FDH und frohe Ostern

Feiertage sind bei uns Familientage. Schon allein wegen der Kinder trifft man sich zu Kaffee und Kuchen oder gleich für einen ganzen gemeinsamen Tag. Da ich schon ein großes Kind bin, freue ich mich vor allem wegen der Menschen und nicht wegen der Geschenke auf diese Treffen. Blöd nur, wenn man sich auf liebe Leute freut und die dann ganz andere Prioritäten haben.

©uschi dreiucker/ <a href="http://www.pixelio.de/media/499058" target="_blank">pixelio.de</a>

©uschi dreiucker/ pixelio.de

Es ist Ostersonntag. Unsere Wohnung ist halbwegs sauber, meine Eltern sind da und die Kinder schon ziemlich aufgeregt. Denn sie wissen: Gleich fahren wir zur Tante mit dem großen Garten und dann kommt der Osterhase. Der bringt dieses Jahr nicht ein gefärbtes Hühnerei, aber halbwegs sinnvolle Spiele und natürlich jede Menge Süßigkeiten.

Als wir bei besagter Tante eintrudeln, gibt es gleich eine Überraschung für mich. Denn zu den Gästen gehören dieses Mal auch Menschen, die ich seit Jahren nicht gesehen habe. Leute, mit denen ich über drei Ecken verwandt bin, die in einer Stadt wohnen, zu der ich keinen Bezug mehr habe, die auf keinem meiner Wege liegt und die ich deshalb wohl auch so schnell nicht wieder besucht hätte.

Aber allein der Klang ihrer Stimmen versetzt mich in einer andere Zeit. Eine Zeit, in der ich auf dem Sofa meiner Oma Kakao (extra schokoladig) geschlürft und Himbeeren (frisch aus dem Garten) genascht habe. Also die pure Erinnerung an eine kleine heile Welt.

Die Freude meinerseits war also groß. Und entsprechend herzlich habe ich die beiden auch begrüßt. Nicht einmal der etwas gestelzte Small Talk mit dem Mann konnte dem einen Abbruch tun, denn ich kannte ja seine schrullige Art noch von früher. Und während des eigentlich recht entspannten Nachmittags hatte ich mit den Kindern und meinen Eltern genug zu tun, als das da ein mehr an Gespräch herausgekommen wäre.

Doch dann kam der Abschied. Und obwohl wir kaum drei Sätze mit einander gewechselt hatten, verabschiedete ich mich von den beiden genauso herzlich, wie ich sie begrüßt hatte. Statt eines freundlichen „Auf Wiedersehen!“ bekam ich nach kurzem Zögern allerdings drei simple Buchstaben an den Kopf geknallt: „FDH“.

FDH, also „Friss die Hälfte“. Das war ein Schuss vor den Bug. Der mich (noch) nicht sprachlos machte. Meine resolute Antwort war sowas wie: „Nein, ich hab momentan ganz andere Baustellen und davon mehr als genug.“ Die Antwort darauf war sogar noch einen Zacken schärfer: „Aber du würdest dich besser fühlen.“

Ein starkes Stück! Schließlich ist es ja nicht so, dass sie mich während der vergangenen fünf Stunden auch nur einmal nach meinem Befinden gefragt hätte. Nach Jahren des Nichtsehens, Nichthörens und Nichtfragens gab es also völlig aus der Kalten einen super Tipp zur Steigerung meiner Lebensqualität. Ohne meine Leben und dessen Qualitäten zu kennen.

Ich kann nicht behaupten, dass ich dieser Frau jemals sonderlich nahe stand. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich mit meiner Figur zufrieden bin. Die Frau war schon immer irgendwie anders und ich hab wirklich ein paar Kilo zu viel drauf. Selbst nach meinem Geschmack und Wohlfühlsinn.

Aber: What the Fack? Ist es wirklich das, worauf es ankommt, wenn man seine eigenen Leute nach Jahren wiedersieht? In meiner kleinen Welt jedenfalls nicht. Und ich ärgere mich noch immer, dass mich ihr Verhalten so ärgert, dass sie mich so getroffen hat. Denn das hat sie.

Meine Schutzschilde waren deaktiviert, weil ich im Traum nicht mit einer Attacke gerechnet habe. Ich glaubte mich unter Freunden, Menschen mit echtem Wohlwollen oder wenigstens Interesse. Für ihre Begriffe hat sie sicher sehr viel Wohlwollen gezeigt mit diesem Lebenstipp. Für meine Begriffe kann sie sich ihren erhobenen Zeigefinger sonstwohin stecken.

Es tut weh, diese Haltung einnehmen zu müssen. Denn wie oben beschrieben steht diese Frau für eine sorglose Zeit. Für eine schöne Erinnerung an Menschen, die es schon viel zu lange nicht mehr gibt. Für eine Welt, in der Kakao und Himbeeren noch gegen Weltschmerz halfen. Das hat sie kaputt gemacht. Weil sie nicht einmal interessiert genug war, nach dem Warum zu fragen. 

Kategorie Dies+Das, Leben
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

4 Kommentare

  1. Avatar

    Boah ist das übel… ich kann total verstehen dass dich das so abgefackt hat 😉 Würde mir genauso gehen. Und bei Verwandten ist man ja auch nicht so zurückschlage kräftig wie man vielleicht woanders wäre, einfach nur perplex und schwört sich dann heimlich, nie wieder hinzugehen oder zumindest noch weniger. Solche Leute kenn ich auch, einfach nur bescheuert… und auch traurig. Ich hoffe du kannst bald genug Abstand dazu bekommen denn wie du schon sagtest wirklich an dir interessiert schien sie eh nicht zu sein… Liebe Grüße, Frida

    • Tulpentopf
      Tulpentopf

      Hallo Frida, ich werde diesen Teil der Verwandtschaft frühestens in einem Jahr wiedersehen. Und vielleicht lässt sich sogar das vermeiden. Aber loswerden musste ich dieses blöde Erlebnis trotzdem. Wozu hab ich denn den Blog *grins*
      Vielen Dank für deine lieben Worte.

  2. Avatar

    Wahhhh!!!!
    Ich glaube es nicht! Wie kann man so sein.
    Aber es gibt es wohl immer wieder. Der gegenüber macht sich keine Gedanken. Jahrelang,. Und plötzlich versucht er Tips zu geben?
    Da hilft nur: Schutzschild hoch und sich für das nächste Treffen was überlegen. Oder eben gar nicht treffen.
    Liebe Grüße
    Suse

    • Tulpentopf
      Tulpentopf

      Ja, normalerweise sind meine Schutzschilde von Natur aus oben. Aber hier war die Freude übers Wiedersehen zu groß. Kommt im Falle dieser Menschen sicher nicht wieder vor.
      Danke für deine Worte!

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