshalb konnte mich der Film nicht vollends überzeugen.

2 Kommentare

  1. Avatar

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    Kinofilm „FREISTATT“ geht global. – Cinema-film „SANCTUARY“ goes global.

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    Copy of my newst post in English (22.08.2015) @ http://www.ehemalige-heimkinder-tatsachen.com/phpBB3/viewtopic.php?p=994#p994 and in many other places on the Internet:

    START POST.

    KINOFILM „FREISTATT“ von Filmregisseur Marc Brummund.
    CINEMA-FILM „SANCTUARY“ by film director Marc Brummund.
    Distribution Network GmbH @ http://www.plutofilm.de/films/sanctuary/0009

    BEGINNING OF QUOTE. = ANFANG DES ZITATS.

    “A movie based on true stories, about the merciless fight of a boy to save the last bit of humanity and dignity in an oppressive system of society.”

    Synopsis

    May 1968: Rolling Stones, bell-bottoms, mini-skirts, sexual revolution, protests against the Vietnam War… While Germany sets off for a new era of freedom, rebellious fourteen-year-old Wolfgang gets sent to Freistatt, a foster home for difficult children [ i.e., a supposed “child welfare institution” run like a slave labour camp by an arm of the fundamentalist Evangelical-Lutheran Church: “Bethel”/“House of God” situated in a peat bog in the County of Diepholz in Lower Saxony. – added by MM ]. There he shall be “educated” to become a decent boy. Wolfgang puts up a determined resistance against the brutal working conditions and the perfidious education methods of the wardens; he doesn’t allow them to get him down. But for how long can he manage to resist the system of violence and oppression without brutalising himself?

    Credits

    Director: Marc Brummund
    Genre: Drama, Historical, Coming of Age, First Feature
    Original Title: Freistatt
    English Title: Sanctuary
    Country of Production: Germany
    Year of Production: 2015
    Length: 104 min
    Colour: colour
    Shooting Format: HD
    Screening Format: DCP (1:2.35, Dolby 5.1, 24fps, encrypted)
    Original Language: German
    Subtitles: English, French
    Cast: Alexander Held, Stefan Grossmann, Max Riemelt, Louis Hofmann
    Directed by: Marc Brummund
    Written by: Marc Brummund, Nicole Armbruster
    Director of Photography: Judith Kaufmann
    Edited by: Hans Funck
    Sound: Matthias Haeb
    Music: Anne Nikitin
    Produced by: Stefan Sporbert & Rüdiger Heinze
    Co-Produced by: Stefanie Groß, Barbara Häbe, DR. Götz Schmedes, Christian Bauer
    Production Company: Zum Goldenen Lamm Filmproduktion
    Co-production Company: SWR, ARTE, WDR, SR
    Supported by: the MFG Film Funding, FFA, Nordmedia, Film Fund Schleswig-Holstein, DFFF

    Poster

    [ along the same lines as the German film-poster „FREISTATT“ but with the English film-title „SANCTUARY“ emblossomed across it ]

    More information online: http://www.plutofilm.de/films/sanctuary/0009

    Contact

    PLUTO FILM
    Distribution Network GmbH
    Bayreuther Str. 9a
    D-10789 Berlin
    phone: +49 30 8430 6166
    mobile: +49 157 8227 4916
    e-mail: info@plutofilm.de

    END OF QUOTE. = ENDE DES ZITATS.

    This GERMAN CINEMA-FILM „FREISTATT“ / „SANCTUARY“, has now also been nominated – as one of eight foreign language Cinema-Films – as the „German entry for the 88th Oscar® competition in the category for Best Foreign Language Film“.
    For this and other aspects about the FILM simply GOOGLE with http://www.google.co.uk, whereupon you will also find this information and other additional information on the FILM not only in English, but also in French, Belgium, Dutch, Armenian, Italian, Spanish, Swedish, Norwegian, Danish, Russian and Chinese.

    END POST.
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    Copy of my previous post in English (19.08.2015) @ http://www.ehemalige-heimkinder-tatsachen.com/phpBB3/viewtopic.php?p=992#p992 and in many other places on the Internet:

    START POST.

    Short English language summary of the German CINEMA-FILM „FREISTATT“ by film director Marc Brummund.

    Full length MOVIE, set in the year 1968, about a still existing WEST-GERMAN EVANGELICAL-LUTHERAN INSTITUTION FOR TEENAGE BOYS – „FREISTATT“ – in Lower Saxony ( County of Diepholz ) – part of the „von Bodelschwinghschen Antalten, BETHEL“ ( = „HOUSE OF GOD“ ) ( founded in and existing since 1899 !! ) – situated in a peat bog, run and ruled throughout „with an iron fist“ by ʻbrethren of the evangelical-lutheran faithʼ as a lucrative peat-harvesting-and-manufacturing-enterprise. A LITERAL CHILD WELFARE HELL-HOLE OF THE WORST KIND !!
    This full length MOVIE „FREISTATT“, named after the INSTITUTION „FREISTATT“, which literally translated means, of all things, „REFUGE“ or „SANCTUARY“, depicts the indescribable suffering of the boys undergoing this slave labour in this Christian institution more than two decades after the Fall of the Third Reich.

    I myself, born in July 1946, was interned in this institution and subjected to this slave labour and abuse in this very peat bog in 1963.

    The BETHEL-OWNED peat manufacturing plant in „FREISTATT“ did not cease production until 1995.

