Film: „Als wir träumten“ von Regisseur Andreas Dresen

Als die Wende kam, war ich 11 Jahre. Was bedeutet, dass ich es in der DDR noch bis zum Thälmann-Pionier und pubertär ins neu vereinte Deutschland rutschte. Inklusive aller Verwirrung über mich und allem Übermut eines Pubertiers. Der Clique in „Als wir träumten“geht es nicht anders. Und allein das macht den Film schon für mich so reizvoll. „Als wir träumten“ hat aber noch mehr zu bieten, als eine Zeitreise in die 90er Jahre.

©Albrecht E. Arnold/ <a href="http://www.pixelio.de/media/372599" target="_blank">pixelio.de</a>

©Albrecht E. Arnold/ pixelio.de

Zum Inhalt:
In der DDR war Dani der Beste im Gedichterezitieren, Rico ein erfolgreicher Nachwuchsboxer, Pitbull immer hungrig und Mark der sensible Typ. Dann kam die Wende und die Pubertät. Beides brachte alles durcheinander. Die Jungs ziehen Nacht für Nacht durch Leipzigs Straßen, randalieren, knacken Autor, geben sich dem Suff und mancher Droge hin. Das Geld dafür verdienen sie sich mit Kohlenschleppen bei der einsamen Oma von nebenan.

Was vom Geld übrig bleibt stecken sie in den großen Traum von der eigenen Disco. Der Techno-Schuppen wird sogar zum Erfolg. Aber es dauert nicht lang und die Neonazi-Gang mischt nicht nur den Laden auf, sondern auch die Jungs. Die einen, weil sie weder die zahlfreudige Oma abgeben, noch die eigene Disco abgeben wollen. Den anderen, weil er sich an der Freundin vom Nazi-Boss vergriffen hat.

Was folgt ist eine Spirale der Gewalt und der Verlust der Illusionen. Rico (Julius Nitschkoff) hat zwar Talent, aber es reicht nicht für die große Box-Karriere. Dani (Merlin Rose) kann sein „Sternchen“ zwar erobern, aber nicht halten. Das bildhübsche Mädchen (Ruby O. Fee) landet als Stripperin in der Tabledance-Bar. Dani dafür wegen Sachbeschädigung im Jugendarrest. Am Ende wird Pibull (Marcel Heuperman) zum Dealer und Mark (Joel Basman) stirbt an einer Überdosis.

Meine Meinung:
„Als wir träumten“ war für mich eine Zeitreise in meine 90er Jahre. Zwar bin ich nicht in der Weltstadt Leipzig ins pubertäre von der Wendezeit geprägte Schlingern geraten, aber so groß sind die Unterschiede zum Dorfleben gar nicht. Wie die Leipziger Jungs in diesem Film hingen wir Abend für Abend miteinander ab, rauchten und ließen die Bierflaschen klingen. Und hatten nichts als Blödsinn im Kopf.

Prügeleien gab es vielleicht nicht auf offener Straße. Dafür war auf einigen Schützenfesten die Großprügelei vorprogrammiert und von der Dorfdisco fuhr kaum jemand nüchtern nach Hause, riskante Fahrmanöver inklusive.Manch einer pendelte ohne Pause zwischen Alkohol-, Drogen- und Liebesrausch. Andere versuchten wenigstens halbwegs in der Spur zu bleiben, um die großen Träume nicht aus den Augen zu verlieren.

Bis wir merkten, dass in diesem Land zwar alles möglich war, aber eben nicht für jeden. Und wir waren eben doch nicht die Größten. Die Verzweiflung darüber fängt „Als wir träumten“ ein und zeigt sie in schonungslosen Bildern. Bei all dem nostalgischen Wiedererkennungswert möchte man den Untergang der Protagonisten eigentlich gar nicht sehen. Aber Regisseur Andreas Dresen hält schonungslos drauf.

Und damit den Finger in der Wunde. Wenn Dani erst die Kumpels im Stich lässt, wenn sie vor seiner Haustür von einem Trupp Neonazis verprügelt werden. Wenn Dani der Nazi-Gang diesmal allein gegenübersteht und wenig später blutend am Boden liegt. Wenn Mark stirbt während Dani noch von Träumen redet. Und Pitbull zur Zielscheibe wird, weil auch er Mark den Stoff verkauft hat. Spätestens da ist der Traum auch für den Zuschauer vorbei.

Man sieht den Protagonisten des Films dabei zu, wie sie mit ihren Träumen am neuen Deutschland scheitern. Und fragt sich, ob die Freundschaft der Jungs an den neuen Verhältnissen zerbricht oder sowieso nicht gehalten hätte. Hätten sie ihren Platz in der sozialistischen Gesellschaft gefunden oder wären sie an der Enge des strikt geregelten Alltags in der DDR genauso verloren gegangen?

Mein Fazit:
Man muss kein Teenager der 90er Jahre gewesen sein, um sich in „Als wir träumten“ wiederzuerkennen. Aber alle (ostdeutschen) Teenager der Wendezeit werden die Zeit wiedererkennen, in der plötzlich keiner mehr sagen konnte, wohin es eigentlich lang geht. Die einen hatten nicht mehr die Macht dazu, die Richtung anzugeben. Die anderen noch nicht die Fähigkeiten. Leider hat der Film gegen Ende ein paar ermüdende Längen. Die Schauspieler haben ihre Botschaft längst glaubhaft vermittelt, doch es geht nur schleppend weiter. Deswegen und wirklich nur deswegen vier Sterne von mir.

Kategorie Dies+Das, Kino, Kino+Theater, Leben
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

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