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    Ich habe diese Zusammenfassung im vorletzten Beitrag hier in diesem Thread in englischer Sprache absichtlich an vielen Stellen ins Internet gestellt, damit auch das englisch sprechende Publikum weiß und erfährt um was es hier geht und was damals für lange Zeit, was Kinder und Jugendliche in totalen Institutionen betrifft, im Nachkriegsdeutschland vor sich ging. – Es wird natürlich immer wieder Leute geben, die hier und da, versuchen werden dieser Öffentlichkeitarbeit auf eine oder andere Weise entgegenzuwirken.

    I deliberately placed this English language summary in many places all over the Internet so that the English speaking public too will become aware of what went on in postwar Germany as far as the treatment (mistreatment!) of children and youth in its institutions is concerned. – Of course, there will always be people who will try to obstruct this publicity and who in one way or another work against it.

    END POST.
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  2. Avatar

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    DIAKONIE – Fürsorgehölle ANSTALT FREISTATT im Wietingsmoor.

    Ein damals ungefähr 45-jähriger Freistätter Erzieher (ev. Pfarrer), der DIE IN FREISTATT BEGANGENEN VERBRECHEN auch schon damals als solche erkannte, und sich weigerte mitzumachen, meldet sich zu Wort :

    Bezüglich den VERBRECHEN in der Bethel-eigenen Jugendwohlfahrts- und Erziehungsanstalt FREISTATT – der jetzigen TOURISTEN-ATTRAKTION „FREISTATT“ / „BETHEL IM NORDEN“
    in Deutschland :

    ANFANG EINES ZITATS EINES DIESBEZÜGLICHEN ARCHIVIERTEN LESERKOMMENTARS AUS DEM JAHRE 2008.

    Braunschweiger Zeitung, 22. September 2008

    „VERBRECHEN IM NAMEN DER KIRCHE“

    Erinnerungen eines Pfarrers im Ruhestand

    Sechs Wochen lang hat [der im Jahre 1923 geborene] Erich Helmer 1968 als Pfarrer IM DIAKONISCHEN HEIM IN FREISTATT IM KREIS DIEPHOLZ gearbeitet. Dort waren Jugendliche untergebracht, die als kriminell galten, und Jugendliche, die von ihren Eltern abgeschoben wurden.

    Helmers Auftrag lautete, die Jugendlichen zu betreuen und mit ihnen Wege aus der Kriminalität zu finden. Dazu kam er aber nicht. Die Jugendlichen mussten von morgens bis abends im Moor schuften. Freizeit gab es nicht, Räume für Einzelgespräche oder einen Hauch von Privatsphäre auch nicht.

    Helmer erlebte, wie die Jugendlichen geschlagen und getreten wurden, wie sie mit Zahnbürsten den Boden schrubben und sich abends damit die Zähne putzen mussten.

    Seine Erinnerungen an diese Zeit fasst er so zusammen:

    ANFANG DER ÄUSSERUNG EINES DIREKT INVOLVIERTEN ZEITZEUGENS.

    „Mit Überraschung und mit einem Gefühl der Scham nahm ich Ihren Artikel vom 16. September über die Misshandlung von Kindern in kirchlichen Heimen zur Kenntnis.
    Überraschung deshalb, weil die dort geschilderten Misshandlungen erst jetzt nach mehr als vierzig Jahren zur Sprache kommen.
    Scham, weil die damals verantwortlichen kirchlichen Institutionen einen Mantel des Schweigens über die Ereignisse ausgebreitet haben.
    Die geschilderten Ereignisse kann ich nur bestätigen, denn auf Votum meines damaligen Militärbischofs wurde ich 1968 für eine kurzfristige Tätigkeit in eins der genannten Heime entsandt. Die Behandlung der dort untergebrachten Jugendlichen kann man kaum wiedergeben.
    Die damals tätigen Diakone sahen in den Jugendlichen nicht mehr den Menschen als Geschöpf Gottes, sondern betrachteten sie als den Abschaum der Menschheit. Ich kritisierte seinerzeit die Heimleitungen und Diakone.
    Aufgrund der Vorkommnisse beendete ich eigenmächtig meine dienstliche Beauftragung und trug meine in dem Heim erlebten Erfahrungen sowohl dem Militärbischof als auch meiner damaligen Kirchenleitung vor. Ich wies darauf hin, dass dort im Namen der Kirche VERBRECHEN an jugendlichen Menschen vorgenommen werden.
    Meine Kritik wurde zurückgewiesen mit der Begründung, die dort untergebrachten Jugendlichen müssten äußerst hart angefasst werden, mir fehle sicher eine entsprechende Erfahrung im Umgang mit kriminellen Jugendlichen.
    Ich schäme mich, nicht schärfer und lauter protestiert zu haben.“

    ENDE DER ÄUSSERUNG EINES DIREKT INVOLVIERTEN ZEITZEUGENS.

    Dieser altgewordene Kirchenmann muß sich fragen lassen, warum er in diesen vierzig Jahren nie einen Weg gesucht hat, DAS VERSCHWEIGEN [ DIESER VERBRECHEN IN FREISTATT ] aufzubrechen.

    ENDE EINES ZITATS EINES DIESBEZÜGLICHEN ARCHIVIERTEN LESERKOMMENTARS AUS DEM JAHRE 2008.

    QUELLE: Rubrik „Zeitungsberichte“ @ http://www.spurensuche-meinung-bilden.de/index.php?id=4&topic=10&key=2
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